Pandemie

Generation Ratlos: Was kommt nach dem Corona-Abitur?

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Elisabeth Jessen
Corona macht vielen jungen Leuten einen Strich durch die Rechnung.

Corona macht vielen jungen Leuten einen Strich durch die Rechnung.

Foto: Getty Images

Reisen ist kaum möglich und Ausbildungsplätze sind rar. Was Experten jungen Menschen in dieser Situation jetzt raten.

Hamburg. Man könnte sie Generation Planlos nennen. Für die gut 9000 Hamburger Abiturienten ist die nahe Zukunft wegen der Corona-Pandemie jedenfalls viel weniger planbar als für frühere Jahrgänge. Es gibt weniger Ausbildungsplätze und kaum Praktikumsangebote. Work&Travel, Sprachkurse im Ausland oder ausgedehnte Reisen sind auch nicht möglich. Und wer zum Wintersemester ein Studium plant, wird ein anderes Campus-Leben kennenlernen als Studenten, die länger dabei sind.

Für den Abiturienten Valentin war bis zum Beginn der Corona-Pandemie der Plan klar, das kommende Jahr durchgetaktet. Nach dem Abitur wollte der 18-Jährige jobben und Geld für eine mehrmonatige Reise durch die USA verdienen. Nach dieser einjährigen Auszeit hatte er vor, sich an einer Wirtschaftsuni einzuschreiben und BWL mit Schwerpunkt Marketing zu studieren. Schon seit einem Schülerpraktikum war für ihn seine Berufsrichtung klar. Abgesehen davon, dass er nun sein Abitur in der Tasche hat, ist jetzt aber alles andere ungewiss.

Abitur in der Corona-Krise: Und jetzt?

Seine jüngste Idee, im August eine Ausbildung zum Kaufmann für Marketingkommunikation zu beginnen und erst danach zu studieren, wird wohl nicht funktionieren. Denn es hagelte bereits Absagen, einige Firmen meldeten sich nicht einmal zurück. Und auch beim Arbeitsamt ist es für junge Menschen, die ins Berufsleben starten wollen, gerade sehr schwierig, weil die Agentur für Arbeit nur telefonisch erreichbar ist.

Wie Valentin ergeht es den meisten seiner Schulfreunde – nur die wenigsten wissen, wie sie das kommende Jahr sinnvoll gestalten sollen.

Auch im Wintersemester nur zehn Prozent Präsenzlehre

„Sicherlich ist die gegenwärtige Situation für die Schulabgänger komplizierter als für diejenigen vor einem Jahr“, sagt Prof. Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg. „Wenn man davon ausgeht, dass die Situation sich innerhalb von einer Jahresfrist wieder normalisiert, dann käme es vielleicht darauf an, ein Jahr zu überbrücken, falls man bei der Suche nach Ausbildungsplätzen, Praktika und dergleichen Pech gehabt haben sollte.“ Er empfehle ein freiwilliges Jahr im sozialen Bereich oder auch in anderen Bereichen, die junge Leute gerne als Menschen aufnehmen, die hungrig nach realen Erfahrungen sind. „Eine ganze Reihe von Hochschulen beispielsweise anerkennt solche Lernleistungen auch teilweise oder ganz für bestimmte Studiengänge“, sagte Lenzen. Darüber sollten sich die Jugendlichen aber vorher erkundigen.

Der Uni-Präsident glaubt zudem nicht, dass es im kommenden Wintersemester gar kein Campus-Leben geben wird. „Lediglich der größte Teil der Lehrveranstaltungen wird nicht auf dem Campus stattfinden können. Dem gegenüber sollen Bibliotheken, Lernplätze, Praktikumsplätze aber benutzbar sein.“ Lenzen zufolge versuchten viele Universitäten, gerade für die Studienanfänger die geringe Zahl von Präsenzveranstaltungen zu reservieren. „Nach jetzigem Stand wird der Anteil der Präsenzlehre bei Beibehaltung des Abstandsgebots, der Zwischenlüftungsgebote und der Reinigungsgebote von Plätzen und Materialien maximal zehn Prozent betragen können, etwas unterschiedlich von Fach zu Fach. Der Rest wird in digitaler Form angeboten werden müssen“, so Lenzen.

