Planten un Blomen

Café Seeterrassen: Viele offene Fragen und Kritik am Senat

| Lesedauer: 6 Minuten
Friederike Ulrich
Abrissreif oder sanierungsfähig? Das 1953 erbaute Café Seeterrassen in Planten un Blomen.

Abrissreif oder sanierungsfähig? Das 1953 erbaute Café Seeterrassen in Planten un Blomen.

Foto: MARCELO HERNANDEZ / FUNKE Foto Services

Ist der Pavillon abrissreif oder sanierungsfähig? Ein vom Messechef erwähntes Gutachten über Baumängel gibt es nicht.

Hamburg.  Der Streit um Abriss oder Erhalt des Cafés „Seeterrassen“ in Planten un Blomen geht in die nächste Runde. Nachdem Messechef Bernd Aufderheide im Abendblatt und in anderen Medien erklärt hatte, warum eine Sanierung des 1953 errichteten Pavillons nicht in Frage komme, meldet sich nun Claas Gefroi zu Wort.

Café Seeterrassen: Online-Petition gegen Abriss

Der Architekturjournalist und -kritiker, der bei einer privat initiierten Online-Petition bereits mehr als 1900 Unterschriften gegen den Abriss sammelte, hat nun mit einer öffentlichen Stellungnahme auf Aufderheides Äußerungen reagiert, die „nicht unwidersprochen blieben“ könnten.

Zehn Punkte kritisiert Gefroi: So habe die Stadt, die über ihre Gesellschaften immer Besitzerin des Gebäudes war, das Gebäude verkommen lassen – dabei müssten „Gebäude in öffentlicher Hand so erhalten und gepflegt werden, dass es nicht zu Sanierungsstaus kommt“. Zudem müsse das vom Messechef erwähnte Gutachten des Bezirks Hamburg-Mitte über den Zustand des Gebäudes offengelegt werden.

Schäden könnten "bei überschaubarem Aufwand" behoben werden

„Welche Kosten für eine Sanierung akzeptabel sind und welche nicht mehr, ist eine politische Entscheidung“, so Gefroi. Die Behauptung, das Café „Seeterrassen“ sei damals nur für eine Existenz von zehn Jahren ausgelegt gewesen, zweifelt er an. Gebäude mussten und müssen stets so geplant und eingerichtet werden, dass sie den gültigen Anforderungen und Normen ihre Zeit und damit der Bauordnung entsprächen.

Die geschilderten Schäden wie Fassadenrisse, Schimmelbildung, verrostete Stahlträger sowie schadhafte Türen und Fenster könnten seiner Meinung nach „bei überschaubarem Aufwand“ behoben werden.

Dass ein Erhalt das Doppelte eines Neubaus kosten würde, hält Gefroi für „aus der Luft gegriffen“, da die Messe GmbH die Sanierungskosten gar nicht berechnet habe. Auch dass ein neuer Café-Pächter die Kosten für Sanierung oder Neubau über die Pacht wieder einspielen soll, stellt Gefroi in Frage: Das Café sei Teil einer öffentlichen Parkanlage – und diese unterlägen keinen Wirtschaftsgrundsätzen oder Gewinnorientierung.

Planten un Blomen sei durch Gartenschauen in den Jahren 1953, 1963 und 1973 geprägt worden – der Pavillon sei einer der letzten Bauten, die noch aus den 1950er-Jahren erhalten seien. „Eine geschlossen erhaltene Parkgestaltung mit mehreren Zeitschichten der Nachkriegsmoderne gibt es nirgendwo sonst in Deutschland und ist von außerordentlichem Wert. Ein Abriss würde irreparable Schäden anrichten“, so Claas Gefroi.

