Hamburg

Sportspaß: Vorstände streiten vor Gericht – wegen Corona

Ärger bei Sportspaß in Hamburg (Archivbild)

Ärger bei Sportspaß in Hamburg (Archivbild)

Foto: dpa Picture-Alliance / Maurizio Gambarini / picture-alliance/ dpa

Corona-Regeln missachtet? Der 2. Vorsitzende des Freizeitsportvereins klagt gegen ein vom 1. und 3. Vorsitzenden verhängtes Hausverbot.

Hamburg. Mit Gerichten kennt sich Stefan Friz aus – kein Wunder, er ist Arbeitsrechtler. Doch am Donnerstag ficht der Jurist beim Amtsgericht Hamburg St. Georg von 14.30 Uhr an in Sitzungssaal 2.02 einen äußerst ungewöhnlichen Kampf aus: Bei der mündlichen Verhandlung soll das gegen ihn verhängte Hausverbot bei Sportspaß e. V. aufgehoben werden. Das Kuriose: Dieses Verbot haben zwei Mitglieder des Vereinsvorstands beschlossen, dem Friz selbst als 2. Vorsitzender angehört.

Vorstand gegen Vorstand bei Hamburgs größtem Freizeitsportverein (aktuell rund 55.000 Mitglieder) – wie konnte es dazu kommen?

„Herr Friz hat sich in sehr vielen Fällen, trotz aller Bitten, Aufforderungen und Verbote der Mitarbeiter, bewusst und über den Zeitraum mehrerer Wochen über diverse Corona-Schutzmaßnahmen hinweggesetzt, die nach den in unserer Stadt geltenden Regeln erforderlich sind, um den Sportbetrieb zu ermöglichen. Wer in einem Verein eine Aufgabe übernimmt, sollte Regeln vorbildlich erfüllen und nicht Andere an der Erfüllung hindern“, begründet Sportspaß-Vorsitzender Michael Weidmann, der das Hausverbot am 28. Juni mit dem 3. Vorsitzenden Alexander Kramer erteilte, die harte Maßnahme.

Sportspaß: Mundschutz verweigert?

In dem Schreiben, das dem Abendblatt vorliegt, wird Friz unter anderem vorgeworfen, er habe sich am 15. und am 22. Juni geweigert, im Center City Nord einen Mundschutz zu tragen und sich so – auch für alle anwesenden Mitglieder sichtbar – längere Zeit im Center aufgehalten. Darüber hinaus hätte er sich „unangemessen“ gegenüber Rezeptionskräften im Center City Nord verhalten. Als Konsequenz wurde ihm verboten, die Center oder andere vom Verein genutzte Sportstätten zu betreten oder an Sportangeboten teilzunehmen.

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Gegen dieses Vorgehen wehrte sich Friz Anfang Juli, indem er beim Amtsgericht einen Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung stellte. In dem Schreiben weist er alle Anschuldigungen mittels einer Eidesstattlichen Versicherung zurück und ergänzt dabei, dass er am 15. Juni überhaupt nicht in Hamburg gewesen sei. Friz glaubt vielmehr: „Seit den Vorstandswahlen im Januar versucht man kontinuierlich, mich als 2. Vorsitzenden kaltzustellen.“

"Beschneidet meine Rechte als Vorstandsmitglied"

Als Beleg führt Friz in seinem Antrag einen Vorstandsbeschluss vom Mai an, wonach die Geschäfte des Vereins künftig vom 1. und 3. Vorsitzenden geführt werden, also von Weidmann und Kramer. Der 2. Vorsitzende werde über „Handlungsbedarfe und Ergebnisse grundsätzlich und im Einzelfall nach Bedarf informiert“. Dieses Vorgehen, so Friz, „beschneidet meine Rechte als Vorstandsmitglied“.

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Fakt ist, dass die Führung von Sportspaß (Vorstand und Geschäftsführung) nach etlichen Abgängen in der jüngeren Vergangenheit noch nicht wieder komplett ist. Der Schatzmeisterposten im Vorstand ist seit Monaten vakant. Und auf der Geschäftsführerebene ist nach dem Ausscheiden des langjährigen Sportspaß-Geschäftsführers Jürgen Hering und Bianca Wazlawski (gekündigt Ende März) nur noch Kristina Vock übrig – und die befindet sich in Elternzeit.

