Missbrauch in Familien

Zahl der Kindeswohlgefährdungen in Hamburg stark gestiegen

| Lesedauer: 4 Minuten
Christoph Heinemann und Andre Zand-Vakili
Hamburg: Bereits im vergangenen Jahr war die Zahl der Kindeswohlgefährdungen um mehr als 1000 Fälle gestiegen (Symbolbild).

Hamburg: Bereits im vergangenen Jahr war die Zahl der Kindeswohlgefährdungen um mehr als 1000 Fälle gestiegen (Symbolbild).

Foto: picture alliance/imageBROKER

Bis Ende April wurden bereits 5422 Fälle von Vernachlässigung und Missbrauch gemeldet. Nur in einem Bezirk sank die Zahl.

Hamburg. Die Zahlen deuten auf häufigere Fälle von Vernachlässigung und Missbrauch in Hamburger Familien hin: Von Januar bis Ende April sind bereits 5422 Kindeswohlgefährdungen den Behörden gemeldet worden. Das geht aus der Antwort des Senates auf eine Kleine Anfrage der CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Silke Seif hervor. „Für 2020 zeichnet sich eine noch deutliche höhere Zahl ab“, so die Politikerin. Hält die Entwicklung an, wären bis zum Jahresende rund 16.200 Fälle zu erwarten – rund 1600 mehr als noch in 2019. Seif nennt das „besorgniserregend“.

Bereits im vergangenen Jahr war die Zahl der Kindeswohlgefährdungen um mehr als 1000 Fälle gestiegen. Von Januar bis April dieses Jahres wurden die meisten Kindeswohlgefährdungen im Bezirk Wandsbek gemeldet – rund 325 im Durchschnitt pro Monat und somit mehr als zehn Meldungen pro Tag. Im Vorjahr waren es durchschnittlich monatlich noch 276 gewesen.

Kindeswohlgefährdung: Nur in Altona sank die Zahl

Im Bezirk Mitte gab es in diesem Jahr durchschnittlich 297 Fälle pro Monat, ebenfalls mehr als noch 2019 mit 255 Fällen. Im Bezirk Harburg stieg die Zahl der monatlich angezeigten Kindeswohlgefährdungen von 151 auf 172, in Bergedorf von 131 auf 160, im Bezirk Nord von 140 auf 155, im Bezirk Eimsbüttel von 90 auf 105. Lediglich im Bezirk Altona ging die Zahl der Anzeigen um 20 Fälle im Durchschnitt pro Monat auf 143 Meldungen zurück.

Laut der Fragestellerin Seif liegt der Verdacht nahe, dass sich auch der aktuelle Stress in den Familien aufgrund von Kita- und Schulschließung sowie den Kontaktbeschränkungen niederschlage. Seif: „Der Senat ist jetzt aufgefordert, diesen Negativtrend mit aller Kraft zu stoppen. Das Beratungsangebot für Kinder und Jugendliche muss bedarfsgerecht und nachhaltig ausgebaut werden, und gerade in der Krise besonders präsent sein.“

Corona-Krise: Gegensätzliche Entwicklungen zu beobachten

Wie es aus der Sozialbehörde heißt, hat die Corona-Krise aber statistisch bislang nicht zu deutlich mehr Kindeswohlgefährdungen geführt. Im Gegenteil: Die Zahl der Meldungen habe seit Anfang März sogar leicht abgenommen. „Wir sind in diesem Bereich sehr wachsam, weil es weiterhin denkbar ist, dass etwa die derzeitige räumliche Enge auch zur Gefährdung des Kindeswohles führen kann“, sagte der Behördensprecher Martin Helfrich auf Anfrage.

Seit Beginn der Corona-Krise seien dabei gegensätzliche Entwicklungen zu beobachten. Auf der einen Seite wird ein großer Teil der Kindeswohlgefährdungen normalerweise durch Lehrer und Betreuer in Kitas und Vereinen angezeigt – da nur wenige Kinder bislang dort vor Ort sind, könnte auch erklären, dass weniger möglicher Missbrauch und Vernachlässigung zur Anzeige beim Jugendamt gebracht wird. Andererseits könnten etwa Nachbarn verstärkt wahrnehmen und melden, wenn Kinder in Familien angeschrien oder misshandelt werden.

CDU-Abgeordnete: "Wir dürfen kein gefährdetes Kind alleine lassen“

Zumindest punktuell hätten Lehrer öfter das Jugendamt eingeschaltet, wenn ein Kind etwa nicht zu erreichen ist oder verabredete Aufgaben im „Homeschooling“ nicht erledigt. Wie es in der Senatsantwort auf die Kleine Anfrage der CDU heißt, nähmen die Allgemeinen Sozialen Dienste (ASD) auch in Corona-Zeiten in vollem Umfang ihre Aufgabe wahr, auf das Wohl der Kinder in den Familien zu achten.

Das könnte Sie auch interessieren:

Bei Hinweisen auf eine Gefährdung käme es dabei auch zu persönlichen Besuchen. Die CDU-Abgeordnete Seif forderte, die Bemühungen weiter zu verstärken. „Kontaktaufnahmen müssen niedrigschwellig erfolgen können und Angebote über Lernplattform der Schulen bekannt gemacht und viel stärker in sozialen Medien kommuniziert werden. Wir dürfen kein gefährdetes Kind alleine lassen“, sagte Seif.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg