Hamburger im Ausland

„Hier geht man nicht mehr so locker mit Corona um“

| Lesedauer: 15 Minuten
Friederike Ulrich
Claudia Weiss und ihre Tochter Lola erleben die Corona-Krise in Mailand.

Claudia Weiss und ihre Tochter Lola erleben die Corona-Krise in Mailand.

Foto: privat

Sie arbeiten in Arabien, Spanien, Italien, Frankreich oder Südkorea. Wie kommen Hamburger dort mit der Krise klar?

Hamburg. Sie haben ihre Heimatstadt verlassen, um im Ausland zu studieren, zu arbeiten oder dauerhaft zu leben. Acht Hamburger aus aller Welt schildern uns, wie die Corona-Krise ihren Alltag geprägt hat.

Pauline Mayer (34) lebt mit ihrem Mann, zwei Söhnen (4 und 6) und der am 30. Januar geborenen Tochter in einem Vorort von Barcelona:

„Unser Alltag ist eine Kombination aus Homeschooling (in Spanien geht die „Schule“ schon für Dreijährige los), Homeoffice und Haushaltsbewältigung. Darum kümmere ich mich, denn ich habe vor der Geburt meiner Tochter aufgehört zu arbeiten. Zum Glück haben wir einen Garten, denn wir haben unser Haus in mehr als sieben Wochen nur zweimal verlassen, um Medikamente für unsere Kinder zu holen.

Die Jungs hatten ab Mitte Februar eine langwierige Lungenentzündung. Dann bekam der eine Anfang April hohes Fieber und Halsschmerzen. Da die Kinderarzt-Praxen seit Mitte März geschlossen sind, lief die Diagnose nur über Skype­ und WhatsApp. Untersuchungen waren zu der Zeit nur in den Notaufnahmen der Krankenhäuser möglich, und davon wurde einem eindringlich abgeraten.

Auch ich hatte mehrere Tage lang hohes Fieber, Schüttelfrost und Halsschmerzen. Für mich war ebenfalls kein Arzt verfügbar, obwohl es mir wirklich schlecht ging. Auch an einen Corona-Test, der mir meine Unsicherheit hätte nehmen können, war nicht heranzukommen. So habe ich mir die Covid-App runtergeladen, und wurde von da an telefonisch betreut. Die Devise war: Solange Sie keine Atemnot haben, bleiben sie zu Hause. Ich musste mich zwei Wochen in einem Zimmer isolieren. Mit drei kleinen Kindern im Haus ist das besonders emotional sehr belastend.

Bei vielen Spaniern liegen die Nerven blank. Über Wochen gab es überwiegend schlechte Nachrichten. Wir alle haben schreckliche Szenen in den Medien und sozialen Netzwerken gesehen. Freunde, die in Krankenhäusern arbeiten, berichteten von dramatischem Geschehen. Ihre Leistungen in den vergangenen Wochen waren gigantisch, viele werden psychologisch betreut.

Zu den Sorgen um die Gesundheit kommen für einen Großteil der Bevölkerung auch finanzielle Sorgen. Viele haben ihre Arbeit verloren. Und dieses Jahr wird es kaum Tourismus geben, auch das ist ein Drama für Spanien. Viele geben der Regierung die Schuld an dem unkontrollierten Corona-Ausbruch.

So wurde das Virus noch Anfang März verharmlost trotz unkontrollierten Virus-Geschehens in der Bevölkerung, wurden keine eindämmenden Maßnahmen getroffen. Auch Riesendemos fanden noch kurz vor dem strengen Lockdown statt. Aber auch während der Krise ist vieles schiefgelaufen.

Das Vertrauen in die Regierung ist stark beschädigt. Seit dem 4. Mai gibt es für Teile Spaniens erste Lockerungen, doch sind wir hier in Barcelona noch in Phase null, da hier die Inzidenz noch zu hoch ist. Wir sind noch ganz am Anfang, aber ich möchte glauben, dass wir am Ende des Schreckens angekommen sind.“

Claudia Weiss (48) berichtet aus der besonders stark betroffenen Lombardei. Dort lebt sie mit Tochter (14), Sohn (11) und ihrem Ehemann im Zentrum von Mailand:

„Wegen der sehr restriktiven Ausgangsbeschränkungen in der Lombardei durften wir uns mehr als zehn Wochen kaum bewegen. Nur mit triftigen Gründen durfte man sich weiter als 200 Meter von der Wohnung entfernen: wenn man einkaufen, in die Apotheke, zum Arzt oder ins Krankenhaus gehen musste. Gott sei Dank haben wir eine große Wohnung und einen Innenhof, wo man die Sonne genießen oder auch mal Federball spielen kann.

