Pandemie

Lufthansa-Pilot von Corona auf dem Boden ausgebremst

Lufthansa-Kapitän Sigurd Behrens vermisst seine Arbeit – er ist seit Juni in Kurzarbeit.

Lufthansa-Kapitän Sigurd Behrens vermisst seine Arbeit – er ist seit Juni in Kurzarbeit.

Foto: Marcelo Hernandez

Sigurd Behrens spricht im Abendblatt-Interview darüber, wie es ist, am Boden zu sein und auf den Neustart zu hoffen.

Hamburg.  Sigurd Behrens (51) ist Lufthansa-Kapitän (A340 und A330) und gewohnt, um die Welt zu fliegen. Doch Corona hat alles verändert – vorerst jedenfalls. Im Abendblatt-Interview in einem Lufthansa-Konferenzraum auf dem Airport der Hansestadt spricht der Hamburger Familienvater darüber, wie es ist, am Boden zu sein und auf den Neustart zu hoffen.

Hamburger Abendblatt: Wenn Sie zum Himmel schauen, was sehen Sie – außer Sternen vielleicht?

Sigurd Behrens: Ich schaue schon sehnsüchtig nach oben, wenn ich mal ein Flugzeug erblicke. Und sehe dann auch gleich in der App nach, was für ein Flug das denn ist. Neulich zum Beispiel war es ein Frachter von Amsterdam nach Shanghai.

Was empfinden Sie dabei, kaum noch Flugzeuge am Himmel zu sehen?

Behrens: Ein schmerzhaftes, ein ungewöhnliches Gefühl.

Hier auf dem Flughafen ist sehr wenig los.

Behrens: Ja, das ist skurril. Als ich zum ersten Mal während des Lockdowns von Hamburg nach Frankfurt geflogen bin, stand ich am Montagmorgen am Gate – und es war kaum ein Mensch am Terminal zu sehen.

Haben Sie in Ihrem Berufsleben – abgesehen von 9/11 - mit einem solchen Szenario gerechnet?

Behrens: Wir haben schon einige Krisen gehabt, beispielsweise den Vulkanausbruch auf Island, bei dem tagelang der Flugverkehr stillstand. Die Art des Auslösers ist jetzt aber ein anderer, und es nicht absehbar, wie lange das dauert. Das schafft Unsicherheit.

Sie vermissen den Flug über den Wolken?

Behrens: Auf alle Fälle. Vor allem die Aufgabe, Menschen an ihr Wunschziel zu fliegen. Denn das ist eine sehr dankenswerte Aufgabe. Ich habe immer wieder die Bilder vor Augen, bei denen sich Menschen bei der Ankunft in den Armen liegen, einander küssen, mit Blumensträußen begrüßen. Wir als Airline-Mitarbeiter sind ein kleiner Teil davon, dass sich Liebende, Familien und Freunde wieder treffen können. Und darüber hinaus vermisse ich natürlich auch, mit der Crew einen solchen Flug durchführen zu können.

Wie sind Sie mit Ihren Kollegen vernetzt?

Behrens: Das ist sehr vielfältig und gut organisiert. Wir sind beispielsweise mit der Flottenleitung in ständigem Kontakt, zum Beispiel über Videokonferenzen oder andere digitale Medien. Über die Unternehmenskommunikation erhalten wir darüber hinaus regelmäßige Updates über die aktuelle Lage. Innerhalb der Kollegen haben wir uns über WhatsApp-Gruppen vernetzt. Wir kommunizieren mehr als an normalen Tagen, weil das Bedürfnis größer geworden ist

Was sind das für Mitteilungen?

Behrens: Schön sind Nachrichten, wenn ein Land die Einreiserestriktionen aufhebt, sodass wir den Flugbetrieb dorthin wiederaufnehmen können. Zum Beispiel, dass wir nach jetzigem Stand ab September voraussichtlich auch wieder Südafrika anfliegen werden.

Vor einigen Wochen haben Sie Masken von China nach Deutschland geflogen.

Behrens: Ja. Die Restriktionen der Chinesen waren sehr streng. So mussten wir die Zeit bis zum Rückflug in strenger Hotel-Quarantäne verbringen.

Wie viele Masken haben Sie nach Deutschland gebracht?

Behrens: Das waren pro Flug mit dem Airbus A330 rund dreieinhalb Millionen Masken. Geflogen sind wir von Seoul über Shanghai nach Frankfurt.

Coronavirus – die Fotos zur Krise

Wie ist das, Masken statt Menschen zu fliegen?

Behrens: Für das Kabinenpersonal ist es ein größerer Unterschied als für uns im Cockpit. Die Masken sind still. Bei Menschen ist mehr Leben und Abwechslung dabei. Und die Bord-Durchsagen habe ich mir bei den Masken erspart (lacht).

Einen Flug haben Sie im Auftrag der Bundesregierung übernommen.

Behrens: Es war ein Repatriierungsflug für Bundesbürger im Auftrag des Auswärtigen Amtes von Namibia nach Frankfurt. Alles hat hervorragend geklappt. Aber auch hier waren für uns die Restriktionen vor Ort sehr streng. Vor dem Rückflug haben wir in Namibia in einer Lodge übernachtet, jeder bekam sein eigenes Haus und durfte es nicht verlassen. Kein Internet, kein Telefon, kein Radio, kein Fernsehen, kein Kontakt zu den anderen in der Crew.

Wie lange dauerte das?

Behrens: Einen Tag und eine Nacht. Es war eine neue Erfahrung. Zum Glück hatte ich etwas zu lesen mit.

Wohin ging Ihr bislang letzter Flug?

Behrens: Das war ein Frachter-Sonderflug nach Shenzhen im Norden von Hongkong. Im Juni wurde ich dann in die Kurzarbeit geschickt, und nun habe ich Urlaub, danach fängt der Bereitschaftsdienst an.

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

Wie haben Sie die ersten Tage in Ihrer Kurzarbeit verbracht?

Behrens: Meine Frau und unsere beiden Kinder genießen es, dass ich mal längere Zeit zu Hause bin. Außerdem bin ich gern in unserem Garten und habe Zeit für mein Hobby, das Windsurfen. Aber ich bin immer mit einem Ohr bei der Firma.

Von wem werden Sie die Nachricht erhalten, dass Sie wieder fliegen können?

Behrens: Durch die Einsatzplanung. Jetzt im Juli stehen für mich drei routinemäßige Simulator-Termine in Frankfurt an. Alles Weitere – wie etwa reduzierte Arbeitszeiten oder die Genehmigung der Flüge durch die einzelnen Staaten – liegt nicht in meiner Hand.

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Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn es für Sie wieder losgeht?

Behrens: Es ist ein toller Moment, wenn die Maschine nach dem Start mit der Nase in Richtung Himmel hochgeht. Und darauf freue ich mich. Und dass ich dann wieder Menschen und Kulturen miteinander verbinden kann und unsere Gäste an ihr Wunschziel fliegen darf.

Und die Nase des Kapitäns trägt einen Mund-und-Nasen-Schutz?

Behrens: Im Cockpit tragen wir insbesondere vor dem Hintergrund der Sicherstellung von Sensorik und nonverbaler Kommunikation keine Maske. Während des Aufenthalts am Boden bei geöffneter Cockpittür und der Nichteinhaltung des Mindestabstandes tragen aber auch wir selbstverständlich eine Maske.