Porträt

Botaniker Hans-Helmut Poppendieck ist ein Hingucker

Hans-Helmut Poppendieck zeigt im Alpinum von Planten un Blomen eine Schleifenblume.

Hans-Helmut Poppendieck zeigt im Alpinum von Planten un Blomen eine Schleifenblume.

Foto: Michael Rauhe

Der führende Botaniker der Stadt Hamburg entdeckt die unscheinbarsten Wunder der Natur. Sogar auf Gefängnismauern.

Hamburg. Wo Teufelskralle, Prachthimbeere oder die weibliche Pestwurz im Großraum Hamburg zu Hause sind, weiß niemand besser als Hans-Helmut Poppendieck. Am Wegesrand, praktisch im Vorübergehen, entdeckt der Botaniker kleine Geheimnisse der Natur. Nicht nur am Wegesrand – wer hätte sonst schon ungestraft an der Mauer der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel eine Leiter angelegt? Und einmal geriet der leidenschaftliche Forscher bei der Erkundung einer Gämswurz sogar in den Fokus des Landeskriminalamts.

Das Leben des promovierten Wissenschaftlers, der zu Loki Schmidts Duzfreunden gehörte und die frühere Kanzlergattin nach einem Schwächeanfall durch einen Kakteenwald in Venezuela schleppte, birgt Überraschungen zuhauf. Der 72-Jährige hat es mit seinem gewinnenden Naturell und seiner Begeisterung geschafft, den Alltag mit Spannung zu würzen. Ein Spaziergang mit Hans-Helmut Poppendieck ist ein Erlebnis. Weil der Mann viel weiß, Idealismus zu teilen vermag und biologische Spezialitäten verständlich erklärt.

Mit einer Persönlichkeit von Poppendiecks Format sollte man sich – Corona hin oder her – an einem passenden Ort verabreden. Er entscheidet sich für eine Bank in der nordwestlichen Ecke des Jenischparks. Vom Kiosk holen wir uns Cappuccini sowie zwei leichtgewichtige Kuchenstücke, nehmen Platz und genießen das grüne Umfeld mit den blühenden Wiesen, der ausladenden Magnolie und knorrigen Eichen. Es ist ein Tag wie von Göttern geschaffen. Poppendieck atmet durch und labt sich am Blick. In seinem roten Rucksack befinden sich neben Plastikbeuteln, Schirm, Kamera, Lupe und Notizbuch auch ein Opinel-Klappmesser, eine Schaufel und Traubenzucker. Man weiß ja nie.

Spürsinn für des Besondere hinter unscheinbarer Fassade

Der promovierte Botaniker, langjähriger Kustos an der Hamburger Universität, engagiert sich seit mehr als einem Vierteljahrhundert als Vorsitzender des Botanischen Vereins für den Erhalt unserer Pflanzenwelt. Die Einstufung wissenschaftlicher Wegbegleiter, er sei quasi „Chef-Botaniker“ der Hansestadt, weist er von sich. Leitmotto seines ehrenamtlichen Engagements sei es vielmehr, Menschen die Schönheit vor der eigenen Haustür vor Augen zu führen. „Wer wirklich hinsehen will“, sagt Hans-Helmut Poppendieck, „kann eine Menge Erstaunliches und Wundersames entdecken.“

Mit diesem Spürsinn für des Besondere hinter unscheinbarer Fassade, für Überraschungen hinter den Kulissen, formte der gebürtige Ahrensburger das Dasein nach seinem Gusto. Die Vorfahren waren als Zigarrenmacher in Altona ansässig. Die Mutter als Kindergärtnerin und der Vater als Lehrer favorisierten eine reformpädagogische Erziehung. Nach dem Abitur an der Stormarnschule in Ahrensburg rieten die Eltern zu einem „Brotberuf“. Der Sohn sollte etwas erlernen, mit dem sich später sicher Geld verdienen ließ. Vater Poppendieck wusste, wovon er sprach. Deutsch und Englisch im Lehramt empfahl er nicht. In diesen Fächern müsse man zu viele Hausarbeiten korrigieren und zudem sein „Herzblut vor Halbwüchsigen“ ausbreiten.