Die Kinder machen seit dem 24. Fe­bruar Homeschooling. Die Deutsche Schule in Mailand hat innerhalb von zwei Wochen eine Basisdigitalisierung geschaffen, seitdem verbessert sich das Unterrichten stetig. Mein Mann arbeitet in einem systemrelevanten Bereich hauptsächlich von zu Hause aus. Seine Firma liegt im betroffenen Brescia, wo es besonders viele Tote gegeben hat. Viele seiner Kollegen haben ihre Eltern verloren.

Ich war in Deutschland 20 Jahre lang Unternehmensberaterin und habe mich hier Anfang 2019 selbstständig gemacht. Mit einer schweizerischen Beratung habe ich ein virtuelles Seminar zum Krisenmanagement aufgesetzt – und momentan mehr zu tun als in den Monaten davor. Die Situation hatte sich in den vergangenen Wochen immer weiter verschärft. Die Sicherheitsmaßnahmen waren anstrengend, aber sinnvoll. Immerhin sind in der Lombardei mittlerweile mehr als 30.000 Menschen gestorben.

Seit dem 4. Mai gibt es schrittweise Lockerungen – längst nicht so schnell wie in Deutschland. Wir dürfen aber wieder als Familie spazieren gehen und uns wieder etwas weiter von zu Hause entfernen. Das Café an der Ecke ist wieder geöffnet und wir hoffen, bald wieder einmal an einen Badesee fahren zu können.“

Der Künstler Jan Siebert (49) lebt und malt seit 15 Jahren in Brasilien – momentan in Salvador da Bahia:

„Ich lebe in einem historischen Haus im Altbauviertel Salvadors und suche Inspirationen und Ideen meist in der unmittelbaren Umgebung. Momentan beschäftige ich mich aber eher mit Interieur und Porträts. Denn durch den Lockdown ist der heißblütige Norden Brasiliens zurzeit sein eigenes Gegenteil.

Die unzähligen Kneipen und die Plätze, an denen sonst keine zwei Tage ohne gut besuchte Livekonzerte vergehen, sind von mir aus einen Steinwurf entfernt. Jetzt ist hier alles leer und still. Die Angst sitzt tief, auch die Feierwütigsten bleiben zu Hause. Es herrscht eine unheimliche Stimmung.

Der Bus- und Flugverkehr zwischen den Städten ist unterbrochen, die Bars und Restaurants sind geschlossen, es finden keine Veranstaltungen statt. Das Tragen von Masken gehört nun auch hier zum Alltagsbild. In Supermärkten dürfen nur begrenzte Zahlen von Kunden einkaufen. In den letzten Wochen wurden stückweise die Beschränkungen und Maßnahmen zur Eindämmung verschärft.

Es waren die Gouverneure der Bundesstaaten und die Bürgermeister, die hier in Brasilien zum Teil sehr drastische Quarantänemaßnahmen bestimmt haben. Von der Bolsonaro-Regierung ist leider überhaupt keine konstruktive Hilfe zu erwarten. Hier in Salvador wurden die Maßnahmen recht früh und konsequent getroffen, was uns hier hoffentlich vor dem Schlimmsten bewahrt. Eine Ausbreitung hätte gerade in den riesigen Armenvierteln katastrophale Folgen.

Für meine Tätigkeit ist eine gewisse Isolation nicht schädlich. Zum Jahresende zeige ich in der Regel meine neuen Arbeiten in Hamburg. Das sollte das Virus bitte nicht verhindern.“

Maya Diekmann (21) studiert seit August 2018 Menschenrechte an der Universität von Malmö, Schweden:

„Nachdem unsere Uni auf Fernunterricht umgestellt hat, habe ich erst mal ein bisschen die Struktur verloren. Aber es tut mir nicht gut, in den Tag hinein zu leben. Also klingelt wieder jeden Morgen um sechs mein Wecker. Nach dem ersten Kaffee gehe ich laufen oder spazieren, dann mache ich mich fertig für Vorlesungen, Tutorien oder Seminare.

Mittlerweile ist Schwedens Ansatz im Umgang mit Corona nicht mehr so locker. In den Supermärkten werden die Kassierer*innen durch Plexiglas geschützt, und es gilt ein Mindestabstand. Restaurants und Cafés dürfen weiterhin geöffnet haben, wenn ein Sicherheitsabstand eingehalten werden kann. Fitnessstudios, die vorübergehend geschlossen waren, haben jetzt allerdings wieder geöffnet. Das ist mir unverständlich.

