Hamburg. Der Gründer von Online Marketing Rockstars, Philipp Westermeyer, dokumentiert im neuen Magazin, wie er die Corona-Zeit erlebt.

Bis zu 60.000 Besucher wollten heute und morgen zu den Online Marketing Rockstars, kurz OMR, in die Messehallen kommen. Doch dann wurde aus dem lokalen chinesischen Ereignis Corona eine Pandemie nie geahnten Ausmaßes. Lesen Sie hier Auszüge aus den Protokoll von Firmengründer und OMR-Chef Philipp Westermeyer. Die ungekürzte Fassung finden Sie im neuen Magazin „Philipp – Volume 2“.

12. Februar

Auf der Fahrt im Regionalzug zu einer Konferenz in Bielefeld lese ich auf meinem Handy: Der Mobile World Congress in Barcelona wird abgesagt. Das Coronavirus taucht damit zum ersten Mal konkret in meinem Leben auf.

14. Februar

Vormittags sitzen wir im Redaktionsteam zusammen und arbeiten an meiner Keynote-Präsentation für das OMR Festival. Nachmittags habe ich frei und hole meinen Freund, den Rap-Produzenten Elvir Omerbegovic, und seine Freundin am Flughafen ab. Abends tritt sein Künstler RIN in Hamburg auf, und wir gehen zusammen zum Konzert. Ich ahne natürlich nicht, dass es für eine lange Zeit das letzte Konzert sein wird.

18. Februar

Mein Geburtstag. Toni Sonn, der Gründer von Caseking, einem absoluten Hidden Champion aus dem Bereich Gaming, kommt zum Podcast vorbei. Caseking verkauft Rechner, Gamer-Stühle und jede Menge anderer Hardware rund um Computerspiele, und wir planen gemeinsam einen Gaming-Track beim OMR Festival. Nebenbei erzählt er, dass sie aktuell Probleme haben, weil in China, wo sie viel produzieren lassen, alle Fabriken geschlossen haben. Ich bekomme ein mulmiges Gefühl im Bauch und vergesse es dann lieber schnell wieder.

19. Februar

Mein Kollege Ove und ich fliegen nach München zum „CMO of the ­Year“-Council, einem Event der Werbeagentur Serviceplan, um unsere Kooperation zwischen dem Council und OMR vorzustellen. Im Laufe des Tages bekomme ich eine Nachricht von Volker Schütz, dem Chefredakteur von „Horizont“. Er fragt, ob ich Probleme sehen kann bezüglich OMR, der Absage des MWC und Corona. Ich spreche ihm ein, dass wir vermutlich weniger Speaker aus China haben werden als sonst, aber ich komplett entspannt bin.

24. Februar

Abends treffe ich Tarek Müller zum Podcast, einige Livegäste sind zu uns ins Studio gekommen. Wir sind Teil des Hamburger Podcast-Festivals des NDR. Im Podcast sprechen wir auch kurz über Corona. Ich sage zu Tarek, dass es ein großes Problem wäre, wenn das OMR Festival abgesagt werden müsste. Ernsthaft sieht das Szenario niemand im Raum.

27. / 28. Februar

Viele Termine im Büro. Es geht darum zu planen, was rund um das Thema Mode bei OMR passieren soll. Alle sind voll motiviert, dennoch ist Corona ein Thema. Aber gemeinsames Gefühl ist: Bis Mai sollte sich das entspannt haben.

1. März

Sonntag. Wir treffen uns zu siebt mit meiner Firmenleitungscrew abends im Büro. Die Informations- und Medienlage zu Corona wird immer bedrohlicher. Wir wollen ausführlich und in Ruhe verschiedene Szenarien für das Festival durchdenken und kalkulieren. Wir überlegen, wann wir diese Szenarien gegebenenfalls einleiten sollten. Noch ist die Technologiemesse SXSW nicht abgesagt, und in Hamburg steht die Gastro-Messe Internorga an. Es sieht aus, als würde beides stattfinden können. Wir vereinbaren, bis Ende kommender Woche abzuwarten.

4. März

Ich telefoniere mit Julia, mit der ich befreundet bin und die bei Facebook arbeitet. Sie sagt, was ich befürchtet hatte. Es gebe bei Facebook die globale Direktive, bis Ende Juni an keiner Veranstaltung teilzunehmen. Sie sagt uns volle Unterstützung zu. Mir ist nach dem Telefonat etwas schlecht, weil langsam klar wird, dass alles ganz anders werden könnte. Eigentlich müsste ich jetzt sofort alle Termine ändern. Ich hatte aber für den Nachmittag zugesagt, bei einer internen Konferenz der Firma AppLike kurz auf der Bühne zu sprechen. Auf dem Fahrrad nach Altona ist mir so schlecht, dass ich überlege, lieber ein paar Meter zu Fuß zu gehen. Aber das geht einfach nicht jetzt. Ab sofort ist Funktionieren angesagt.

