Neuer Bildband

Bernhard Holtermann – der Hamburger mit Goldklumpen

Bernhard Holtermann mit dem größten Goldklumpen der Welt.

Bernhard Holtermann mit dem größten Goldklumpen der Welt.

Foto: Emons Verlag/State Library of NSW, Mitchell Library

Ein neuer Bildband zeichnet das Wirken von Holtermann in Australien nach. Ein spektakulärer Fund machte ihn reich und weltberühmt.

Hamburg.  Vermutlich ist sein Name vielen Menschen in Hamburg unbekannt. Dabei hat Bernhard (auch: Bernhardt) Holtermann, 1838 in St. Georg geboren, in vielerlei Hinsicht Großes bewirkt: In seiner Wahlheimat Australien brachte er es vom bettelarmen Immi­granten zum weltbekannten Goldsucher, Foto-Förderer, Geschäftsmann und Politiker. Sein Name, der auf dem fünften Kontinent heute immer noch in Ehren gehalten wird, steht für einen beispiellosen Aufstieg aus dem Nichts. Viele Auswanderer haben diesen Traum geträumt, Holtermann hat ihn wahr gemacht.

Der Autor Christoph Hein, langjähriger Korrespondent der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, ist den Spuren des Abenteurers aus dem Norden Deutschlands gefolgt und hat alle Infos zu Holtermann in einem opulenten Bildband zusammengefasst. Das Buch beschreibt nicht nur das abwechslungsreiche Leben Holtermanns, sondern präsentiert auch 150 historische Fotos, die ohne seinen enormen Einsatz niemals entstanden wären. Viele dieser Fotoschätze, als unschätzbar wertvolle Zeitdokumente heute Teil des Unesco-Weltkulturerbes, werden in dem neuen Buch erstmals gezeigt.

Holtermann wächst in Hamburg in einfachen Verhältnissen auf

Bernhard Otto Holtermann wird in Hamburg in einfachen Verhältnissen geboren. Offiziell firmierte sein Vater als Karpfenhändler, auch wenn Autor Hein eine „Handlung für Häringe und Fettwaren“ nachweisen kann, die ihre Verkaufsräume zeitweise wohl am Steindamm hat. Nach dem Schulabschluss arbeitet Holtermann fünf Jahre lang im Büro eines Onkels.

Schon mit 20 Jahren folgt Bernhard seinem älteren Bruder Julius Otto von Liverpool aus nach Australien – mehr als drei Monate dauert die Fahrt auf dem Clipper „Salem“. Der junge Mann, der kein Englisch spricht, schlägt sich jahrelang mit Gelegenheitsjobs durch und investiert alle Ersparnisse in die Goldsuche. Unverdrossen zieht es ihn immer wieder hinaus, und später wird sich Bernhard Holtermann erinnern: „Weil ich in Sydney nicht die Arbeit fand, an die ich aus Hamburg gewöhnt war, ging ich auf die Goldfelder, wo ich 14 Jahre lang sehr hart arbeitete.“

Holtermann ist fest davon überzeugt, eines Tages den Fund seines Lebens zu machen – und so kommt es tatsächlich. Am 19. Oktober 1872 wird in der „Star of Hope Mine“ um zwei Uhr morgens der größte Goldklumpen der Welt gefunden – kurze Zeit nachdem Holtermann und sein Freund Hugo Ludwig (Louis) Beyers die „Star of Hope Mine Co.“ gegründet hatten. Der Gesteinsbrocken aus Gold und Quarz wiegt rund 285 Kilo und ist fast 1,50 Meter lang. Der Goldfund bedeutet eine einmalige Chance, und Holtermann ergreift sie. Obwohl er als Anteilseigner nur einer der Besitzer des sogenannten Nugget ist, gelingt es ihm, seinen Namen unverrückbar für alle Zeiten mit dem Fund zu verknüpfen. Der „Holtermann-Nugget“ machte ihn über Nacht reich und berühmt.

