Corona-Krise

Schulleiter: Aufstand gegen Corona-Unterrichtsmodell

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Juliane Lauterbach und Axel Ritscher
Christian Gefert, Vorstand der Hamburger Leiter der Gymnasien (VLHGS) und Rektor des  Marion-Dönhoff-Gymnasium in Hamburg

Christian Gefert, Vorstand der Hamburger Leiter der Gymnasien (VLHGS) und Rektor des Marion-Dönhoff-Gymnasium in Hamburg

Foto: Roland Magunia / HA

Ties Rabes Schulbehörde hat ein Unterrichtsmodell für die Zeit nach den Mai-Ferien vorgelegt.

Hamburg. Auf der einen Seite steht ein Plan. Der Plan der Schulbehörde, der Anfang Mai verkündet wurde und der grob gesagt so geht: Nach den Maiferien sollen alle Schülerinnen und Schüler wieder die Schule besuchen, zumindest tage- oder stundenweise, parallel läuft das Homeschooling weiter und der Infektionsschutz wird durch kleinere Gruppen und Hygienekonzepte eingehalten. Aber es gibt auch eine andere Seite, die der Schulleiter. Und die äußern erhebliche Zweifel daran, dass das ein Plan ist, der aufgehen kann.

Der Meinung ist zumindest Christian Gefert, Schulleiter des Marion Dönhoff Gymnasiums in Blankenese und Vorstand der Vereinigung der Leitungen Hamburger Gymnasien und Studienseminare (VLHGS). Er sagt: „Diesen Plan werden wir nicht umsetzen können. Zumindest nicht, wenn wir uns nicht tief in eine rechtliche Grauzone begeben oder schulische Standards erheblich absenken.“

Schulleiter sehen rechtliche Grenzen überschritten

Konkret gehe es um ein mehrseitiges Schreiben, das die Schulbehörde am Dienstagabend an Hamburger Schulleitungen verschickt hat – gewissermaßen das Regelwerk, auf dessen Basis der Plan nach den Ferien umgesetzt werden soll. Laut Gefert ein Regelwerk, das in der Theorie gut klinge, aber an vielen Stellen nicht zu Ende gedacht sei und zum Teil sogar rechtliche Grenzen überschreite.

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Zum einen nennt er die Lehrerarbeitszeitverordnung, gegen die verstoßen werden müsste, um die Anforderungen zu erfüllen. Das macht er an einem Beispiel deutlich: „Wenn eine Deutschlehrerin zum Beispiel vier Stunden Deutschunterricht pro Woche gibt, die Klasse nun aber teilen muss, dann bekommt jeder Schüler nur zwei Stunden Deutschunterricht. Die weiteren 50 Prozent soll sie laut Plan nun über Fernunterricht abdecken. Sie kommt also insgesamt auf mehr Stunden als vier pro Woche.“

"Behörde hat aus Schülersicht gedacht"

Dies könne nur ausgeglichen werden, indem die Deutschlehrerin zum Beispiel in einer anderen Klasse Unterrichtsstunden abgebe. „Das wiederum würde in vielen Fällen bedeuten, dass der Unterricht fachfremd erteilt werden muss. Und das ist eine Tatsache, über die man mindestens sprechen sollte, wenn suggeriert wird, dass in den Schulen Standards gesichert werden sollen.“

Im Kern sei das Ganze ein Problem der Perspektive. „Die Behörde hat aus Schülersicht gedacht und akribisch in Stunden beziffert, wer wie viel Unterricht bekommen soll. Neben der Lehrerarbeitszeitverordnung wurde dabei leider auch nicht bedacht, dass wir das Lehrpersonal für den geforderten Präsenzunterricht oftmals doch gar nicht zur Verfügung haben.“

Alles normal und an alle Vorgaben halten? "Das wird nicht klappen"

Solange beispielsweise Kitas geschlossen hätten, müssten viele Lehrer selbst kleine Kinder zu Hause betreuen. Andere würden zur Risikogruppe zählen und könnten deshalb nicht zum Unterricht in die Schule zurückkehren, ohne sich selbst zu gefährden. „Diese Themen wurden nicht ausreichend bedacht. Wie soll das gehen?“

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Laut Gefert würden die Schulen derzeit in eine rechtliche Grauzone gedrängt werden. „Um den Preis, dass allen suggeriert werden soll, dass an den Schulen alles möglichst schnell wieder normal erscheint, werden wir gezwungen, Unterrichtsstandards abzusenken, Arbeitszeitenregelungen zu verletzen oder Abstriche beim Infektionsschutz zu machen. Denn wenn wir uns eins zu eins an die Vorgaben halten, muss man sagen: Das wird dann eben nicht klappen.“

Präsenzzeiten in festen Gruppen statt Präsenzstunden im Wechsel

Zu dieser Situation hätte es aus seiner Sicht Alternativen gegeben, die die VLHGS bereits zum Teil in einem Brandbrief benannt hat. „Statt Präsenzstunden wären beispielsweise Präsenzzeiten sinnvoll.“ Gemeint sind gleichbleibende Lerngruppen, die regelmäßig zur Schule kommen und dort Aufgaben aus unterschiedlichen Fächern bearbeiten.

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Die Vorteile aus seiner Sicht: „Alle Schüler könnten geregelt zur Schule gehen und hätten ein festes soziales Gefüge, und die Vor- und Nachbereitung könnte vom Fachlehrer im Fernunterricht begleitet werden.“Auch glaubt Gefert, dass man erreichte Standards im Fernunterricht nun aufs Spiel setzen würde. „Es wäre viel wichtiger, hier ein richtig gutes System zu entwickeln und zu sichern, auch für den Fall, dass die Infektionszahlen wieder steigen.“

Schulbehörde weist Kritik als "unsachgemäß" zurück

Die Schulbehörde sieht ihr eigenes System aber bereits als tragfähig. Der Sprecher Peter Albrecht wies die Kritik entschieden und als „unsachgemäß“ zurück. „Die Lehrerarbeitszeitverordnung wird nicht verletzt, wenn eine Lehrkraft in einer bestimmten Klasse nun mehr Deutschunterricht im kombinierten Präsenz- und Fernunterricht erteilen muss“, sagte Albrecht. In der Praxis entfielen derzeit viele Aufgaben, etwa Klassenreisen. „Hier steht Personal zur Verfügung, das zum Beispiel die Vertretungsstunden oder die Aufsichten der Deutschlehrkraft übernehmen kann“ so Albrecht.

Um mit dem Personal möglichst effizient zu haushalten, könnte bis einschließlich der Mittelstufe vom sogenannten Fachlehrkräfteprinzip abgewichen werden. „In der Oberstufe ist das Fachlehrkräfteprinzip einzuhalten“, sagte Albrecht. Zu der Frage, ob etwa angesichts noch teils geschlossener Kitas genügend Lehrer in die Schule kommen könnten, sagte Albrecht, der Anteil des Präsenzunterrichts sei im Vergleich zum normalen Stundenplan deutlich reduziert. „Insofern kann die Versorgung der Unterrichtszeit im Präsenzunterricht von jeder Schule sichergestellt werden.“ Auch stehe Lehrern die Notbetreuung in Kitas für ihre Kinder offen.

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