Corona-Krise

"Die Warn-App ist wie eine Versicherung gegen Feuer"

| Lesedauer: 11 Minuten
Peter Wenig
Seit März 2019 leitet Prof. Jörg Debatin den Health Innovation
Hub des Bundesministeriums fürGesundheit in Berlin.

Seit März 2019 leitet Prof. Jörg Debatin den Health Innovation Hub des Bundesministeriums fürGesundheit in Berlin.

Foto: Maurizio Gambarini

Der ehemalige UKE-Chef Prof. Jörg Debatin leitet ein Team, das die Entwicklung der Corona-Software maßgeblich unterstützte.

Hamburg. Schon in seiner Zeit als Direktor des UKE (2003–2011) setzte Prof. Jörg Debatin (58) konsequent auf die Digitalisierung. Im März 2019 berief Gesundheitsminister Jens Spahn den Radiologen zum Leiter des Health Innovation Hub, einem Spezialisten-Team, das die digitale Zukunft des Gesundheitswesens vorantreibt. Die Experten unterstützten maßgeblich die Entwicklung der neuen Corona-Warn-App des Ministeriums.

Hamburger Abendblatt: Herr Prof. Debatin, soeben hat Gesundheitsminister Jens Spahn die Corona-Warn-App vorgestellt. Ursprünglich sollte die App bereits vor zwei Monaten starten. Mehr als 20 Staaten nutzten schon im April solch eine digitale Technik - darunter die EU-Mitglieder Österreich, Italien, Spanien, Polen, Tschechien und die Slowakei. Warum hat das bei uns so lange gedauert?

Prof. Jörg Debatin: Wir haben in Deutschland Werte, was den Einsatz von digitalen Instrumenten angeht, insbesondere bei Datenschutz und Sicherheit. Deshalb ist das, was manche Staaten machen, nämlich Geo-Tracking...

….also das exakte Lokalisieren von Personen über das Internet…

Debatin: …aus guten Gründen bei uns nicht vertretbar. Denn beim Geo-Tracking weiß der Betreiber genau, wo sich der Nutzer wann und wo aufhält. Dies wollen wir nicht, schließlich leben wir nicht in einem Überwachungsstaat. Deshalb setzen wir auf eine Technologie, die lediglich Kontakte registriert. Und zwar in anonymisierter Form, ohne zu wissen wo der Kontakt stattgefunden hat. Statt einer Tracking—haben wir in Deutschland eine Tracing-App entwickelt…

… also eine App, die die Rückverfolgung von Kontakten ermöglicht.

Debatin: Aber eben nur auf der Basis, dass man informiert wird, wenn man in den vergangenen zwei Wochen länger als 15 Minuten mit jemanden Kontakt hatte, der infiziert war. Die Information, wer dies war und wo das war, wird weder ausgespielt noch gespeichert.

So funktioniert die Corona-App:

So funktioniert die Corona-App
So funktioniert die Corona-App

Dennoch bleibt die Frage, warum das so lange gedauert hat.

Debatin: Es gab in der Tat die Hoffnung, die App schneller anbieten zu können. Um eine solche Tracing-App zu programmieren, braucht man Zugang zu den entsprechenden Quellcodes von Google und Apple. Schließlich soll die App ja auf den gängigen Geräten laufen. Und beide Konzerne haben entschieden, dass sie keine zentrale Speicherung von Begegnungsdaten zulassen wollen. Dabei hatten sie weniger Deutschland im Blick als andere autoritäre Staaten. Die Bundesregierung hat sich dann für ein dezentrales Modell entschieden, was vor allem auch in Hinblick auf die Akzeptanz in der Bevölkerung, die für das Funktionieren unersetzlich ist, ein großer Pluspunkt ist.

Die Zahl der Neu-Infizierten bewegt sich in Deutschland derzeit zum Glück auf niedrigem Niveau, womit automatisch das Risiko sinkt, dass man noch mit einem Infizierten Kontakt haben könnte. Macht die App überhaupt noch Sinn?

