Anwalt von Christian B.

Der Spezialist: Johann Schwenn übernimmt im Fall Maddie

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Bettina Mittelacher
Johann Schwenn,
seit 1977 Rechtsanwalt in Hamburg,
auf dem Weg zu
einer Gerichtsverhandlung.

Johann Schwenn, seit 1977 Rechtsanwalt in Hamburg, auf dem Weg zu einer Gerichtsverhandlung.

Foto: picture alliance

Der Hamburger hatte viele bekannte Mandanten. Nun vertritt er den Mann, der das Mädchen 2007 in Portugal entführt haben soll.

Hamburg.  Er hat sich ein ansehnliches Renommee erarbeitet. Er hat zahlreiche namhafte Mandanten vertreten und etlichen von ihnen auch zum Freispruch verholfen. Johann Schwenn ist ein Jurist, der viel erreicht hat in seiner Laufbahn. Jetzt hat der Hamburger die Verteidigung in einem der spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre übernommen, einem Fall mit internationaler Dimension. Es geht um Maddie McCann, die Britin, die als Dreijährige aus einer Ferienanlage in Portugal verschwand. Schwenn vertritt den Mann, der beschuldigt wird, das Mädchen vor 13 Jahren entführt und sehr wahrscheinlich auch ermordet zu haben.

Man könnte sagen, Schwenn sei als Sohn eines Jura-Professors und einer Amtsrichterin die Laufbahn des Juristen in die Wiege gelegt. Doch fragt man ihn nach seinem initialen Interesse für das Metier, erzählt Schwenn gern von seinem Praktikum in der Psychiatrie, das er als junger Mann absolvierte und das ihn letztlich dazu inspirierte, Anwalt zu werden. Der 73 Jahre alte Schwenn, in Blankenese geboren und hier in der Hansestadt seit dem Jahr 1977 Rechtsanwalt, gilt vor allem als Spezialist für schwierige Fälle, für Revisionen und Wiederaufnahmeverfahren, aber auch für Wirtschaftsstrafsachen.

Immer wieder mal ein scharfzüngiger Zwischenruf

„Der Verteidiger schuldet seinem Mandanten Ehrlichkeit, Fürsorge, Rechtskenntnis und Fleiß bis zur Bereitschaft, die Nacht zum Tage zu machen, wenn der Fall das erfordert“, hat Schwenn mal gesagt. „Außerdem Mut, aber keinen Leichtsinn, Schutz vor den Medien und Gelassenheit gegenüber ihm selbst geltenden Angriffen.“ Entscheidungen des Bundesgerichtshofs oder Details des Strafprozessrechts zitiert Schwenn im Gerichtssaal gern und häufig. Aber ebenso gehört zu seinem Auftritt die große Pose, die bissige Attacke und immer wieder mal ein ungeduldiger, scharfzüngiger Zwischenruf, auch wenn ein anderer gerade das Wort ergriffen hat. Und wenn ihm neben all seinen geschliffenen Äußerungen ein nach seiner Meinung besonders gelungener Satz gelingt, lehnt er sich aufgekratzt vor, mit zufriedenem Blick über den Brillenrand.

Die Liste seiner früheren prominenten Mandanten ist eindrucksvoll. So vertrat Schwenn unter anderem den Politiker Gregor Gysi, den RAF-Entführer Peter-Jürgen Boock und den früheren Spionagechef der DDR, Markus Wolf. Er verteidigte den in einen Doping-Skandal verwickelten ehemaligen Radprofi Jan Ullrich sowie Schauspielerin Barbara Wussow oder auch den VW-Betriebsratschef Klaus Volkert bei dessen Skandal um Schmiergeld, Sexpartys und Lustreisen. Er übernimmt auch gelegentlich die Nebenklage wie im Fall der Entführung des Literaturwissenschaftlers, Multimillionärs und Mäzens Jan Philipp Reemtsma.

