Corona-Krise

Warum Hamburgs Schulleiter die „Lernferien" ablehnen

| Lesedauer: 12 Minuten
Insa Gall
Viele Klassen kehren nach den Sommerferien wieder in voller Stärke in die Schulen zurück – die Hygieneregeln gelten aber weiter.

Viele Klassen kehren nach den Sommerferien wieder in voller Stärke in die Schulen zurück – die Hygieneregeln gelten aber weiter.

Foto: dpa Picture-Alliance / Christian Charisius / picture alliance/dpa

Pädagogen aller Schulformen über schwierige Planungen, krankgeschriebene Lehrer und die Pläne der Behörde.

Hamburg.  Die Schulen der Hansestadt kehren nach den Sommerferien wieder in vielen Jahrgängen zum Regelbetrieb zurück. Aber wie organisieren die Schulen dies unter Corona-Bedingungen? Und was sagen die Praktiker vor Ort?

Das Abendblatt sprach mit Vertretern aller drei Schulformen: Gudrun Wolters-Vogeler ist Schulleiterin der Grundschule An der Haake und Vize- Vorsitzende des Verbands Hamburger Schulleitungen. Arne Wolter leitet das Kaifu-Gymnasium und ist im Vorstand des Verbands der Gymnasialschulleiter. Mathias Morgenroth-Marwedel, Leiter der Stadtteilschule Blankenese, spricht für Vereinigung der Schulleiter Hamburger Stadtteilschulen.

Sie freuen sich darauf, dass die Klassenzimmer wieder voller werden, lehnen die von Schulsenator Ties Rabe angekündigten „Lernferien“ für schwache Schüler aber mehrheitlich ab – und machen Alternativvorschläge.

An vielen Schulen findet nach den Ferien wieder Regelunterricht statt. Ein richtiger Schritt?

Arne Wolter: Ich würde mich sehr freuen. Gerade zum Schulstart ist der persönliche Austausch von Schülern und Lehrern wesentlich. Wir begrüßen nach den Ferien die neuen fünften Klassen, bei den Achtklässlern steht ein Klassenlehrerwechsel an, die Elftklässler finden sich zu ihren Tutorengruppen zusammen – damit all dies gut gelingen kann, müssen sich Lehrer und Schüler treffen – unter gut durchdachten Bedingungen.

Mathias Morgenroth-Marwedel: Auch ich bin schon ganz sehnsüchtig, zum Regelbetrieb zurückzukehren – und so planen wir das kommende Schuljahr im Moment auch. Es war schon schade genug, dass wir die künftigen Fünftklässler nicht wie sonst üblich vor den Ferien zu uns einladen konnten. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir die Schulen nach den Ferien wieder zu dem sozialen Ort machen können, den wir im Moment so sehr vermissen.

Gudrun Wolters-Vogeler: Gerade im Übergang zwischen Kita und Grundschule ist eine Begegnung im Fernunterricht ohne den sozialen Ort Schule schwer vorstellbar. Gleichzeitig haben wir gerade an Grundschulen viele Lehrer, die älter sind oder zu den Risikogruppen gehören. Für das Gelingen von Unterricht ist entscheidend, dass wir bei den Lehrern eine personelle Kontinuität herstellen können, die wir für die Kinder dieses Alters brauchen.

Wie planen Sie denn für das neue Schuljahr? Es sind ja nur noch eineinhalb Wochen bis zu den Ferien.

Wolter: Wir brauchen rasch Klarheit, unter welchen konkreten Bedingungen wir das nächste Schuljahr planen können – wir tappen da ein wenig im Nebel. Wir orientieren uns da gegenwärtig auch an einer Studie der Friederich-Ebert-Stiftung, die sich mit Schule unter Coronabedingungen beschäftigt hat. Da heißt es beispielsweise, dass Schüler weiterhin einen festen Klassenraum haben sollen. Erst einmal bauen wir derzeit einen Stundenplan für alle Schüler in allen Klassen und allen Unterrichtsfächern.

Morgenroth-Marwedel: Auch unsere Pläne gehen vom üblichen Regelbetrieb aus. Die müssen wir dann womöglich kurzfristig an die Vorgaben anpassen, die uns eine neue Allgemeinverordnung aufgibt. Es könnte sein, dass wir die gegenwärtig sehr restriktive Zuordnung von Räumen in Teilen auch nach den großen Ferien fortsetzen müssen.