Debatin: Zunächst einmal freuen wir uns ja über die niedrigen Infektionszahlen. Sie zeigen, dass die bisherigen Maßnahmen die erwünschte Wirkung entfaltet haben. Und natürlich wird die App auch in dieser Situation benötigt. Definitiv! Wer die App nutzt, trägt künftig mit seinem Smartphone ein Stück persönliche Sicherheit bei sich. Auch wenn es derzeit nur noch wenige Infizierte gibt, besteht immer ein Risiko, dass man mit ihnen in Kontakt kommt, ohne es zu wissen. Das gilt auch für die Infizierten. Das ist ja das Tückische an Corona, dass Infizierte oft keine oder nur sehr leichte Symptome entwickeln und sich gar nicht oder erst spät testen lassen. Die App ist vergleichbar mit einer Versicherung gegen Feuer für das eigene Haus. Man schließt diese Police ab in dem Bewusstsein, dass man sich Sicherheit für den Fall der Fälle kauft und dennoch hofft, dass es zu Hause niemals brennt.

Haben wir angesichts der enormen gesundheitlichen Gefahr und der drohenden Vernichtung von Tausenden wirtschaftlichen Existenzen zu sehr auf den Datenschutz geachtet?

Debatin: Ich finde es wichtig, dass wir uns auch in einer solchen Extremsituation auf unsere Werte besinnen, die unsere Gesellschaft ausmachen und sie nicht leichtsinnig über Bord werfen. Dazu gehören für mich bei einer solchen App zwei Dinge: Freiwilligkeit und Anonymität. Länder wie Iran oder Korea zeigen, wie gefährlich es sein kann, wenn man diese Grundsätze ignoriert. Daher bin ich froh, dass wir auf unseren Werten beharren und sie nicht einfach opfern.

Laut einer Studie der Universität Oxford macht eine Warn-App nur Sinn, wenn sie mindestens 60 Prozent der Bevölkerung herunterladen. Repräsentative Umfragen zeigen, dass dieser Wert kaum erreicht werden dürfte, zumal viele gerade ältere Menschen gar kein Smartphone besitzen.

Debatin: Jeder, der die App herunterlädt, macht einen Unterschied, zumal diese ja auch nur ein Teil mehrerer Maßnahmen ist, die von der Bundesregierung ergriffen wurden. Die Erfahrungen, die wir gemacht haben, was die Bereitschaft von Menschen angeht, Daten zur Verfügung zu stellen, sind außerdem sehr ermutigend. Ich erinnere an die Datenspende-App des Robert-Koch-Institutes…

… da ging es um Daten von Puls- und Aktivitätsmessern wie etwa dem Fitbit …

Debatin: …die wiederum erste Hinweise auf eine mögliche Covid-19-Erkrankung geben, wenn die Pulsfrequenz steigt und das Aktivitätslevel sinkt. Wir hatten mit mehreren 10.000 Datenspenden gerechnet, am Ende waren es über 600.000, obwohl auch die Postleitzahl eingegeben werden muss. Hoffen wir doch einfach, dass viele mitmachen, weil die Menschen erkennen, dass es in erster Linie um ihren ganz persönlichen Schutz geht.

Coronavirus – die Fotos zur Krise

Mehrere Politiker haben dafür geworben, das Nutzen der App zu belohnen, etwa mit Steuervorteilen oder erleichterten Zugängen zu Restaurants oder Veranstaltungen. Könnte damit die Zahl der Nutzer gesteigert werden?

Debatin: Wir haben in den vergangenen Wochen die Erfahrung gemacht, dass die Bereitschaft, im Kampf gegen diese Pandemie zu helfen, sehr ausgeprägt ist. Wir sollten den Menschen nicht das Gefühl geben, dass der Staat sie kaufen will. Wir müssen klarmachen, dass die App, die der Staat kostenlos zur Verfügung stellt, dem eigenen Schutz dient. Denn wer früh darüber informiert wird, dass er infiziert sein könnte, kann sich sofort testen lassen und hat somit eine deutlich bessere Chance, frühzeitig Therapien in Anspruch zu nehmen, und darüber hinaus weniger Menschen im eigenen Umfeld zu gefährden. Das ist Anreiz genug.

