Immuntherapie

Corona-Genesene in Hamburg retten nun selbst Leben

| Lesedauer: 10 Minuten
Yvonne Weiß
Plasmaspenderin Luise Richter gehörte zu den ersten 50 Corona-Infizierten Hamburgs. Sie infizierte sich in Ischgl. Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Plasmaspenderin Luise Richter gehörte zu den ersten 50 Corona-Infizierten Hamburgs. Sie infizierte sich in Ischgl. Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services / MARCELO HERNANDEZ / FUNKE Foto ServicesVertragsfotografen (HA und BM)! Honorarfrei für FMG-Tageszeitungen!

Sie verfügen über Antikörper, mit denen nun Schwerkranken geholfen werden soll. Dafür spenden sie Blutplasma.

Hamburg. Haben Sie genug getrunken? Welchen Arm nehmen wir? Beine nicht überkreuzt, bitte! Luise Richter antwortet mit „Ja“ und „rechts“ und legt ihre Füße in glitzernden Strümpfen brav nebeneinander. Über der Atemmaske strahlen zwei Augen, die 28-Jährige freut sich regelrecht, dass ihr jetzt gleich eine Nadel in die Armbeuge gesteckt wird. „Das ist richtig cool, ein gutes Gefühl, helfen zu können“, sagt die junge Frau. Sie hat sich auf Liege Nr. 14 beim Blutspendedienst im Einkaufszentrum Quarree niedergelassen. Der Raum erscheint groß, viele Plätze sind leer, die Spender kommen derzeit nicht gerade zahlreich.

Luise Richter gehörte zu den ersten 50 Corona-Infizierten Hamburgs. Und jetzt, nachdem die Marketing-Expertin die Krankheit überwunden hat, verbergen sich in ihren Adern wahre Schätze: Antikörper gegen Corona. Es kommt auf die inneren Werte an – wer wüsste es besser als Virologen und Transfusionsmediziner.

Weil ein flächendeckend verfügbarer Impfstoff bislang nicht in Aussicht steht, setzen die Mediziner nun auf passive Immunisierung. Genau dabei hilft Luise Richter an diesem Nachmittag. Mit ihrer Plasmaspende wird sie nichts Geringeres als zur Heldin. „Der Arzt hat mir gesagt, ich könnte bis zu drei Schwerkranken das Leben retten“, sagt Richter.

Luise Richter steckte sich in Ischgl an

So hat ihr Aufenthalt in Ischgl am Ende also doch noch einen Sinn. Sie war mit ihren Freunden wie jedes Jahr zum Skifahren Ende Februar in den österreichischen Ort gefahren. Vor der Abfahrt hatte sich die Clique auf der Tiroler Internetseite informiert, ob die Gegend frei von Corona sei. Angeblich ja.

Am Ende des Urlaubs hatten sich neun der 16 Hamburger mit dem Virus infiziert. „Wir wären niemals nach Ischgl gereist, wenn wir gewusst hätten, dass es ein Corona-Hotspot ist“, sagt Richter. Sie hatte zum Glück einen leichten Verlauf und nutzte ihre Quarantäne-Zeit, um Blumen umzutopfen und viel zu kochen.

660 Milliliter Plasma werden der Spenderin heute entnommen, aus denen entstehen drei Beutel Heilflüssigkeit. Leicht gelblich sieht sie aus, nicht Rot. Denn die roten Blutkörperchen, das sogenannte Hämoglobin, ist nicht Bestandteil des Blutplasmas. Die Hoffnung ist nun, dass Richters Antikörper den Krankheitsverlauf von Schwerkranken positiv beeinflussen, indem sie eine passive Immunisierung bewirken.

Bei Covid-19-Patienten würden die Antikörper somit im Idealfall das neue, gefährliche Coronavirus neutralisieren und den schwer erkrankten Patienten dadurch wertvolle Zeit schenken, um eine eigene Virus-Abwehr aufzubauen. Man muss es sich so vorstellen, wie wenn die Polizei bei einem Einsatz Verstärkung ruft.

