Statistik

Hamburger haben am häufigsten psychische Probleme

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Viele Hamburger haben psychische Erkrankungen (Symbolfoto).

Viele Hamburger haben psychische Erkrankungen (Symbolfoto).

Foto: imago images / Westend61

Zahl der Hilfesuchenden steigt. Doch oft müssen Patienten viel zu lange auf einen Therapieplatz warten. Corona verstärkt das Problem.

Hamburg.  Rund 1300 psychologische Psychotherapeuten und psychotherapeutisch tätige Ärzte arbeiten in Hamburg. Ihre Zahl ist in den vergangenen Jahren gestiegen – und die der Patienten und Klienten ebenfalls. Immerhin werden 26 Prozent der Fehltage am Arbeitsplatz in Hamburg durch psychische Beschwerden verursacht – Platz eins in der Statistik. Bundesweit stehen dagegen Erkrankungen des Muskel- und Skelett-Apparats an der Spitze.

Wie aus dem Arztreport 2020 der Barmer Gesundheitskasse zum Thema „Psychotherapie – veränderter Zugang, verbesserte Versorgung“ hervorgeht, suchten in der Hansestadt im Jahr 2018 rund 85.800 Menschen einen Psychotherapeuten auf. Das waren 18,5 Prozent mehr als im Jahr 2017. Rund 15 Prozent der Ratsuchenden kamen aus dem Umland, die meisten aus Schleswig-Holstein.

Jeder dritte Patient muss drei Monate auf Therapieplatz warten

Um den Betroffenen schneller zu helfen und die damals bis zu neun Monate dauernden Wartezeiten auf eine Therapie zu senken, wurde im Jahr 2017 bundesweit die Psychotherapeuten-Richt­linie reformiert. Doch die Wartezeiten dauern noch immer zu lange, so der Barmer Arztreport. Jeder dritte Patient muss mindestens einen Monat und jeder zehnte ein Vierteljahr auf einen Therapieplatz warten. Zwar erhalten die Betroffenen über die Nummer der Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung (116 117) seit der Reform schneller einen Termin für ein Erstgespräch bei einem Therapeuten. „Aber die Wartezeiten auf einen Therapieplatz sind zu lang, zumal sich psychische Probleme chronifizieren können“, kritisiert Frank Liedtke, Landesgeschäftsführer der Barmer in Hamburg.

Eine Möglichkeit, um die Wartezeiten weiter zu reduzieren, sind unter anderem bei medizinischer Eignung die Gruppentherapien. Doch das scheitert in Hamburg vielfach an geeigneten Räumlichkeiten. „Wir freuen uns, dass die Erstsprechstunde so positiv aufgenommen wird“, sagt Heike Peper, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer in Hamburg. „Und wir wollen dringend weitere bedarfsgerechte Behandlungsmöglichkeiten schaffen.“ Dafür seien zum Beispiel mehr Räume notwendig.

Corona-Pandemie sorgt für verstärkten Einsatz von Online-Beratungen

Unterdessen hat der bisherige Verlauf der Corona-Pandemie zum verstärkten Einsatz von Online-Beratungen geführt. Sie sind als Ergänzung, aber nicht als Ersatz der gängigen Psychotherapie geeignet. Professor Martin Lambert, Oberarzt und Leiter der Abteilung Psychosen sowie Integrierte Versorgung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), berichtet von schwer erkrankten Patienten. Bei einigen von ihnen habe die Pandemie aufgrund der Isolationsvorschriften die Symptomatik verstärkt. Psychotherapeutin Peper therapiert Patienten, die jetzt eine Re-Traumatisierung, beispielsweise durch das öffentliche Tragen der Masken, erlebten.

Derweil bereitet das UKE eine noch bessere psychotherapeutische Versorgung in Hamburg vor. Nach dem dort bereits erfolgreich erprobten „Recover-Modell“ könnte es in absehbarer Zeit bald ständig eine gestufte, strukturierte und von verschiedenen Fachdisziplinen koordinierte Versorgung von Patienten mit psychischen Problemen geben.

Vergleichbar mit den Notaufnahmen in den Krankenhäusern werden die Patienten zentral diagnostiziert und je nach Schweregrad ambulant oder klinisch therapiert. Damit werde der Zugang zur Psychotherapie verbessert, sagt Professor Lambert. Inzwischen unterstützen 19 Krankenkassen das Recover-Versorgungsmodell. Gegenwärtig wird die Projektphase gemeinsam mit den Krankenkassen im UKE ausgewertet. Darüber hinaus unterstützen die Krankenkassen Online-Kurse zur Psychotherapie wie MindDoc. Das Angebot sei für Menschen mit Depressionen, Ess-, Angst- und Zwangsstörungen geeignet, so Liedtke.

( Edgar S. Hasse )

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