Nehmen wir den besten Fall an: Die zweite Welle bleibt aus, Corona wird auch ohne Impfung in absehbarer Zeit aus unserem Alltag verschwinden. War die Entwicklung dieser App dann rausgeworfenes Geld?

Debatin: Ich fürchte, wir werden uns darauf einstellen müssen, dass dies nicht die letzte Pandemie dieser Art ist. Die App wird uns helfen, mit künftigen Herausforderungen besser umzugehen. Hongkong und Taiwan sind trotz ihrer Nähe zu China auch deshalb vergleichsweise gut davongekommen, weil sie aus den Erfahrungen vergangener Pandemien gelernt haben, und die richtigen Instrumente einsetzen konnten.

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

Aber hätte man nicht zumindest auf eine europäische Lösung setzen sollen? Wenn ich in Spanien oder Italien Urlaub mache, nutzt mir die deutsche App herzlich wenig.

Debatin: Da haben Sie Recht, eine internationale Lösung wäre besser. Aber wenn wir diese App erfolgreich auf den Weg bringen, kann ich mir gut vorstellen, dass viele Länder unsere Technologie übernehmen werden. Diese App hat das Potential, alle zufrieden zu machen. Sie verbindet Datenschutz, Sicherheit und Leistung in optimaler Weise. Deutschland ist damit die Quadratur des Kreises gelungen. Und da der Quellcode offen liegt, können alle mitmachen.

Dennoch müssen wir uns weiter bei jedem Restaurantbesuch in Listen eintragen. Warum gibt es dafür nicht längst eine App?

Debatin: Die Tracing-App ist nicht das Allheilmittel im Kampf gegen Corona. Technische werkzeuge sind wichtig, aber vor allem als Ergänzung bestehender Mittel. Wir müssen ohnehin lernen, was sinnvoll ist und was nicht. Bei meinen ersten Flügen nach Berlin musste ich mich auch bei der Ankunft noch einmal in Listen eintragen, das hat sich inzwischen erledigt. Sehr sinnvoll bleibt dagegen weiter die Maskenpflicht. Dies ist und bleibt ein Schlüssel im Kampf gegen Corona.

Sie haben als UKE-Chef international für Aufsehen gesorgt, als Sie das erste deutsche papierlose Krankenhaus auf den Weg gebracht haben. Wie sehr hat Corona die Digitalisierung des Gesundheitswesens vorangetrieben?

Debatin: Der Schub ist enorm. Allein bei den Videosprechstunden der Ärzte berichten die Anbieter von Wachstumsraten von 1000 Prozent. Die Pandemie hat gezeigt, wie nützlich Telemedizin sein kann. Patienten müssen nicht mehr ihr Zuhause verlassen, um mit dem Arzt ihres Vertrauens zu sprechen.

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Dagegen steht, dass die Gesundheitsämter über Wochen ihre Daten dem RKI per Fax übermittelt haben.

Debatin: Auch das stimmt, so etwas können wir uns in Zukunft nicht mehr leisten. Völlig zu Recht hat das Fax in fast allen Unternehmen ausgedient. Wir dürfen einem solchen Infektionsgeschehen nicht noch einmal mit einer Verzögerung von einer Woche oder mehr hinterherlaufen. Die Kommunikationsstrukturen werden digitalisiert, auch das ist eine Lehre aus den vergangenen Wochen. Der virale Feind nutzt unsere vernetzte moderne Lebensweise zur Verbreitung konsequent aus. Um ihn aufzuspüren und schließlich zu besiegen brauchen wir eben auch die Mittel der Moderne, und dazu gehören digitale Werkzeuge.

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