Plasmatransfusion hat keine Nebenwirkung

Bewiesen ist die Wirksamkeit dieser neuen Therapieform bislang nicht. Schließlich starten die Tests gerade erst. Doch mit genau diesem Prinzip wurden bereits andere gefährliche Viruserkrankungen bekämpft, von der Diphtherie über die Spanische Grippe bis hin zu Ebola.

„Ich bin überzeugt, es wird funktionieren“, sagt Dr. Reiner Jürs. Der Transfusionsmediziner hatte Luise Richter vor ihrer Spende untersucht und aufgeklärt und setzt sehr auf die Plasmaspenden. „Solange wir keinen Impfstoff haben, stellen sie die beste Möglichkeit dar.“

Medikamente wie Remdesivir oder Chloroquin hätten schließlich Nebenwirkungen, eine Plasmatransfusion nicht. „Unsere Alternativmöglichkeiten sind begrenzt, und die Plasmaspende stellt ein bereits etabliertes Verfahren dar. Es gab sie bislang nur nicht für diese Indikation“, erklärt Dr. Melanie Braun.

Die Ärztliche Leiterin am Zentralinstitut für Transfusionsmedizin steht neben Luise Richter, die punktiert wurde und nun artig mit der Hand einen roten Ball pumpt. Ob alles in Ordnung sei, fragt die Ärztin. Richter nickt und sagt: „Tut gar nicht weh. Für mich ist es eine Ehrensache, mein Plasma zu geben. Alle meine infizierten Freunde haben sich auch schon freiwillig gemeldet.“

Frauen, die mal schwanger waren, dürfen nicht spenden

Während sie spricht, wird ihr Blut in einer Zentrifuge neben der Liege geschleudert, die roten Blutzellen setzen sich dadurch unten ab und das Plasma oben, von wo es in die Beutel läuft. Die festen Bestandteile des Blutes (vorwiegend die roten Blutkörperchen) werden Richter gleich in die Vene zurückgegeben.

Ungefähr 45 Minuten dauert es, bis drei Beutel Plasma à 220 ml gefüllt sind. Bei Frauen verläuft die Prozedur in der Regel schneller als bei Männern, denn sie haben im Verhältnis mehr Blutplasma als Männer. „Unser Körper kann das Plasma übrigens schon in wenigen Tagen neu bilden. Damit ist das Plasmaspenden weniger belastend als eine Vollblutspende“, so Dr. Braun.

Plasmaspenden darf im Grunde jeder, der auch für eine normale Blutspende in Betracht kommt. Nur, dass es hier auf genesene Covid-19-Patienten ankommt. Der Beginn der Krankheitssymptome muss allerdings mindestens vier Wochen zurückliegen.

Mütter und Frauen, die mal schwanger waren, sind von Plasmaspenden ausgeschlossen, weil beim Empfänger eine Komplikation namens „Trali“ auftreten könnte, eine Transfusionsassoziierte Lungeninsuffizienz. Und noch eine Bedingung gibt es: Der Spender muss genügend Antikörper mitbringen.

Das Spenderblut wird ein paar Tage vorher untersucht

Dr. Klaus-Martin Otte vom Labor Medilys untersucht das Blut der Spender deshalb ein paar Tage vorher, um den Gehalt an Sars-CoV-2-Antikörpern (sog. IgG) zu bestimmen. Erst wenn der Genesene eine ausreichende Menge an spezifischem IgG-Antikörper gebildet hat, kann das Plasma für die schwerstkranken Patienten eingesetzt werden.

„Nicht jeder bildet genug Antikörper“, erklärt Dr. Otte. Und nicht jeder die richtigen. „Wir brauchen neutralisierende Antikörper, die die Viren direkt fixieren, das machen nicht alle“, so Otte. Nach bisherigem Wissensstand muss man es sich so vorstellen, dass die Antikörper das Andocken der Viren an die Zelle verhindern.