Der Hamburger baut ein Netzwerk aus Kontakten auf

Doch der Abenteurer aus der Hansestadt ruht sich nicht auf dem flüchtigen Ruhm aus. Er nutzt Geld und Bekanntheit, um ein Netzwerk aus Unternehmungen und Kontakten aufzubauen – und um Gutes zu tun. Bernhard Holtermann stellte sich dabei viel geschickter an als seine Zeitgenossen, entwickelte deutlich eindrucksvollere Visionen. Christoph Heins Erklärung dazu: „In der Tradition der norddeutschen Kaufleute und Handelshäuser nutzte er seine weltweiten Verbindungen und seine frühere Lehre in Hamburg, um einen florierenden Import-Export-Handel (…) aufzubauen.“

Holtermanns nachhaltigstes Großprojekt: Er finanziert die seinerzeit besten australischen Fotografen, namentlich Henry Beaufoy Merlin und Charles Bayliss, die dann mit enormem Aufwand Bilder der einstigen Sträflingskolonie machen. Ziel ist es, Australien buchstäblich in ein gutes Licht zu rücken und den Ruf des Kontinents zu verbessern. Es entstehen die größten Glas-Negative der Welt. Zusammen reist man durch die Kolonien und dokumentiert das dortige Leben in spektakulären Aufnahmen.

Bernhard Holtermann, der sich in seiner neuen Heimat Bernard nennt und auch unter diesem Namen bestattet wird, wirbt unermüdlich für Australien. Er reist durch die Welt und präsentiert die Fotos bei öffentlichen Veranstaltungen, hält Vorträge, beantwortet Fragen der Besucher.

Nach rund 20 Jahren „Down Under“ kommt er im Herbst 1878 auch wieder nach Hamburg. Auf faszinierende Weise schließt sich hier ein Kreis, denn er präsentiert seine kolossalen Panoramen in einer Buchhandlung am Steindamm – an derselben Straße also, an der sein Vater einst mit Fischen gehandelt hatte.

Am Ende seiner Kräfte? Mit 47 Jahren stirbt der Abenteurer

Tragisch. Nachdem er seine Kräfte jahrzehntelang permanent überspannt hat, stirbt Holtermann mit nur 47 Jahren – wahrscheinlich an Leberkrebs. Offiziell ist von einem „Magen-Darm-Katarrh“ die Rede. „Obwohl sein Leben schon nach 47 Jahren endet, beeinflusste Holtermann die Kolonialgeschichte Australiens nachhaltig. Er baute Brücken nach Europa, 150 Jahre bevor Australier und Europäer sich heute dem Freihandel nähern“, schreibt Christoph Hein.

„Der Deutsch-Australier war ein sozial denkender Mensch“, so Christoph Heins Bilanz. „Er war ein Tausendsassa, dem nur ein kurzes Leben vergönnt war, ein Vordenker, dem das Wohl seiner neuen Heimat am Herzen lag.“

Der große Vorzug des neuen Bildbands sind die vielen exzellenten Fotos. Wer ihre Entstehungsgeschichte kennt, betrachtet sie automatisch mit anderen Augen. Oft unter größten Mühen entstanden, sind sie dennoch so gestochen scharf, dass sie fast zeitlos wirken. Sie spiegeln Wagemut und Entschlossenheit, zeigen exotische Landstriche, aber auch Alltagstristesse. Es sind so gut wie nie idyllische Szenen, die hier für die Ewigkeit eingefangen wurden. Im Gegenteil. Die Menschen auf diesen Fotos wirken oft ärmlich, ernst und abgearbeitet, und es wird deutlich, wie entbehrungsreich das Leben der Einwanderer war.

Autor Christoph Hein hat im Zuge seiner Recherchen mit zahlreichen Menschen gesprochen, die sich noch heute mit dem Hamburger Holtermann und seinem vielfältigen Lebenswerk beschäftigen. Dabei zeigt sich, wie prägend er als Politiker, Philantrop und Visionär war. Er habe gewusst, dass es zunächst Wagemut, dann Geschick und schließlich auch ein Quäntchen Glück braucht, um in der Welt Spuren zu hinterlassen, so Christoph Hein. Und weiter: „Holtermanns Verdienst ist es, alle Möglichkeiten, die ihm das Leben bot, mit beiden Händen zu ergreifen, an sich zu glauben und etwas aus sich sowie seinen Chancen zu machen.“