Hamburg

Michel in Not: Hauptpastor bittet um Rettungsringe

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Edgar S. Hasse
Der MIchel braucht Spenden: (v. l.) Anja van Eijsden (Der Hafen hilft!), Hauptpastor Alexander Röder, Michael Kutz (Chef Stiftung St. Michaelis).

Der MIchel braucht Spenden: (v. l.) Anja van Eijsden (Der Hafen hilft!), Hauptpastor Alexander Röder, Michael Kutz (Chef Stiftung St. Michaelis).

Foto: Andreas Laible / Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Hamburgs Wahrzeichen brechen die Einnahmen weg. Pro Monat fehlen 40.000 Euro. Mit dieser Idee will die Kirche Spenden sammeln.

Hamburg.  Etwas verloren sitzt Hauptpastor Alexander Röder im Seitengestühl des Hamburger Michel, nicht weit von der Kanzel entfernt. Wo er sonst von der Liebe Gottes predigt, lugt der Kopf des Geistlichen für den Betrachter in ungewohnter Perspektive aus einem Rettungsring hervor.

Es ist ein Rettungsring des historischen Dampfeisbrechers „Stettin“, der im Museumshafen Oevelgönne liegt. Auch fünf weitere Rettungsringe hängen an diesem Junimorgen im Kirchenschiff des Michel, Norddeutschlands schönster Barockkirche. Gleich wird Alexander Röder seinen Platz verlassen und inmitten der stummen maritimen Zeugen vor geladenen Besuchern von einer Krise sprechen, die nun auch diese Hauptkirche infolge der Corona-Pandemie erfasst hat – wie so viele Unternehmen, Kulturträger und Organisationen auch.

Finanzierungslücke soll durch Spenden gedeckt werden

Die finanzielle Lage der Hauptkirche St. Michaelis sei „sehr angespannt“, sagt Röder und verweist auf eine monatliche Finanzierungslücke von mindestens rund 40.000 Euro. Sie müsse dringend durch Spenden gedeckt werden. Wie in anderen Betrieben gebe es auch im Michel Kurzarbeit. „Bei uns sind es 17 Mitarbeitende. Allein die Turmkasse war während des Lockdowns sechs Wochen geschlossen, der Tresen in der Krypta genauso.“

Die Hoffnung des Hauptpastors, diese Krise nach dem Besucher- und Einnahmenrückgang zu meistern, richtet sich nicht allein auf den Himmel, sondern jetzt ganz irdisch auf jene Rettungsringe im Kirchenschiff, deren Zahl bis zum Herbst auf 50 wachsen soll. Mit der neuen Aktion „Rettungsringe für den Michel“ will die Stiftung St. Michaelis in den nächsten Monaten Spenden sammeln.

In der ersten Etappe der Kampagne bittet die Stiftung Verantwortliche in Reedereien, Hafenunternehmen, Museen und Segelclubs, dem Michel für ein halbes Jahr lang einen Rettungsring mit einer besonderen Geschichte zu leihen. Bis zu 50 Exemplare, so Stiftungsgeschäftsführer Michael Kutz, sollen dann in der Kirche hängen, sogar weit oben an den Emporen und in der Weihnachtszeit neben dem riesigen Adventskranz.

Michel kassiert jährlich 365.000 Euro Kirchensteuer

In einer zweiten Etappe können ab September interessierte Bürger und Unternehmen die Patenschaft für einen solchen Rettungsring übernehmen – gegen eine Spende.

Als Erstes kooperiert der Michel mit dem Verein „Der Hafen hilft“. Vereinsgründerin Anja van Eijsden hat an diesem Junimorgen die ersten Rettungsringe mitgebracht. Darunter ist jener vom Dampfeisbrecher „Stettin“, der während des Zweiten Weltkriegs 500 Flüchtlinge nach Kopenhagen brachte. Die Spendenaktion endet im Januar 2021. Zuwendungen für den „Rettungsring-Fonds“ des Michel seien ab sofort möglich, hieß es (weitere Informationen: www.st-michaelis.de).

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie bringen den Michel finanziell an die Grenzen. Die Zahl der Besucher ist in den vergangenen Monaten eingebrochen – und damit auch die Einnahmen. Die Beträge aus dem Tourismus und dem Veranstaltungsbetrieb (z. B. Konzerte) finanzieren seit vielen Jahren das Hamburger Wahrzeichen; Kirchensteuern in Höhe von 365.000 Euro pro Jahr tragen jedoch nur 15 Prozent des Gemeindehaushalts. Für die Angebote an die Hamburger und die Gäste aus aller Welt wendet die Hauptkirche jährlich 2,5 Millionen Euro auf, die zu 85 Prozent aus Besuchereinnahmen finanziert werden.

Kirche sammelt seit Wochen Michel-Groschen

Einen erheblichen Teil seines Jahresbudgets investiert der Michel in Angebote, die kostenlos genutzt werden können. Dazu zählen 360.000 Euro für Kirchenmusik in täglichen Mittagsandachten und Gottesdienste in der Kirche sowie online. 210.000 Euro sind alljährlich für das an 365 Tagen geöffnete Gotteshaus notwendig, 400.000 Euro für den Erhalt der Kirche, der Orgeln und der Glocken. Der tägliche Choral des Michel-Türmers, morgens und abends bei Wind und Wetter gespielt, wird mit 22.000 Euro aus Michel-Mitteln finanziert.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) stellt sich unterdessen auf einen massiven Rückgang der Kirchensteuer-Einnahmen wegen der Corona-Krise ein. „Je nach Szenario und Landeskirche könnte der Korridor zwischen minus zehn und minus 30 Prozent in diesem Jahr liegen“, sagte ein Sprecher der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Um sich besser zu wappnen, sammelt der Michel bereits seit einigen Wochen sogenannte Michel-Groschen für den „Rettungsring-Fonds“. „Ein Michel-Groschen sind 36,50 Euro“, erklärt Geschäftsführer Michael Kutz. Das entspreche einem Groschen für jeden Tag des Jahres, an dem der Michel geöffnet ist. Es bleibe die Hoffnung, dass bald wieder mehr Besucher kommen – nicht mehr nur zehn am Tag wie vor einigen Wochen, sondern 3500 und mehr. Und dass wieder viele in diesem Gotteshaus finden, wonach sie suchen: Ruhe, Kraft, Trost und Gottes Klänge.

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