5. März

Am nächsten Tag haben die Macher des Bundesverbands Deutsche Start-ups mich zu einer Gala nach Berlin eingeladen. Gastredner ist Armin Laschet, der Corona natürlich anspricht, aber die Sache nicht sehr bedrohlich sieht. Die Location – das Tipi am Kanzleramt – ist voll. Viele der erfolgreichsten Gründer des Landes sind da. Anita Tillmann von der Berliner Fashion-Messe Premium hat ihr nächstes Event im Juni und ist zuversichtlich. Sie erzählt mir von ihrer Theorie, dass Norditalien deswegen von Corona betroffen sei, weil dort das Zen­trum der Textilindustrie sei und es entsprechend viele Kontakte mit China gebe.

Nach dem Programm gehe ich direkt ins Hotel. Small Talk macht keinen Spaß, wenn ich ständig über unsere Szenarien nachdenken muss. Denn eins davon bedeutet: unsere Veranstaltung abzusagen und die Firma zu verkleinern. Ich liege die Nacht über wach und denke hin und her, wie ein angepasstes OMR Festival aussehen könnte. Statt einer teuren Bühne einfach ein Bus mit Balkon auf dem Dach mitten in einer Halle, keine Stühle, „bring your own pillow“ und jeder setzt sich da hin, wo er sich wohlfühlt.

6. März

Ich treffe Michael Iseghohi von Media Pioneers, und wir besprechen den Auftritt von Gabor Steingart bei OMR. Er erzählt mir von einer geplanten Bootsüberführung des neuen Media-Pioneer-Schiffes mit viel Programm. Spannende Pläne und keine Corona-Zweifel. Gabor Steingart schreibt an diesem Morgen gewohnt spitz in seinem „Morning Briefing“ von der „absurden Panikmache“ rund um das Virus. Als indirekt Betroffener tut es gut, das zu lesen, aber ganz entspannen kann es mich nicht.

Danach treffe ich Kai Diekmann, wir besprechen die Medienkarriere von Corona. Vermutlich gibt es niemanden, der genauer versteht, wie Medien, Politik und öffentliche Meinung jetzt ablaufen. Alle Medien haben Corona ganz oben auf der Agenda. Kai schätzt, dass das Thema bis Mai durch sein müsste. Er sagt, solche Themen hätten eine Halbwertzeit, aber die Pandemie hätte medial betrachtet eine ungeheure Faszination. Er sagt voraus, dass Virologen jetzt eine dauerhafte Prominenz aufbauen würden.

Ich gebe ein Interview mit „Horizont“ frei. Darin sage ich, wovon ich zu diesem Zeitpunkt zu 100 Prozent überzeugt bin: Wir gehen davon aus, dass sich die Situation wieder entspannt. Gesundheitsminister Jens Spahn hatte gestern erklärt, er halte Großevents für unbedenklich. Also. Mein Freund Sven Schmidt hatte mir erklärt: „Du ziehst ein Event so lange durch, bis du es absagst. Das ist wie schwanger. Du kannst nicht ,vielleicht‘ sagen in der Phase mit so vielen Partnern, Mitarbeitern, Besuchern.“

8. März

Ich rufe meinen alten Chef und wichtigen Ansprechpartner bei größeren beruflichen Fragen, Bernd Kundrun, an. Als ich Bernd kennenlernte, war er Vorstand bei Bertelsmann, Chef von Gruner + Jahr und ich sein Assistent. Heute ist er unter anderem Aufsichtsratschef des Event-Veranstalters CTS Eventim. Er sagt, es sei eine ganz schwierige Gemengelage, man könne nur auf Sicht fahren. Am Ende gelte immer „better save than sorry“.

9. März

Am Sonntagvormittag stehe ich mit meinen Kindern auf dem Sportplatz und bekomme eine Nachricht mit einem neuen Statement von Jens Spahn. Er sehe Großevents jetzt kritisch. Für mich fügt sich das Puzzle langsam zusammen. Am Nachmittag sitzt die OMR-Führungscrew zusammen und plant das Absage-Szenario durch.

10. März

Die Absage der SXSW wird bekannt. Wie jeden Montagvormittag ist bei uns Meeting mit dem ganzen Team. Wir sind etwas mehr als 100 Leute. Ich erkläre den Kollegen direkt zum Einstieg, dass wir aktuell nun doch mit der Möglichkeit umgehen müssen, dass das Festival in diesem Jahr nicht durchgeführt werden kann. So still war es in dem Studio-Raum noch nie. Keiner sagt was. Keine Frage.