Wolters-Vogeler: Die Grundschulen wissen immerhin, dass die Abstandsgebote wegfallen und wir wieder in Klassenstärke unterrichten können. Die Frage ist eher, ob unser Lehrpersonal ausreicht. Im Grundschulbereich gibt es ohnehin den größten Personalmangel. Wenn dann noch Kollegen ausfallen, weil sie nicht einsetzbar sind – weil sie über 60 sind oder einer Risikogruppe angehören –, dann ist Regelunterricht tatsächlich nicht denkbar.

Wie viele Lehrer unterrichten derzeit bei Ihnen tatsächlich vor Ort?

Morgenroth-Marwedel: Meine Schule gilt bei der Schulbehörde als eine derjenigen, die besonders viele Lehrer der genannten Risikogruppen hat. Ein Viertel unserer Lehrer ist gegenwärtig schwierig einzusetzen.

Wolter: Bei uns sind es zehn Prozent. Tatsächlich melden sich mittlerweile viele Kollegen freiwillig zum Dienst vor Ort in der Schule, obwohl sie zu den Risikogruppen gehören, weil sie für ihre Schüler da sein wollen. Das liegt auch daran, dass die Infektionszahlen deutlich gesunken sind, und sie sehen, dass das Hygienekonzept gut funktioniert. Am Anfang der Pandemie waren 18 Prozent der Lehrer nicht einsetzbar.

Es heißt, Lehrer meldeten sich vermehrt krank.

Morgenroth-Marwedel: Das kann ich nicht bestätigen, besonders viele Krankschreibungen haben wir nicht. Stattdessen treibt die Sorge um die Schüler auch bei uns viele Lehrer aus Risikogruppen in die Schule. Wir haben zudem über die Vorgaben hinaus eine erweiterte Notfallbetreuung für die Kinder eingerichtet.

Wolters-Vogeler: Viele Lehrer aus Risikogruppen fielen am Anfang komplett aus. An einigen Schulen lag der Anteil dieser Lehrkräfte bei bis zu 40 Prozent. Dann ist Schulbetrieb so nicht mehr machbar. Inzwischen haben viele Kollegen mehr Zutrauen und unterrichten in ihren eigenen Klassen. Sie stehen aber nicht für die Notbetreuung oder wechselnde Gruppen zur Verfügung. Wenn man sie dazu trotzdem zwänge, wären das genau die Lehrer, die sich krankschreiben lassen würden, weil sie das Risiko aus guten medizinischen Gründen nicht eingehen wollen. Ich plädiere dafür, diese Kollegen nicht in die Krankschreibung zu treiben.

Morgenroth-Marwedel: Wir hatten an den Stadtteilschulen Schwierigkeiten, die Prüfungen, die jetzt anstanden, zu besetzen. Das ist ein gewaltiger Kraftakt, den die Schulen zu leisten haben.

Senator Rabe plant „Lernferien“ in den letzten Wochen der Sommerferien, um schwächeren Schülern – gerade aus schwierigen Umfeldern – die Möglichkeit zu geben, Rückstände aufzuholen. Dazu sollen Lehrer, aber auch Honorarkräfte wie pensionierte Lehrer oder Lehramtsstudenten eingesetzt werden.

Morgenroth-Marwedel: Wir finden den ganzen Ansatz der Lernferien falsch. Die Lösung geht an den Schülern vorbei. Alle Schüler haben die Schule als sozialen Ort des Lernens und der Gemeinschaft vermisst. Wenn ich nun meine eigenen Schüler danach sortiere, ob sie schwach sind oder aber gut klargekommen sind mit dem Fernunterricht – und die einen sollen in die Schule kommen, während die anderen ihre Ferien genießen –, dann sortiere ich die Schüler nach Defiziten. Und es reduziert die Funktion von Schule auf das Vermitteln von Deutsch, Mathematik und Englisch. Das ist nicht das, was unsere Schüler jetzt brauchen. Wir werden nach den Ferien auf jeden Fall einen Neustart organisieren müssen, der der Corona-Zeit gerecht wird. Da reicht es nicht, die Lücken im Abarbeiten von Bildungsplänen aufzufüllen.

Wolters-Vogeler: In den Grundschulen gehen die Meinungen zu den Lernferien weit auseinander. Es gibt Schulen, die in ihrer Ferienbetreuung ohnehin so etwas in der Art planen – zum Teil mithilfe von Trägern. Einige Schulen finden es genau richtig, wenn ihre Schüler – gerade die mit großen sprachlichen Rückständen – in den Ferien die Chance haben, in die Schule zu kommen. Wir haben von Vorschulklassen gehört, in denen die Kinder die deutsche Sprache fast verlernt haben. Ob hier Lernferien hilfreich sind oder ein deutschsprachiges Ferienprogramm, ist die zweite Frage. Andere Schulen lehnen Lernferien ab, weil sie bei der Betreuung der Kinder keine personelle Kontinuität hinbekommen. Gerade Kinder im Grundschulalter lernen ganz wesentlich über persönliche Beziehungen. Ferienunterricht durch fremde Lehrkräfte, die die Kinder überhaupt nicht kennen, bringt da wenig.

Wolter: Es spricht nichts dagegen, die Kinder zu unterstützen, die Gefahr laufen verloren zu gehen – ganz im Gegenteil. Die Vorschläge der Schulbehörde, Kinder aus Internationalen Vorbereitungsklassen in den Ferien gezielt zu unterstützen, stießen auf große Resonanz. Da gab es Schüler, die hatten in ihren Flüchtlingsunterkünften keinerlei WLAN, sie haben kaum lernen können. Als nächster Schritt kam der Vorschlag der Lernferien. Ich finde es schwierig, auf die Schnelle zu identifizieren, welche Kinder wirklich Unterstützung brauchen. Ich hätte mir gewünscht, dass man anders vorgegangen wäre und beispielsweise durch Lernausgangsuntersuchungen – analog zu den Kermit-Testungen – am Schuljahresbeginn schaut, wo die Kinder fachlich stehen und wer Unterstützung benötigt. Dann hätte man den Schulen personengebundene Ressourcen zuweisen können, um diese Kinder im Rahmen des bestehenden Lernförderprogramms zu unterstützen mit Lehrern, die sie und das Curriculum kennen. Das wäre für die Schüler zielführender.

Morgenroth-Marwedel: Wir glauben, dass die Schüler mit fremden Honorarkräften in bunt zusammengewürfelten Gruppen nicht wirklich zu dem Lernen durchdringen, das ihnen jetzt wirklich hilft. Gute Programme müssen in der Regie von Schule, in den Strukturen von Schule und mit bekannten Lehrkräften stattfinden. Ich würde auch ohne eine Erhebung, wo die Kinder wirklich stehen, noch nicht von „verlorenen Jahrgängen“ sprechen, das ist mir zu dramatisch. Gut wäre es gewesen, das Angebot des Hamburger Ferienpasses zu erweitern um viele Bildungsangebote, die auch Spaß machen. Doch solange die Allgemeinverfügungen gelten, ist das nicht möglich. Da kneift sich was.

Ist aus den Schulen Widerstand zu erwarten gegen Rabes „Lernferien“?

Wolter: Widerstand klingt zu sehr nach Revolution. Die Schulstandorte, an denen es die entsprechenden Vorbedingungen gibt, werden das schnell und schlank organisieren. Ich habe an meiner Schule beispielsweise das Glück, dass zwei Kollegen in Deutsch und Mathe für die Lernferien bereitstehen. Das ist auch an einigen anderen Gymnasien so. Die Schulen, die in der Kürze der Zeit keine Honorarkräfte finden und mit anderem ausgelastet sind, werden das nicht leisten können – nicht weil sie es nicht wollen, sondern weil es so kurzfristig nicht möglich war. Wir mussten in den vergangenen Monaten in einer unglaublichen Schnelle neue Vorgaben umsetzen. Ich würde mir Anerkennung dafür wünschen, dass Schulleitungen mehr geleistet haben als sonst in drei Jahren.

Wolters-Vogeler: Es geht uns nicht um Widerstand. Wir haben in Hamburg die Selbstverantwortete Schule. Zu dieser Systematik müssen wir zurückkommen: Wir bekommen den Arbeitsauftrag, Kinder, die abgehängt zu werden drohen, aufzufangen – und erarbeiten vor Ort an der Schule ein Konzept, wie das adäquat umzusetzen ist. Das ist besser, als uns detailliert vorzugeben, was wir im Einzelnen tun sollen.

Wolter: Ich wünsche mir, dass die Schüler – die Stufen- und Schulsprecher sowie die Schülerkammer – stärker einbezogen werden, ebenso wie alle an Bildung beteiligten Gruppen in der Stadt.

Morgenroth-Marwedel: Der Vorschlag der „Lernferien“ ist populistisch. Die Schulen wissen am besten, wie sie ihre Schüler auffangen können, damit der Neustart gelingt. Wir sollten schauen, wie die Bildungspläne entschlackt werden können, um Zeit zu haben, Defizite aus diesem Schuljahr auszugleichen. An den Plänen für diesen Neustart möchten wir unbedingt beteiligt werden. Wir stehen für Gespräche über die nächsten Schritte zur Verfügung.

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