Als die ganzen Sicherheitsmaßnahmen in Deutschland eingeführt wurden, war ich froh, in Schweden mehr Freiheiten zu haben. Dann aber hörten die schwedischen Behörden auf, umfangreich zu testen – also das Gegenteil von dem, was die WHO empfiehlt.

Mittlerweile hat die schwedische Gesundheitsbehörde auf Befehl der Regierung eine neue Teststrategie entwickelt. Statt wie bisher pro Woche etwa 50.000 Tests sollen 150.000 getestet werden. Priorität haben medizinisches Personal, Pflegekräfte und Menschen, die durch ihre Arbeit viel Kontakt mit anderen haben.

Theoretisch finde ich Schwedens Grundidee nicht schlecht, ein effizientes System zu entwickeln, die Krankheit einzudämmen, ohne unnötige Opfer zu bringen. Der Vorteil hier ist, dass sich Covid-19 erst vergleichsweise spät im Land verbreitet hat. Abgesehen von der Metropolregion Stockholm ist die Bevölkerungsdichte eher gering.“

Assina Karim (55) ist Vorsitzende der Deutsch-Afghanischen Initiative in Freiburg und lebt seit 2013 mit ihrer Familie in Mülhausen im Elsass:

„Von Mitte März bis zum 11. Mai waren in Frankreich Kindergärten, Schulen und Universitäten, die meisten Geschäfte sowie alle Restaurants und Cafés geschlossen. Gearbeitet wurde im Homeoffice und beim Verlassen der Wohnung mussten wir ein Formular mitführen, welche erlaubte Tätigkeit wir ausüben wollten – dazu gehörten Einkaufen, eine sportliche Aktivität im Radius von maximal einem Kilometer um die Wohnung und für höchstens eine Stunde am Tag.

Hatte man das Formular nicht dabei, drohten 135 Euro Bußgeld. In Mülhausen galt von 21 Uhr bis 6 Uhr eine Ausgangssperre. Wir waren eines der Epizentren der Pandemie in Frankreich und sind immer noch eine „rote Zone“. Während der ersten Wochen hörten wir tagsüber Hubschrauber, die Patienten in die benachbarten Regionen brachten.

Ein wegen der überlasteten Kliniken errichtetes Militärkrankenhaus in Mülhausen wird stufenweise abgebaut. Im Freundeskreis hörten wir von Corona-Ansteckungen mit schwerem Krankheitsverlauf und Todesfällen. Auch wenn wir uns nur in Ausnahmefällen weiter als 100 Kilometer von zu Hause entfernen dürfen, beginnt sich das Leben zu normalisieren. Wir genießen die neue Freiheit aber noch mit Vorsicht.“

Thorsten Schütze (53) lebt seit 2012 in Südkorea, wo er an der Sungkyunkwan Universität Professor für nachhaltiges Bauen ist:

„Nachdem die Infektionszahlen in Südkorea in den vergangenen Wochen auf null gesunken und Clubs und Bars wieder geöffnet waren, hat sich die Lage innerhalb einer Woche signifikant verschlechtert. Ein Infizierter hat in einer Bar etliche andere Besucher angesteckt. Was die Sache erschwert: Bislang konnten mehr als ein Drittel der etwa 5000 Besucher nicht identifiziert werden.

Sorge machen auch die „stillen Verbreiter“, die in Ttaewon waren. Clubs und Bars wurden wieder geschlossen, der Schulbeginn zwei Wochen verschoben. Die Behörde schätzt diesen Fall aber als nicht sehr dramatisch ein. Anders als im Februar, als die Zahlen in sich das 51,6-Millionen-Einwohner-Land zum größten Epizentrum außerhalb Chinas entwickelte.

Die weitere Ausbreitung von Covid-19 wurde stark reduziert, weil Infektionsketten weitgehend nachvollzogen werden konnten. Und bei Besuchern aus dem Ausland wurden Apps verwendet, um ihren Gesundheitszustand während der zweiwöchigen Quarantäne zu überwachen.