Der Facharzt für Labormedizin hält die Plasmaspenden für einen interessanten Ansatz und eine gute Option, er würde jedoch am liebsten noch früher ansetzen. Aktuell wird nur schwer kranken Covid-19-Patienten das sogenannte Rekonvaleszentenplasma direkt transfundiert. „Der Effekt wäre wahrscheinlich noch größer, wenn der Erkrankte nicht bereits an der Beatmungsmaschine hängt“, glaubt Otte.

Seiner Ansicht nach sollten alle Erkrankten, die zu einer Risikogruppe gehören, von der Immuntherapie profitieren, selbst wenn sie erst leichte Symptome zeigen. Je früher die Verstärkung eintrifft, desto besser. Doch so viele Hamburger, die einen nachweisbar positiven Abstrich auf Sars-CoV-2 hatten und nun Plasma spenden könnten, gibt es nicht.

Nils Nobmann spendet Blutplasma

Als Spender bestellt Dr. Otte in Absprache mit Dr. Braun dann nur diejenigen ein, die wirklich helfen können. 30 geeignete Kandidaten wurden bislang ermittelt, einer von ihnen ist Nils Nobmann aus Pinneberg. Der Producer einer Werbefilmproduktion hatte gleich nach seiner überstandenen Infektion recherchiert, wie er helfen könnte und stieß auf den Antrag von Asklepios auf Herstellung des Rekonvaleszenten-Plasmas als Arzneimittel und dem damit verbundenen Aufruf an Genesene, sich beim Blutspendedienst Hamburg zu melden. Nobmann überlegte nicht lange: „Mit meiner Plasmaspende kann ich jedenfalls einen kleinen Beitrag leisten.“

In der Tat. „Die Chance, die uns die Antikörpertherapie bietet, ist auch deshalb so wertvoll, weil es aktuell weltweit noch keinen einzigen wirklich überzeugenden sonstigen Therapieansatz zur Beherrschung dieser schweren Erkrankung gibt“, sagt Prof. Dr. Dirk Arnold, Chefarzt der Abteilung Onkologie, Hämatologie, Palliativmedizin und Rheumatologie der Asklepios Klinik Altona. Der Internist und Hämatologe hat in Altona vor ein paar Tagen die erste Plasmatransfusion durchgeführt.

Bei einem 20 Jahre alten Mann, der auf der Intensivstation beatmet wurde, hatte Dr. Arnolds Team schon über mehrere Wochen keine Verbesserung seines Zustands beobachten können, also bekam der Patient an drei aufeinanderfolgenden Tagen je einen Beutel Plasma transfundiert. Im Vergleich zur Gewinnung des Heil-Cocktails ist die Gabe an den Empfänger relativ einfach und dauert nur knapp eine Stunde.

Corona-Patientin geht es besser

Allerdings muss sein Kreislauf genau beobachtet werden, und bei der Übertragung von Fremdeiweiß besteht immer das Risiko, dass der eigene Körper etwas dagegen hat und mit Unverträglichkeiten reagiert. „Unser Patient hat die Transfusion aber gut vertragen“, sagt Arnold. Von einer eindeutigen Trendwende im Krankheitsverlauf mag er zwar noch nicht sprechen, denn die Behandlung von schwer kranken Covid-19-Patienten sei „ein Langstreckenlauf.“

Anders als bei anderen Infektionen wie der Grippe etwa, bei der man sich meistens nur rund fünf Tage elend fühlt. Doch dem 20-Jährigen geht es in dieser Woche besser als in der vergangenen. „Alle Parameter haben sich verbessert. Der Kreislauf, die Blutwerte, die Atmung muss nicht mehr so intensiv unterstützt werden“, so Arnold, der auf eine nachhaltige Stabilisierung des Zustandes hofft.

Wann weitere Corona-Patienten der Asklepios Kliniken mit der Immuntherapie behandelt werden, ist noch unklar. Derzeit scheinen alle Kranken zum Glück stabil genug, und die Zahlen der Neuinfektionen in Hamburg sind aktuell so niedrig, dass nicht kurzfristig mit einem dramatischen Anstieg von Schwerkranken gerechnet werden müsste. „Aber dieses Verfahren parat zu haben ist sehr gut,“ sagt der Arnold. „Wir sind vorbereitet.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg