Forschung

UKE sucht Probanden für klinische Studie zu Corona-Impfstoff

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Jule Bleyer
Prof. Marylyn Addo leitet die klinische Erprobung des neu entwickelten Impfstoffs.

Prof. Marylyn Addo leitet die klinische Erprobung des neu entwickelten Impfstoffs.

Foto: dpa

210 Personen werden benötigt. Teilnehmer müssen gesund sein. Tests ziehen sich über sechs Monate. Gute Verträglichkeit erwartet.

Hamburg.  Noch in diesem Jahr soll ein potenzieller Impfstoff gegen Sars-CoV-2 an Menschen getestet werden – am Universitätsklinikum Eppendorf und mit freiwilligen Probanden aus Hamburg. „Der Bauplan für den Impfstoff ist fertig. Wir haben finanziell und logistisch alles zusammen, um bald eine klinische Prüfung der Phase I zu starten“, sagt Prof. Stephan Becker, Koordinator des Bereichs „Neu auftretende Infektionskrankheiten“ am Deutschen Zen­trum für Infektionsforschung (DZIF), unter dessen Dach die Entwicklung läuft. Neben dem UKE sind daran auch Wissenschaftler der Philipps-Universität Marburg sowie der Ludwigs-Maximilians-Universität München beteiligt.

UKE-Expertin Prof. Marylyn Addo wird die klinische Prüfung in Hamburg leiten. Sobald der Impfstoff, der bereits erfolgreich an Mäusen getestet wurde, in rund drei Monaten fertig produziert und von der Ethikkommission freigegeben sei, könne es losgehen. Auf Anfrage des Abendblatts hat das UKE die wichtigsten Fragen rund um die Studie beantwortet.


Wer kann sich als potenzieller Proband für die klinische Studie melden?

„In der ersten Phase geht es vor allem um die Sicherheit des Impfstoffes, daher suchen wir zunächst gesunde Probanden ab 18 Jahren über alle Altersgruppen hinweg“, heißt es vom UKE. Die Probanden sollten in dieser ersten Phase möglichst gesund, also ohne Vorerkrankungen, sein und in der Regel keine Medikamente einnehmen. Sind Vorerkrankungen bekannt, sollten diese vom Probanden angegeben werden, um über den Einschluss in die Studie zu entscheiden.


Wie viele Probanden werden benötigt?

Die Studie wird voraussichtlich in mehreren frühen Phasen ablaufen, die erste Phase wird vermutlich 30 Probanden einschließen, eine zweite ist für rund 180 Probanden geplant. Da in Deutschland mehrere Studien durchgeführt werden, besteht laut UKE durchaus die Möglichkeit, dass potenzielle Probanden weitervermittelt werden können.


Wie laufen die klinischen Tests ab, und wie lang wird die Studie dauern?

Der Impfstoff wird zweimal verabreicht: An Tag 0 und an Tag 28. Es folgen Nachuntersuchungen, sodass die klinische Studie für die Probanden etwa sechs Monate dauern soll.


Wie groß ist das Risiko für Teilnehmer?
In einer ersten Phase der Studie sollen gesunde Probanden eingeschlossen werden, die vor und nach dem Start der Studie engmaschig betreut werden. Aus einer klinischen Phase-1-Studie gegen das Mers-Virus, bei der der gleiche viralen Vektor verwendet wurde, der die genetischen Informationen des jeweiligen Virus in die Zielzellen transportiert, liegen laut UKE gute Verträglichkeitsdaten vor. Zudem wurden bei den Probanden Mers-Coronavirus-spezifische Antikörper gebildet. „Wir gehen daher von einem minimalen Risiko und einem sehr guten Sicherheitsprofil für die Studienteilnehmer aus“, so das UKE.


Wann kann mit Ergebnissen gerechnet werden?

Das UKE plant, die Studie Ende September/Anfang Oktober zu beginnen. Erste Zwischenergebnisse soll es dann nach etwa zwei Monaten geben.

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Wann kann mit einem Impfstoff gerechnet werden?

„Es laufen weltweit gerade einige Studien und klinische Prüfungen zu einem möglichen Impfstoff. Über erste Sicherheitsdaten und auch über erste Antikörperantworten wurde schon inoffiziell berichtet“, heißt es vom UKE. Zur Frage der Wirksamkeit, also ob die geimpften Personen tatsächlich auch vor Infektion geschützt sind, rechnet man belastbar erst im vierten Quartal 2020 mit ersten Ergebnissen. „Aber bis zu einem sicheren, verfügbaren, breit einsetzbaren Impfstoff bleibt noch ein langer Weg“, sagt Prof. Marylyn Addo.


Wird es schneller gehen als bei anderen Impfstoffen?

„Die aktuellen Entwicklungen zeigen uns mehr denn je, wie wichtig eine internationale Zusammenarbeit – insbesondere im Bereich der neu auftretenden Infektionskrankheiten – ist. Noch nie waren wir so schnell bei der Entwicklung eines Impfstoffes“, sagt Prof Addo. „Auch, wenn der Impfstoff am liebsten schon vor drei Monaten hätte da sein sollen, bin ich doch sehr getragen von der Begeisterung darüber, wie viel erreicht werden kann, wenn interdisziplinär kon­struktiv zusammengearbeitet wird. Das war ja dann auch bei der Ebolaimpfung letztendlich erfolgreich.“


Wie weit ist man im Vergleich zu anderen Testungen für einen Impfstoff?

„Für unser Impfstoffkonstrukt liegen wir gut im Zeitplan“, so das UKE. „Weltweit gibt es schon weitere klinischen Studien, die begonnen haben.“

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Auf der ganzen Welt und auch in Deutschland wird bereits an einem Impfstoff gearbeitet – warum jetzt auch am UKE?
„Das UKE beschäftigt sich schon lange mit der Entwicklung und Erforschung von Impfstoffen gegen neu auftretende Infektionskrankheiten, unter anderem auch zu Mers oder zu Ebola. Im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung, dem wir angehören, sind die Entwicklung von Medikamenten, die Diagnostik und die Erforschung von Impfstoffen für neu auftretende Infektionskrankheiten schon lange ein Schwerpunkt“, heißt es vom UKE.


Warum wird man vermutlich mehrere Impfstoffe brauchen?

Derzeit kann man noch nicht sagen, welcher Impfstoff die besten Ergebnisse zeigen wird. Es kann sein, dass unterschiedliche Impfstoffstrategien für unterschiedliche Populationen eingesetzt werden müssen. So benötigen ältere Menschen eventuell andere Impfstoffe oder andere Impfdosen als jüngere. Hier müssten laut UKE noch Studienergebnisse abgewartet werden – es gebe noch viele Wissenslücken.

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