Buchtipp

Wie kommt das Bremer Wappen ans Hamburger Rathaus?

| Lesedauer: 5 Minuten
Jens Meyer-Odewald
Das Bremer Wappen an der Fassade des Hamburger Rathauses.

Das Bremer Wappen an der Fassade des Hamburger Rathauses.

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Das neue Buch „Hamburg für Klugscheißer“ stellt diese und andere Fragen, entlarvt populäre Irrtümer über die Hansestadt.

Hamburg. Dass die Elbquelle in Tschechien sprudelt, weiß jedes Kind. Dass sich mittenmang im Hamburger Hafen ein Stück tschechisches Staatsgebiet befindet, haben nur Experten parat. Weitere Fakten für Kenner sind die Herkunft des volkstümlichen Begriffs „Peterwagen“, die Verbannung von Papst Benedikt V. anno 964 aus dem Vatikan nach Hamburg und hochexplosive Sprengungen des schwedischen Unternehmers Alfred Nobel auf der Elbe. Kurz danach krachte sein Vermögen durch die Decke.

Wer meint, eine Menge über die Hansestadt zu wissen, wird nunmehr eines Besseren belehrt – augenzwinkernd, auf originelle, unterhaltsame Art. Ein just erschienenes Buch offenbart „populäre Irrtümer und andere Wahrheiten“. Der Titel ist Programm: „Hamburg für Klugscheißer“. Wer nicht nur stillvergnügt in historischen Fundstücken schwelgen, sondern sich seines profunden Detailwissens lauthals brüsten möchte, liest hier richtig. Es handelt sich um eine ebenso erheiternde wie lehrreiche Melange aus Daten-Döntjes.

„Hamburger Geheimnisse“ mehr als 30.000-mal verkauft

„Manches Kapitel unserer Stadtgeschichte kann auch Kenner überraschen“, weiß Autor Sven Kummereincke, stellvertretender Lokalchef des Abendblatts. Seine gemeinsam mit einem weiteren Profi verfasste „Hamburger Zeitreise“ spiegelte zwölf Jahrhunderte Stadtgeschichte wider. Und nachdem die beiden Bände der von ihm geschriebenen „Hamburger Geheimnisse“ mehr als 30.000-mal verkauft wurden, widmet sich Kummereincke in seinem neuen Werk aus dem Verlag Klartext jetzt harten Nüssen aus der Vergangenheit.

Beispiele sind historische Merkwürdigkeiten sowie Legenden ohne garantierten Wahrheitsgehalt. So wurde Hamburg keinesfalls an der Elbe, sondern an der Alster gegründet. Dass der für Hamburg wie Bremen zuständige Ansgar seinen Bischofssitz einst in die schon früher konkurrierende Nachbarstadt an der Weser verlegte, ist dagegen richtig. Geschichtlich zumindest.

Unbekannt ist die Bedeutung eines skurrilen Details an der Rathausfassade: Warum befindet sich ausgerechnet über dem Amtszimmer des Hamburger Bürgermeisters das Bremer Wappen mit dem goldenen Schlüssel? Der heutige Senatschef Peter Tschentscher zumindest fühlt sich dort zu Hause: Er ist in Bremen geboren.

Kompetent, unkonventionell und stets mit einer Prise Humor garniert, präsentiert der Autor fast 40 Kapitel mit Aha-Effekt. Abgerundet wird der Inhalt durch Zahlen und Fakten, Zitate namhafter Hamburg-Fans, eine ausführliche Zeitleiste sowie ein „Klugscheißer-Quiz“.

Alfred Nobel ließ es auf der Elbe krachen

Wer bei der Lektüre bis zu diesem Rätselspaß vorgedrungen ist, weiß mehr. Wie die Bedeutung des offiziellen, tschechischen Staatsgebiets im Herzen der Hansestadt. Das rund 28.000 Quadratmeter umfassende Areal des Moldau- und des Saalehafens, zwischen Elbphilharmonie und Elbbrücken zentral gelegen, ist eine späte Folge des Ersten Weltkriegs. Im 1919 unterzeichneten Friedensvertrag von Versailles wurde der damaligen Tschechoslowakischen Republik via Elbe ein direkter, zollfreier Zugang zur Nordsee garantiert.

Die Pacht läuft bis 2028, kann allerdings verlängert werden. Beide Seiten hielten sich stets an die Vereinbarung, die alle möglichen politischen Wirrungen überlebte. Sogar während des Prager Frühlings und des Kalten Kriegs lief der außergewöhnliche Warenverkehr. Zeitweise wurde in dem Hafenbecken auf dem Kleinen Grasbrook ein „Klubschiff“ als Wohnheim für Arbeiter aus Tschechien genutzt. Eine verrottete Telefonzelle erinnerte an fast vergessene Zeiten, als die Gespräche in die Heimat noch problematisch waren.

Bis 1918 existierte in Hamburg eine uralte, ganz besondere Steuerschuld. Sie konnte in dieser Form nur von Pfeffersäcken erdacht werden. Hintergrund ist das historisch verbriefte Bürgerrecht. Nur mit diesem Siegel durften öffentliche Ämter bekleidet werden, beispielsweise im Rathaus.

Mit dem so erworbenen Ansehen flutschten die Geschäfte umso besser. Allerdings war Grundstücksbesitz Voraussetzung für den Erwerb des Bürgerrechts. Clevere Hanseaten entwickelten daraufhin die Idee, den innerhalb der Stadtmauern raren Grund und Boden in kleine Parzellen aufzuteilen und günstig feilzubieten.

Mancher gewiefte Handelsmann dagegen empfand solche Posten als zu viel der Ehre. Diese behinderten schlicht und ergreifend den privaten Einnahmefluss. Daraus entstand dieser Trick: Steuerschulden wurden im Großen und Ganzen beglichen – bis auf einen winzigen Rest. Entsprechende Mahnungen wurden ignoriert, bis es zur Pfändung kommen sollte. Sodann wurde beglichen. Mit diesem Makel hatte sich das Thema Ehrenamt erledigt.

Erster deutscher Fußballmeister wurde in Hamburg gefeiert

Finanzielle Finten hatte der schwedische Chemiker Alfred Nobel nicht nötig, andere schon. Da er nach diversen Unfällen in seinem Heimatland nicht mehr mit Dynamit experimentieren durfte, verlagerte er die Tests auf die Elbe. Auf einem Floß beim anno 1866 noch zu Hamburg gehörenden Geesthacht ließ er es mächtig detonieren. Am Ufer betrieb er eine Nitroglyzerin-Fabrik.

Spannend und lustvoll führt das Buch durch vergangene Epochen. Für die Entstehungsgeschichte der Hamburger Polizeiautos „Peterwagen“ gibt es drei Varianten. Eine ist ungewöhnlicher als die andere.

„Und wer weiß schon, dass der erste deutsche Fußballmeister in Hamburg gefeiert wurde?“, fragt Autor Sven Kummereincke.

Die Position der kaiserlichen Rösser vor den Rathäusern in Hamburg und Altona hatte seine versteckte Bedeutung. Ist das gesetzliche Verbot wirklich wahr, Alster-Schwäne zu beleidigen? Absolut korrekt – auch das.

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