Folglich fiel der Entschluss, Lehrer für Biologie und Chemie zu werden. Poppendieck schrieb sich an der Uni Hamburg ein. Das Studium finanzierte er durch Nachhilfe und weitere Nebenjobs. So nahm der junge Mann als studentische Hilfskraft an botanischen Bestimmungsübungen teil. Mit einem großen Beutel und reichlich Neugier ausgestattet, streifte Poppendieck durch die Ahrensburger Feldmark und erntete Pflanzen für die akademische Lehre.

Schlüsselmoment in seinem Berufsleben

Das machte Spaß – und Sinn. Es war der Schlüsselmoment in seinem Berufsleben. Das Thema seiner Doktorarbeit reißt nicht jedermann vom Hocker: „Untersuchungen zur Morphologie und Taxonomie der Gattung Mitrophyllum“. Poppendieck jedoch fand die Materie faszinierend. Der Forschung blieb er als Kurator an der Universität treu. Von 1973 bis 1987 war er im Botanischen Garten zuständig für Gewächshäuser und „Grüne Schule“, anschließend 26 Jahre am Herbarium Hamburgense, eine mit rund 1,8 Millionen Einzelstücken international renommierte Pflanzensammlung. Über mehr als zwei Jahrhunderte ist die natürliche Vielfalt dokumentiert. Letztlich aufgrund elterlichen Rats und eigener Neugier hatte Poppendieck früh die Leidenschaft seines Lebens gefunden.

In erster Linie gilt dies für seine Gesine. Die frühere Personalsachbearbeiterin ist ihm seit der Heirat 1971 verbunden. Im kommenden Jahr begeht das Ehepaar seine goldene Hochzeit. Beide wohnen in einem Reihenhaus in Groß Borstel. Im Miniaturgarten wachsen verschiedene Sorten des Scharbockskrauts. Die Blätter dieses Hahnenfußgewächses enthalten viel Vitamin C. Man muss es mögen. Wenn nicht gerade eine üble Pandemie bremst, kommen die beiden erwachsenen Töchter mit ihren Männern plus Anhang vorbei. Vier Enkel zwischen sieben und 23 Jahren gehören zur Großfamilie.

Eines Tages klingelte die Polizei an seinem Haus

Die Pensionierung 2013 hat weder das Faible für Pflanzen noch die Lebensfreude beeinträchtigt. Historische Grünanlagen, Bauerngärten und die Grünoasen in der Großstadt lassen Poppendiecks Herz aufgehen. Der Mann wies Generationen von Studenten den Weg in die heimische Flora. Nach wie vor macht er botanische Führungen durch Hamburg. Seite an Seite mit Ehefrau Gesine unternimmt er Exkursionen ins Umland. Zu Hause in Groß Borstel umfasst die Bibliothek rund 1400 Fachbücher mit den Schwerpunkten Botanik und Gärten.

Hans-Helmut Poppendieck ist Autor mehrerer Werke zum Thema. Gemeinsam mit anderen Pflanzenfreunden veröffentlichte er den „Hamburger Pflanzenatlas“ sowie den „Botanischen Wanderführer für Hamburg und Umgebung“. In diesen Tagen erscheint das von Poppendieck und dem seelenverwandten Helmut Schreier geschriebene Buch „Baumland – Was Bäume erzählen“. Es beinhaltet eine Karte zu 100 Baumorten in Hamburg und dem Norden.

Studienreisen führten den Botaniker in entferntere Regionen. Als Ziele in Übersee standen Südafrika, Brasilien oder Neuseeland auf dem Programm. Die eingangs erwähnte Exkursion nach Venezuela wurde 1993 im Team mit den Botanikfreaks Bernd Lohse, Manfred Klötzl und Hannelore Schmidt unternommen. Auch in 3500 Metern Höhe verzichtete Frau Schmidt nicht aufs Zigarettenrauchen.