11. März

Ich bin den Tag in London. In den letzten Jahren hatte ich immer wieder Kontakte mit internationalen Event-Unternehmen und deren Investoren. Es gehört gefühlt in der aktuellen Situation dazu, hier die Kontakte zu intensivieren und zu hören, wie sie die Märkte einschätzen. Auf den kurzen Flügen wird mir klar: Egal, was passieren sollte, es ist immer besser, die Geschicke unserer Firma selbst zu bestimmen. Die Welt ändert sich jetzt überall, und da muss man Stärke zeigen und seine Chancen suchen, rede ich mir ein.

Aber es ist auch so, jetzt ist nicht die Zeit für Angst. Es ist einfach auch operativ unmöglich sich jetzt groß abzustimmen, jetzt gehen die Dinge sehr schnell, das wird immer klarer. In Hamburg haben meine Kollegen ein Absage-Szenario kommunikativ durchgeplant. Abends sind sicher noch 30 Leute im Büro. Unsere Event-Produktionschefs sind wirklich krisenerprobt und selbst im größten Wacken-Wahnsinn immer nüchtern. Aber auch sie sagen: Wir haben Hygienekonzepte geprüft. Sie haben große Zweifel. Ich kann mir kurz ein paar Tränen nicht verkneifen.

12. März

Ich war noch nicht auf so vielen Beerdigungen, Gott sei Dank. Aber so etwa fühlt sich dieser Donnerstag an, nachdem die finale Entscheidung gefallen ist: Wir sagen ab. Eine ungewohnte, bedrückende Situation mit vertrauten Leuten. Alle relevanten Abteilungen rufen ab 8 Uhr morgens ihre Kontakte an. Kunden, Partner, Künstler, Dienstleister, Unterstützer, Freunde des Hauses – ich gehe meine Telefonliste durch vom Hamburger Kultursenator über Speaker-Superstars wie Scott Galloway oder das Team von Gwyneth Paltrow.

Um 12 Uhr versenden wir die offizielle Mail samt Video an mehrere Hunderttausend Leute. Kurz bricht der Server zusammen. Im Laufe des Tages landen einige Hundert Nachrichten von Freunden und Bekannten in meiner Inbox. Wir erleben viel Solidarität, versuchen uns gegenseitig zu motivieren.

13. März

Die Aufräumarbeiten beginnen so richtig. Wir entscheiden, ab sofort auf Home­office umzustellen. Alle Kollegen nehmen ihre Rechner mit. Ich setze mir das Ziel, bis Ostern eine erste Neuausrichtung von OMR geschafft zu haben. Dazu gehören die wirtschaftliche Abwicklung der Absage, Umplanung zahlreicher Stellenprofile und Boni, Beginn der Kurzarbeit, Start von konkreten Projekten und Maßnahmen, am Ende eine mittelfristige Neudefinition der Geschäfte und Erlösmodelle.

17. März

Mein Freund, der Digital-Unternehmer Christoph Burseg, erzählt mir abends von einer Geschäftsidee, die er an meiner Stelle versuchen würde. Was er vorschlägt, erinnert mich an ein altes Projekt, an dem wir beim OMR schon mal gearbeitet hatten – nur viel größer gedacht. In den kommenden Tagen entscheiden wir im Team, eine Taskforce zu dieser Idee zu bilden. Mehr als zwanzig Leute werden in den kommenden Wochen am neuen Projekt mitarbeiten. Noch ist es aber zu früh, um mehr darüber zu verraten.

22. März

Das Land ist im Shutdown. Drei oder vier Leute verteilen sich auf unser verwaistes Büro und arbeiten an neuen Projekten. Ab und an kommt ein Kollege aus dem Homeoffice vorbei. Das Schanzenviertel ist so ruhig wie sonst nachts zwischen drei und vier. Dabei immer blauer Himmel und Sonnenschein. Wir überlegen, was wir mit den mehreren Tonnen Fleisch – knapp 60.000 Mahlzeiten – machen sollen. Könnte man nicht einen Food-Cart auf unseren Büro-Parkplatz stellen? Tim Mälzer, der nebenan seine Bullerei schließen musste, ruft an und hatte dieselbe Idee. Wir legen los mit der Food-Cart-Umsetzung.

31. März

Meine Frau und ich sitzen abends auf dem Sofa, als – trotz Vorgesprächen überraschend – eine E-Mail von Günther Jauch kommt. Er sei durchgehend zu Hause in Potsdam. Wenn ich Lust habe, könne ich – mit ausreichend sozialem Abstand – an einem der nächsten Tage vorbeikommen und einen Podcast aufnehmen. Jauch stand schon lange auf meiner Liste herausragender Gäste.