Corona hat die Zukunftspläne vieler junger Menschen durcheinandergebracht

Dass junge Menschen keine Idee für ihr künftiges Leben haben, sei nicht ungewöhnlich und habe mit der Corona-Pandemie nichts zu tun, sagte der Uni-Präsident. „Den Platz im Leben findet man dadurch, dass man lebt. Gerade für diese jungen Menschen empfehle ich Erfahrungen jedweder Art in beruflichen, sozialen, wirtschaftlichen oder anderen Bereichen zu suchen. Gerade der Sozialbereich benötigt ehrenamtliche Helfer in der gegenwärtigen Situation.“

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Das bestätigt Torsten Dalitz, Leiter der Freiwilligendienste des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, der in Hamburg Dachverband von rund 400 sozialen Organisationen ist. „Nach der Schule einen Bundesfreiwilligendienst (BFD) oder ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) zu machen ist gerade in diesem wirtschaftlich unsicheren Jahr eine sinnvolle Entscheidung. Zahlreiche soziale Einrichtungen bieten sogar noch ab diesem Sommer freie Plätze an“, so Dalitz. Corona habe die Zukunftspläne vieler junger Menschen durcheinandergebracht oder sogar zerstört. Viele Schulabsolventen seien verunsichert: Ist die angestrebte Ausbildung oder das anvisierte Studium in dieser wirtschaftlich angespannten Lage sinnvoll? Ist das Ziel, erst mal mit einem Aushilfsjob Geld zu verdienen, jetzt noch realistisch? „Für junge Leute ist momentan völlig unklar, wie sie ins Berufsleben starten können. Die wirtschaftliche Unsicherheit lässt viele bisher sichere Berufe plötzlich in ganz anderem Licht erscheinen. Wir wissen von Arbeitgebern, die ihre Zusage eines Ausbildungsplatzes zurückgezogen haben. Andere scheuen sich, weitere Azubis einzustellen“, sagt Torsten Dalitz.

Nicht verunsichern lassen

Ein FSJ oder ein BFD seien der ideale Weg, erste Berufserfahrung zu sammeln, Geld zu verdienen und sozialversichert zu sein sowie eine gesellschaftlich relevante Tätigkeit auszuüben. Beides könne in Vollzeit oder Teilzeit absolviert werden und dauere zwischen sechs und zwölf Monaten, könne aber auch auf 18 Monate verlängert werden, was laut Dalitz derzeit einige junge Menschen machen, denen der Ausbildungsplatz weggebrochen ist. Einsatzmöglichkeiten gebe es für junge Menschen zwischen 16 und 27 Jahren zum Beispiel in Kitas, Einrichtungen der Behindertenhilfe, in Seniorenheimen oder Jugendtreffs. Die Teilnehmenden erhalten Verpflegungsgeld, ein monatliches Taschengeld und kostenfreie Bildungstage.

Coronavirus – die Fotos zur Krise

Katja Karger, Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Hamburg, sagt: „Wer jetzt eine Ausbildung sucht, darf sich durch die Corona-Krise aber nicht verunsichern lassen. Es gibt freie Plätze in guten Betrieben. Jede und jeder sollte sich sorgfältig umschauen und dann bewerben.“ Die Unternehmen forderte sie auf, Verantwortung für die jungen Leute zu übernehmen und Perspektiven zu bieten. „Ausbildungsplätze anzubieten ist auch eine wichtige Investition in die Zukunft des eigenen Unternehmens. Mit selbst ausgebildeten Fachkräften kommt man schließlich am besten aus der Krise raus.“ Leider würden viele Unternehmen aber ausgerechnet jetzt zögern. Laut Agentur für Arbeit ist das Ausbildungsplatzangebot in Hamburg um rund zwölf Prozent oder rund 1000 Plätze gesunken.

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„Es ist auch in der Krise möglich, in Ausbildung und Zukunft zu investieren. Zumal die Kosten dafür gering und der mögliche Ertrag hoch ist“, so Karger. Laut einer Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) lohne sich Ausbildung für Unternehmen auch deswegen, weil sich Azubis dann sehr mit dem Betrieb identifizieren. Der Rückgang der Ausbildungsplatzzahlen habe große Folgeschäden, so Karger. So steige die Jugendarbeitslosigkeit schon jetzt extrem.

Unter www.bfd-hamburg.de und www.hamburg-fsj.de finden Interessierte eine aktuelle Übersicht der freien Plätze. Bei Fragen helfen die Mitarbeitenden der Paritätischen Freiwilligendienste unter 040/399263-46 weiter.

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