3 Fragen

  • 1. Was ist Ihr wichtigstes persönliches Ziel für die nächsten drei Jahre? Bitte gesund bleiben.
  • 2. Was wollen Sie in den nächsten drei Jahren beruflich erreichen? Ich bin ja im Ruhestand. Die Botanik betreffend: ein paar von den vielen Ideen, die ich noch habe, zu einem guten Ende zu führen.
  • 3. Was wünschen Sie sich für Hamburg in den nächsten drei Jahren? Den Vollhöfner Wald am Hafenrand erhalten. Er zeigt uns den Wert dessen, was die Natur von selbst hervorbringt. Und er lehrt uns, die Grenzen unseres Tuns und Machens zu erkennen.

Im Kakteenwald wurde der Langenhornerin plötzlich schwarz vor Augen. „Unterzuckerung“, dachte sich Poppendieck. Abwechselnd schleiften die Männer ihre Begleiterin aus der Wildnis an eine Landstraße. Nach zwei Riegeln Schokolade, in Eile an einer Tankstelle gekauft, und ein paar Nikotinzügen war Loki Schmidt wieder obenauf. Als nachmittägliches Ritual gab’s auf der Hotelterrasse Fruchtsaft mit Gin. Dabei bot sie Poppendieck das Du an. Im Hause Schmidt in Langenhorn, das der Pflanzenkundler gewiss 50-mal besuchte, wurde hin und wieder ein Whiskey gelenzt. Manchmal setzte sich Helmut Schmidt dazu.

In der damaligen Zeit erzählte Poppendieck dem Justizsenator Wolfgang Curilla von einer erstaunlichen Beobachtung am Rande: An und auf den Mauern des Gefängnisses „Santa Fu“ wuchs ein besonderer Farn. In Polizeibegleitung fuhren die Herren nach Fuhlsbüttel. Dort kletterten sie über eine Leiter auf die Mauer.

Dass die Hamburger Mitarbeiter des Landeskriminalamtes Hans-Helmut Poppendieck auf dem Zettel hatten, lag an einer anderen Begebenheit. Im Hindenburgpark am Elbufer fotografierte der Forscher ausgiebig Wuchs und Blütenstand der Gämswurz – nicht weit entfernt von der Privatvilla eines namhaften, vermögenden Hanseaten. Wenig später klingelte es bei den Poppendiecks an der Tür ...

Seine Frau hat viel Verständnis für die Leidenschaften ihres Mannes

Damals wie heute geht es in dem Reihenhaus beschaulich zu. Das Ehepaar kocht jeden Tag selbst. Eine raffiniert gegrillte Dorade, Schmorbraten nach Hausfrauenart oder asiatische Gerichte sind Beispiele heimischer Kochkunst. Während anstrengende Ruderwanderfahrten im gesetzteren Alter nunmehr der Vergangenheit angehören, steht das Banjospiel unverändert auf dem Programm. Alle zwei Wochen trifft sich Poppendieck mit einem pensionierten Pastor zum Musizieren und Philosophieren. Das Musikinstrument ist ein Geschenk seiner Gesine. Ein Volltreffer mit Note.

Nach 49 Jahren hat die lebenskluge Frau viel Verständnis für die Leidenschaften ihres Mannes. Dieser sucht und sammelt nicht nur Pflanzen, sondern auch Logos, die gemeinhin auf den Eingangstüren von Waschräumen oder Klokabinen kleben: Weibchen, Männchen, Frösche, Herzchen und was die Fantasie sonst noch hergibt. „Die Vielfalt ist erstaunlich“, meint Hans-Helmut Poppendieck mit Kennerblick.

Nächste Woche: Bettina Dorn, Musikmanagerin bei Warner Music Central Europe