Hamburger Prozess

Friedhof Ohlsdorf: Freispruch nach tödlichem Kutschenunfall

Im Prozess um den Kutschenunfall im Friedhof Ohlsdorf sitzen die 56-jährige Angeklagte und ihr Verteidiger Daniel Ostendorf im Strafjustizgebäude.

Im Prozess um den Kutschenunfall im Friedhof Ohlsdorf sitzen die 56-jährige Angeklagte und ihr Verteidiger Daniel Ostendorf im Strafjustizgebäude.

Foto: Christian Charisius / dpa

Andrea K. half Senioren beim Einsteigen, als ihre Pferde durchgingen. Eine Frau starb. Der Richter spricht von einer Tragödie.

Hamburg. „Mein Lebenstraum ist zum Albtraum geworden.“ Andrea K. wirkt müde und bedrückt, als sie diese Worte gegen Ende ihres Prozesses sagt. Sie, die Frau, die schon immer Pferde liebte und ihre Leidenschaft zum Beruf machte, als sie in Hamburg auf dem Ohlsdorfer Friedhof Kutschfahrten anbot. Sie, die Frau, die sichtlich darunter leidet, dass ein Mensch auf einer ihrer Pferde-Touren zu Tode kam und mehrere weitere verletzt wurden.

Seit dem folgenschweren Unfall vom 26. September 2019 gibt es diese Kutschfahrten nicht mehr. Für Andrea K. nicht, und auch für niemanden sonst auf dem Friedhof.

Kutsche krachte im Friedhof Ohlsdorf gegen ein Auto

Im Prozess vor dem Amtsgericht sitzt eine Frau, die nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft die Verantwortung für das tragische Geschehen trägt. Die Anklage wirft der Angeklagten fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung vor. An jenem verhängnisvollen Tag waren die beiden Pferde Hauke und Stine durchgegangen, gerade, als mehrere Kunden im Begriff waren, in die Droschke einzusteigen.

Die Tiere rasten gegen ein entgegenkommendes Auto, und die sechs Meter lange Kutsche kippte um und begrub zwei Seniorinnen unter sich. Eine 78-Jährige erstickte unter dem 900 Kilogramm schweren Gefährt, eine 85-Jährige wurde lebensgefährlich verletzt, drei weitere Menschen leicht — darunter der Fahrer des Autos, gegen das die Pferde in ihrer Panik gerannt waren. Und Stine musste eingeschläfert werden.

Laut Staatsanwaltschaft ist Kutschführerin Andrea K. vorzuwerfen, dass ein bestimmter Riemen beim Zaumzeug fehlte, so dass es einem der Pferde beim Zwischenhalt gelungen war, sein Zaumzeug abzustreifen und es so nicht mehr zu halten war. Außerdem hätte die 56-Jährige durch ein Verbleiben auf dem Kutschbock das Durchgehen der Pferde verhindern können, heißt es.

"Den großen Traum erfüllt, Kutschfahrten anzubieten"

Als langjährige Taxifahrerin habe sie im Jahr 2008 den gewerblichen Kutschenführerschein erworben und sich „damit den großen Traum erfüllt, Kutschfahrten anzubieten“, erzählt die kräftige Angeklagte, die ihr hüftlanges Haar zu einem Zopf gebunden hat. Erstmals ging sie 2017 auf Tour.

Bis zum fatalen Unglück habe sie gut hundert Droschkenfahrten absolviert mit mehr als tausend Gästen. Den häufig älteren Fahrgästen sei sie meist behilflich, wenn diese einsteigen. Währenddessen sei ein Gehilfe, den sie stets dabei habe, immer vorn vor der Kutsche bei den Pferden.

Gehilfe hat die Kutscherin herbeigerufen

Als dieser sie gerufen habe, weil die Tiere plötzlich unruhig waren, „bin ich sofort nach vorn gegangen“. Dort sah sie, dass die Trense bei Pferd Hauke verrutscht war. „Ich habe noch versucht, ihn an der Nase zu packen und zu halten. Aber das war nicht mehr möglich.“

Ein bestimmter Teil eines Zaumzeugs, der sogenannte Kehlstößel, der angeblich ein Abstreifen der Trense verhindern könne, sei in ihrer Ausbildung nicht erwähnt worden. „Der Schlüsselsatz aus meiner Ausbildung war: Fahr nicht allein, sondern mit Beifahrer, denn die meisten Unfälle passieren, wenn Leute allein fahren. Ich dachte, die größte Gefahr ist, wenn die Gäste einsteigen, dass sie daneben treten.“

Lesen Sie auch:

Zeugen berichten, dass die Pferde plötzlich nervös geworden seien, angefangen hätten „zu trappen“ und die Kutsche „nach vorn ruckelte“, wie eine 66-Jährige erzählt. Eine 76-Jährige schildert, dann sei alles „in wenigen Sekunden“ passiert: das Losgaloppieren der schweren Tiere, wie sie auf ein fahrendes Auto zusteuerten.

Zeugin: "Ich sehe noch die Bilder vor mir"

„Ich sah das Auto kommen und wusste, dass das nicht gutgehen konnte. Die Pferde sind beide auf die Kühlerhaube gesprungen. Das nächste, was ich weiß, war, dass ich auf dem Boden lag.“ Und sie habe Schreie gehört: „Mein Bein, mein Bein.“ Eine 73-Jährige erzählt, die Pferde seien „wie verrückt los gerast. Die Kutscherin hatte noch versucht, sie zu halten“.