Der Bevölkerung wurde lediglich empfohlen, soziale Distanz zu wahren, persönliche Hygienevorschriften zu befolgen und Masken zu tragen, für deren ausreichende Produktion die Regierung gesorgt hatte. Um den „Import“ von infizierten Personen aus anderen Ländern zu reduzieren, wurde die Visabefreiung für Bürger aus 90 Ländern temporär aufgehoben. Eine Einreise ist außerdem nur über den internationalen Flughafen Incheon in Seoul gestattet.“

Anna Katharina Bronowski (29), Gründerin des Modelabels JAN ’N JUNE, lebt seit fast sechs Jahren phasenweise in Dubai, wo sie auch ihren jetzigen Mann kennengelernt hat:

Auch wenn Dubai normalerweise 24 Stunden am Tag pulsiert, strahlt die Stadt eine angenehme Entspanntheit aus. Das ist auch jetzt zu spüren, trotz des teilweise strikten Lockdowns. Die Behörden haben sehr schnell und frühzeitig reagiert und die ganze Zeit sehr viele Tests durchgeführt. Die Zahlen der Neuinfektionen sind seit Wochen relativ stabil, was zu der ruhigen und vertrauensvollen Stimmung beitragen dürfte.

Aktuell ist hier zudem Ramadan: normalerweise eine Zeit, in der abends große Iftar-Essen zelebriert werden. Gemeinsam mit Freunden und Familien das Fasten zu brechen gehört zur Tradition. Weil das dieses Jahr teilweise untersagt wurde, feiern Familien Iftar jetzt zu Hause.

Während des strikten Lockdowns durften wir nur mit einem elektronischen Permit zum Supermarkt oder zur Apotheke. Sport oder Spaziergänge waren gar nicht möglich. Seit dem 24. April haben Einkaufszentren, Geschäfte und Restaurants wieder offen. Allerdings herrscht strenge Gesichtsmaskenpflicht, sobald man vor die Tür tritt und (Vergnügungs-)Orte wie Pools, Kinos, Strände, aber auch Schulen und Gyms sind noch geschlossen.

Dazu gilt weiterhin social distancing, und in allen Etablissements dürfen nur 30 Prozent der „normalen“ Kapazität erreicht werden. Ich fühle mich in Dubai momentan ganz wohl und habe hier ja auch meinen privaten Lebensmittelpunkt. Und weil es immer noch Repatriation-Flights nach Frankfurt gibt, könnte ich im Notfall jederzeit nach Deutschland fliegen.“

Dr. Robert Steinfelder (33) arbeitet seit 2017 am Krebsforschungszentrum Fred Hutch in Seattle im US-Bundesstaat Washington:

„Wie die meisten habe ich meine tägliche Routine umgestellt, arbeite im Homeoffice und bin ich sehr viel weniger draußen. Nur noch zum Einkaufen und zwei- bis dreimal in der Woche zum Sport. Mein Aktionsradius ist kleiner geworden. Es gibt ja auch keinen Grund mehr, irgendwohin zu fahren.

Die Innenstadt von Seattle gleicht einer Geisterstadt aus dem Film: Häuserfassaden sind mit Brettern vernagelt und alles wirkt verlassen. Im Staat Washington gilt eine stay-home-order. Wir dürfen, grob umrissen, nur zum Einkaufen, Pflegen, zu Arztbesuchen und zur Erholung die Wohnung verlassen. Die Maßnahmen sind, meiner Meinung nach, aber notwendig und nachvollziehbar.

Wie in Deutschland dauert das Einkaufen teilweise deutlich länger. Anfangs gab es öfter mal kein Toilettenpapier, inzwischen sind Reis oder Nudeln manchmal ausverkauft. Ich bin aber sehr froh, wenn es für mich bei diesen Einschränkungen bleibt. Viele meiner Freunde aus Seattle wurden entlassen oder unbezahlt beurlaubt. Ich halte den Kontakt zu all meinen Freunden aufrecht so gut ich kann. Wir verabreden uns zu virtuellen Spieleabenden oder schreiben uns ein paar Sätze. Das tut sehr gut.

Zu Beginn der Corona-Pandemie wirkte alles sehr surreal. Plötzlich von zu Hause arbeiten war neu und deswegen vielleicht auch ein bisschen aufregend. Dann wurde ich von meinem Arbeitgeber informiert, dass der Campus wohl noch für Monate geschlossen bleiben muss, um keine Leben unnötig zu riskieren.

Jetzt macht sich gerade leichter Optimismus breit, und die ersten Labore dürfen bald ihre Arbeit wieder aufnehmen, wenn auch unter Auflagen. Ich muss zwar weiterhin zu Hause bleiben, aber es wirkt zumindest, als wäre die Lage etwas besser unter Kontrolle als noch vor einem Monat.“

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