3. April

Unser Podstars-Audio-Producer Chris und ich fahren mit dem Auto nach Potsdam zu Günther Jauch. Es wird ein super Gespräch in seinem geschlossenen Restaurant. Als die Folge live geht, wird schnell klar: Diese Ausgabe des OMR-Podcasts wird eine der erfolgreichsten aller Zeiten werden.

4. April

Meine Mutter erzählt mir, dass sie mit ihrem kleinen Geschenkartikelladen in einem Essener Vorort nicht mehr weiterweiß. Die Osterware liegt im Lager, aber der Laden hat seit Tagen wie alles zu. Wir denken über Lösungen nach. Darunter auch die Idee, einen Instagram-Account zum unmittelbaren Verkauf für den Laden einzurichten. Meine Mutter ist 71 und war vorher nie bei Instagram. Daraus entsteht ein Video.

27. April

In zwei Wochen wären die ersten Events rund um OMR20 gestartet. Wir haben in den vergangenen Wochen versucht, Teile des Festivals digital erlebbar zu machen. Mitte Juni startet unser digitales Masterclass-Konzept. Mehr als 60 Firmen haben Stand heute zugesagt bei der Premiere der digitalen OMR-Masterclasses dabei zu sein.

1. Mai

In den Wochen seit der Festival-Absage ist eine lange Liste mit Ideen und Projekten entstanden. Ich gehe diese Liste immer wieder durch. Was können wir noch machen, ohne den Fokus zu verlieren? Ich versuche die Modelle abzuschätzen, wiege die Einsparungen der Kurzarbeit gegen die Chancen neuer Themen ab.

4. Mai

Zusammen mit dem Key-Account-Kollegen Simon habe ich in den letzten Wochen mit einer Taskforce aus Vodafone-Kollegen die Event-Absage aufgearbeitet. Wir sind durch, Vodafone kommt uns in diesem Jahr entgegen, und wir werden zusammen weitermachen und starten die ersten Überlegungen für 2021.

10. Mai

Eigentlich wäre morgen der erste Tag des Festivals. Ich wäre auf verschiedenen Abendessen, wäre extra in ein Hotel gezogen und mit Vollgas im Einsatz. Stattdessen stehen im Kalender nur ein interner Termin im Büro und eine handelsübliche To-do-Liste. Über Mittag verkaufen wir auf dem Parkplatz vor dem Büro am Food-Truck erstmals deutlich mehr als 100 Mahlzeiten.

Daneben gibt es recht positive erste Resultate von unserem neuen Großprojekt – viele Pilotnutzer machen mit, aber vor August wird es nicht richtig vorzeigbar sein. Ich versuche einfach zu vergessen, was sonst wäre, und habe mir vorgenommen, daran zu denken, dass es dieses Jahr nach Ende des Events keine Aufräumarbeiten, kein „Loch“ geben wird, immerhin. Beruflich werden wir trotz der Verluste hoffentlich „assets“ erschaffen, die uns langfristig erhalten bleiben. Alle im Umfeld sind gesund. Wir haben niemanden entlassen müssen, einige Kollegen, die eigentlich nur für das Festival angestellt worden waren, sogar verlängert.

Wir haben das Spiel, bei dem wir plötzlich zurücklagen, noch nicht gedreht, aber das Team hinter OMR drückt zumindest mit aller Macht auf das Ausgleichstor.

„Philipp – Volume 2 – Platz für Neues“

Das Magazin erscheint am Dienstag – passend zum ursprünglichen Termin der OMR – als digitales E-Paper. Das 168 Seiten starke Magazin steht kostenlos zum Download unter www.abendblatt.de/philipp2 sowie unter www.abendblatt.de/omr bereit. Abendblatt-Abonnenten finden das Magazin außerdem in der Abendblatt E-Paper-App zum Download. Im Magazin begegnen die Leserinnen und Leser vielen inspirierenden Menschen der digitalen Welt: Von Philipp Wes­termeyer, Jan Delay, Fynn Kliemann über Scott Galloway bis hin zu Gwyneth Paltrow.

Das erste „Philipp“-Magazin im vergangenen Jahr war eine Kooperation von OMR und Hamburger Abendblatt. Chefredakteur Lars Haider hatte die Idee. In diesem Jahr sind die Kollegen vom Fachmagazin „Horizont“ auch mit dabei. Auch OMR und „Horizont“ bieten das Magazin zum Download an. Insgesamt geht die Einladung zum Download an mehr als 250.000 Empfänger.