Wie die meisten anderen Ausflügler kannte die Seniorin die verstorbene 78-Jährige, sie waren in derselben Turngruppe. „Ich konnte nach dem Unglück lange nicht schlafen“, sagt die Zeugin. „Ich sehe noch die Bilder vor mir“, erzählt sie und tupft sich Tränen aus den Augen.

Hat sich Pferd Hauke das Kopfstück abgeschubbert?

Mohammed G., wie die Angeklagte Taxifahrer und stets „helfende Hand bei den Kutschfahrten“, sagt, es sei „oberstes Gebot gewesen“, dass er beim Ein- und Aussteigen der Fahrgäste „vor den Pferden stehe“. Er habe dabei beobachtet, wie Pferd Hauke sich an der Deichselbrille „geschubbert hat. Dadurch ist das Kopfstück abgegangen“.

Das Tier müsse sich mit dem Zaumzeug „irgendwie verhakt haben“. Andrea K. sei sofort hinzugekommen und habe versucht, dem Pferd die Trense wieder überzustreifen und als das nicht gelang, „ihn an der Nase zu packen. Da hat er angefangen zu stampfen, und es ging los.“

Gutachter moniert, dass niemand auf dem Kutschbock saß

Ein Sachverständiger erklärt, der Gespannführer solle stets auf dem Bock sitzen bleiben, um beispielsweise über die Zügel ein solches Schubbern zu verhindern und die Pferde allzeit im Griff zu haben. „Pferde sind Fluchttiere. Wenn irgendwas hinter ihnen passiert, überlegen sie nicht lange, sondern fliehen. Wenn ich die Leinen nicht in der Hand habe, können die Pferde machen, was sie wollen.“

Auch dass beim Zaumzeug der Kehlstößel, also ein Sicherungsriemen, gefehlt habe, moniert der Gutachter. Allerdings: Weder das Verbleiben auf dem Kutschstand noch der Sicherungsriemen seien Vorschrift, erklärt der Sachverständige auf Nachfrage. Es sei lediglich „gute fachliche Praxis“, gegen die die Angeklagte verstoßen habe. Das täten aber viele andere auch. In manchen Gegenden werde es „zu 90 Prozent so gehandhabt, dass die Kutscher beim Einsteigen helfen. Sie legen dann die Leinen hin.“

Andrea K. hat ihren Fuhrbetrieb komplett aufgegeben

Demnach sei es wohl weniger „gute fachliche Praxis, sondern nur gute fachliche Theorie“, dass ein Kutscher auf dem Bock bleiben müsse, meint dazu der Verteidiger von Andrea K. Im Ergebnis kann der Gutachter nur betonen, dass es sich bei den Regelungen um eine „Lehrmeinung“ handele. „Es ist die Frage: Wie gehe ich damit um.“

Was Andrea K. betrifft: Sie geht damit überhaupt nicht mehr um. Pferd Stine musste eingeschläfert werden, Hauke ist überwiegend auf der Weide. Ihren Fuhrbetrieb hat Andrea K. komplett aufgegeben. Sie habe das Kutschen-Unglück nur schwer verarbeitet und sei in psychotherapeutischer Behandlung gewesen, erzählt die Angeklagte. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, fährt sie weiterhin Taxi.

Die Staatsanwaltschaft fordert eine Geldstrafe von 100 Tagessätzen zu 50 Euro für die Angeklagte wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung, die Verteidigung plädiert auf Freispruch.

Richter: "Es handelt sich um eine Tragödie"

Und Freispruch laut schließlich auch das Urteil für Andrea K. „Es handelt sich um eine Tragödie, weil eine Person dabei verstorben ist und andere verletzt wurden“, sagt der Richter in der Begründung. Ein Pferd habe eingeschläfert werden müssen, und eine berufliche Existenz sei vernichtet worden. „Aber allein die Tatsache, dass etwas Schreckliches passiert ist, kann nicht dazu führen, dass jemand bestraft werden muss, um dem Geschehen gerecht zu werden.“

Dafür müsste die Angeklagte objektiv gegen die Sorgfaltspflicht verstoßen haben. Normalerweise gälten Rechtsnormen. Aber bei der Kutschenfahrerei gebe es solche Rechtsverordnungen nicht. Wenn tatsächlich immer wieder verhängnisvolle Kutschenunfälle passierten, sollte das „Anlass für den Gesetzgeber sein, um Rechtsklarheit zu schaffen“, gab der Richter zu bedenken.

Die Kutsche sei "alles andere als herrenlos" gewesen

Andrea K. habe bei der Kutsche gestanden und dafür Sorge getragen, dass ihr Mitarbeiter vor dem Gefährt präsent war. Die Kutsche sei „alles andere als herrenlos“ gewesen.

Eine Sorgfaltspflichtverletzung hätte nur dann vorgelegen, „wenn jemand sehr, sehr leichtfertig handelt. Und davon sind wir hier sehr weit entfernt.“ Und dann wiederholt der Richter, was die Angeklagte über den Fall gesagt hat: „Hier ist ein Lebenstraum zum Albtraum geworden.“