Schwenn wurde schon als „Star-Fighter“ tituliert

Man hat Schwenn schon als „Star-Fighter“ tituliert und als „Nervensäge der Justiz“. Er wurde auch als „Pfau in schwarzer Robe“ getadelt. Doch solche Bezeichnungen dürften an dem in Lyon, Tübingen und Hamburg ausgebildeten Juristen einigermaßen abtropfen, ihm vielleicht sogar insgeheim gefallen. Weil Schwenn ein geradezu unerschütterliches Selbstbewusstsein besitzt. Weil „Eitelkeit bei Verteidigern immer zu finden“ sei, wie er sagt. Und weil er selber extrem heftig austeilen kann.

Da darf man nicht zu empfindlich sein, wenn andere die verbale Keule herausholen. Seine Art zu verteidigen kann man höchst engagiert und extrem offensiv nennen, manche sagen auch: aggressiv. Er gilt als besonders streitbar, scharf in der Kritik, und seine mal süffisanten, mal höhnischen, mal auch rüden Attacken auf nahezu jedermann im Gerichtssaal sind legendär. Einen als Zeugen geladenen Therapeuten nannte er schon mal „Scharlatan“, und so manchen Auftritt anderer Prozessbeteiligter kanzelt er als „Schlechtleistung“ ab.

Dass Schwenn jetzt ­– zusammen mit seinem Kieler Kollegen Friedrich Fülscher – das Mandat für den im Fall Maddie McCann mordverdächtigen und wegen sexueller Missbrauchstaten verurteilten Christian B. (43) übernommen hat, passt zu dem erfahrenen Anwalt. Mutmaßliche Schwerverbrecher verteidigt Schwenn ohne moralisches Urteil, und auch bei angeklagten Sexualdelikten hat er keine Berührungsängste, im Gegenteil. Er vertritt auch solche schwierigen Fälle mit besonderer Überzeugung. „Weil auf diesem Gebiet die Gefahr eines Fehlurteils am größten ist“, hat er in einem Interview über den Straftatbestand der Sexualdelikte gesagt. „Meistens steht Aussage gegen Aussage. Wer weint, bekommt recht. Und das ist nicht der Angeklagte.“ Bei keinem anderem Vorwurf sei „die Bereitschaft zum Vorurteil so groß, die Unschuldsvermutung so unpopulär“. Es gebe vermutlich „etliche“ Falschurteile.

Freispruch im Fall Jörg Kachelmann erreicht

Mit wie viel Verve Schwenn auch in solchen Sexualstrafverfahren verteidigt, konnte die Öffentlichkeit von allen Seiten ausgeleuchtet im Prozess gegen Jörg Kachelmann beobachten, dem der Verteidiger schließlich im Jahr 2011 zu einem Freispruch verhalf. Der prominente Wettermoderator war beschuldigt worden, seine frühere Geliebte vergewaltigt und mit einem Messer verletzt zu haben. Schwenn stieg erst nach Wochen in das Verfahren ein, nachdem es zwischen dem Angeklagten und dessen bisherigem Anwalt Dissense gegeben hatte. Davor schon hatte Verteidiger Schwenn 2010 in einem spektakulären Wiederaufnahmeverfahren den Freispruch für einen zuvor wegen Vergewaltigung zu fast 13 Jahre Haft verurteilten Mann erreicht. Das Gericht stellte, nachdem der 46-Jährige bereits fünf Jahre im Gefängnis gesessen hatte, im zweiten Durchlauf fest, der Fall hätte „nicht einmal angeklagt werden dürfen“.

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Verständlich bei Schwenns Bekanntheitsgrad und dem vieler seiner Mandanten, dass auch regelmäßig die Presse zur Stelle ist. Wenn ihn eine Frage nervt, verbirgt er das nicht etwa hinter diplomatischer Höflichkeit, sondern reagiert kurz angebunden. Ob er denn, nachdem er im bereits laufenden Prozess die Verteidigung Kachelmanns übernommen hatte, ausreichend Zeit gehabt habe, sich auf das Verfahren vorzubereiten, wollte eine Fernsehreporterin von ihm wissen. Da zischte er nur ein ungeduldiges: „Darauf können Sie sich verlassen!“ Und als die TV-Journalistin weiter wissen wollte, wie sich sein Mandant Kachelmann denn fühle, schalt er: „Was ist das denn für eine blöde Frage?“

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