Öffentlichkeit müsse über Pavillion verfügen können

Kritik übt er auch daran, dass die Messe GmbH bis heute kein Nutzungskonzept vorgelegt habe. „Ein Neubau würde überwiegend für Veranstaltungen der Messe GmbH genutzt werden“, vermutet er. Der Pavillon müsse aber zur Gänze der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Wenn nach der Sanierung nicht die gesamte Fläche für Gastronomie benötigt werde, könne man hier auch Platz für Ausstellungen bieten, beispielsweise über die Geschichte von Planten un Blomen berichten.

Und die ist in der Tat wechselhaft: Die Parkanlage ist aus dem 1863 eröffneten „Hamburger Zoologischen Garten“ hervorgegangen, für dessen Bau Ernst Freiherr von Merck 800 Aktionäre gewonnen hatte. Nachdem der Zoologische Garten durch die Eröffnung des Tierparks von Carl Hagenbeck 1907 in Schwierigkeiten geraten war und sein kulturelles Angebot um Ausstellungen erweitert hatte, wurde 1923 die „Zoo-Ausstellung-Hallen AG“ gegründet und 1948 in „Ausstellungspark der Freien und Hansestadt Hamburg“ umbenannt.

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Mit neuen Hallen ab 1951, dem Bau des Congress Centrums 1973 und weiteren Neubauten ab 2004 entwickelte sich die heutige Hamburg Messe und Congress GmbH. Sie ist immer noch Eigentümerin des Geländes, hat es aber 1974 der Stadt auf unbestimmte Zeit zur Nutzung überlassen.

Kein Denkmalschutz wegen baulicher Veränderungen

Die Pflege und Bewirtschaftung obliegt dem Bezirk Hamburg-Mitte. Ein Gutachten, wie es Messechef Aufderheide erwähnt hat, liegt dort nicht vor – und wurde auch nicht in Auftrag gegeben. „Es gibt lediglich eine umfangreiche Auflistung der Bauschäden durch die Sprinkenhof AG“, so eine Sprecherin. Das städtische Unternehmen, dass in der Parkanlage mehrere Immobilien betreut, äußerte sich dazu auf Nachfrage nicht.

Was im Bezirk Hamburg-Mitte allerdings vorliegt, ist eine „Zusammenstellung des historischen Sachstands“ des zuständigen Fachamts. Darin wird für den Erhalt des Pavillons plädiert. „Bauten oder Ensembles der frühen Nachkriegsmoderne sind in Hamburg rar“, heißt es in dem am 15. Juli erstellten, mit historischen Fotos bebildertem Schreiben, das dem Abendblatt vorliegt.

Ist Erhalt der Substanz nachhaltiger als Abriss und Neubau?

Insbesondere das Zusammenspiel von Hochbau, Freiraum und Außengastronomie sei „sicherlich als zeittypisch“ einzuordnen. Zudem sei „unter dem Stichwort der Nachhaltigkeit zu überlegen, ob der Erhaltung der Substanz größeren Stellenwert einzuräumen ist, als Abriss und Neubau“. Die Prüfung, ob eine Erhaltung oder gar Rückführung auf den Originalzustand der Entstehungsphase von 1953 möglich oder sinnvoll ist, sei „von der Denkmaleigenschaft unabhängig.“

Auch die Stadtteilkonferenz von Mitte ist mehrheitlich dafür, dass das Café Seeterrassen als Gebäude erhalten bleibt. „Es fehlte immer ein Gesamtkonzept für einen ganzjährigen Betrieb. Ein Neubau ändert daran nichts, ein gutes Konzept kann jedoch genauso gut in sanierten Räumen stattfinden“, sagt Anwohnerin Jutta Kodrzynski.

Aus Sicht der Kulturbehörde kommt dem mehrfach veränderten und 1963 aufgestockten Pavillon kein Denkmalwert zu. Claas Gefroi will das nicht gelten lassen und verweist auf die Alsterschwimmhalle und das Teehaus, die trotz Umgestaltungen unter Schutz stehen und aufwendig saniert wurden. Die Behörde hält dagegen: Diese Veränderungen hätten „nicht so schwer gewogen wie im Falle des Café ,Seeterrassen’“, so eine Sprecherin.

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