Weiterer Zwischenfall

„Deshalb haben wir entschieden, dass Herr Kramer und ich uns vorübergehend ehrenamtlich die Geschäftsführung teilen und dabei die mittlere Personal- und Verwaltungsleitung einbeziehen“, erklärt Weidmann während des Telefonats mit dem Abendblatt und kündigt an: „Selbstverständlich streben wir an, wieder eine hauptamtlich tätige Geschäftsführung zu installieren.“

In dem Telefonat drückt Weidmann auch sein Bedauern über den Vorgang aus: „Das hatten wir uns anders vorgestellt. Ich würde mir wünschen, dass wir wieder an einem Strang ziehen.“ Sogar eine weitere Zusammenarbeit mit Friz nach dem Prozess kann sich der 56-Jährige vorstellen: „Die Bereitschaft von unserer Seite ist jedenfalls da, wir wollen niemandem etwas Böses, der sich positiv für Sportspaß einsetzen möchte.“

Kein Check-in möglich

Ob die Basis dafür wirklich gegeben ist, bleibt abzuwarten, zumal sich in der vergangenen Woche ein weiterer Zwischenfall ereignete. Nachdem Friz den dreiköpfigen Beschwerdeausschuss bei Sportspaß angerufen hatte, hob dieser das Hausverbot am 14. Juli schriftlich auf und kritisierte dabei das Vorgehen des Vorstands scharf. Ausschussmitglied Jens Jaenecke: „Neben Satzungsverstößen hat die Vereinsführung an den Ausschuss gerichtete Beschwerden und Post zurückgehalten, vorab selbst entschieden und selbst geantwortet.“ Auf Nachfrage teilte Weidmann hierzu mit: „Der Beschwerdeausschuss war in diesem Fall laut Satzung nicht zuständig.“

Als Friz aber – nach dem Eingreifen des Beschwerdeausschusses – am 15. Juli das Center City Nord aufsuchte, um wieder am Sportbetrieb teilzunehmen, waren die Rezeptionsmitarbeiter nicht bereit, ihn einzuchecken, wie Friz dem Abendblatt bestätigt. Nach seiner Schilderung tauchte nach 45 Minuten sein Vorstandskollege Kramer auf, der ihn aufforderte, das Gebäude unverzüglich zu verlassen. Als sich Friz weigerte, sei er kurz darauf noch einmal erschienen – in Begleitung von zwei Polizistinnen.

17 Stunden getagt

Schon im Protokoll der Mitgliederversammlung vom 26. November ist nachzulesen, wie sich die Wege von Friz und Weidmann das erste Mal kreuzten. Damals stellte der gebürtige Hamburger Weidmann, im Hauptberuf seit vielen Jahren als Verleger tätig, als einfaches Mitglied den Antrag, dass die Versammlung nicht von einem Mitglied des Vorstands geleitet werden solle, sondern von „einem oder zwei Mitgliedern aus der Versammlung, die entsprechende Erfahrung und Befähigung haben“.

Während die damalige Geschäftsführerin Wazlawski stattdessen vorschlug, dass Friz mit Unterstützung einer Rechtsanwältin die Versammlung leiten solle, schloss sich die Mehrheit der 186 stimmberechtigten Mitglieder nach einigen Diskussionen und zwei Wahlgängen (der erste war ungültig) dem Antrag Weidmanns an, der kurz darauf die Leitung der Versammlung übertragen bekam.

Vorstand gegen Vorstand

Weil bei der Sitzung im November nicht alle Punkte abgearbeitet werden konnten, wurde diese im Januar fortgesetzt. „Insgesamt haben wir 17 Stunden getagt“, rechnet Weidmann zusammen, der schließlich auch von den Mitgliedern am 10. Januar zum (ehrenamtlichen) 1. Vorsitzenden gewählt wurde.

Ein weiteres Kuriosum: Weder der neue Vorstand noch das Protokoll wurden bis heute im Vereinsregister eingetragen. Während Weidmann darauf verweist, dass das Protokollieren der langen Sitzungen Zeit in Anspruch genommen habe, die Sache nun beim Notar liege und man die Eintragung erwarte, sagt Friz: „Da weder Herr Weidmann noch Herr Kramer im Vereinsregister als Vorstandsmitglieder eingetragen sind, ist die Anordnung des Hausverbots rechtswidrig.“

Mitgliederbeiträge erhöhen

Vorstand gegen Vorstand – die Führungskrise trifft Sportspaß mitten in der Corona-Pandemie. Schon bei der Mitgliederversammlung im November konnte laut Protokoll eine Unterdeckung des Girokontos in Höhe von 220.000 Euro nur durch eine Erhöhung der Mitgliederbeiträge vermieden werden. „Damals wurde die große Finanznot offenbar, es galt, den Verein zu retten“, sagt Weidmann rückblickend. Bis zum Lockdown im März sei man aber wieder in die schwarzen Zahlen gekommen, führt er weiter aus und bleibt optimistisch. „Natürlich gibt es weniger Neueintritte seit April, aber wir haben fünf unserer sieben Center wieder geöffnet. Wir sind zufrieden mit der Entwicklung.“

Der Kampf um die Mitglieder und die Finanzen bleibt dennoch die größte Herausforderung für den Sportspaß-Vorstand, wie auch immer er sich künftig zusammensetzen wird. Im Rekordjahr 2014 freute sich Sportspaß noch über 75.000 Mitglieder, sechs Jahre später sind es 20.000 weniger. 2016 trat der Verein aus dem Hamburger Sportbund aus, um Verbandsabgaben zu sparen. Im Juli 2019 startete Sportspaß eine Volkspetition, um Fördergelder der Stadt zu erhalten. Ab Oktober mussten etliche Kurse in Schulsporthallen aus Kostengründen gestrichen werden.