Prozess

Stutthof: Historiker erklärt die grausamen Mordmethoden

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Der 93 Jahre alte ehemalige SS-Wachmann Bruno D. wird im Rollstuhl während einer Verhandlungspause von einer Ärztin mit Mundschutz (M) und in Begleitung seiner Tochter aus dem Gerichtssaal geschoben.

Der 93 Jahre alte ehemalige SS-Wachmann Bruno D. wird im Rollstuhl während einer Verhandlungspause von einer Ärztin mit Mundschutz (M) und in Begleitung seiner Tochter aus dem Gerichtssaal geschoben.

Foto: Christian Charisius/dpa

Früherer KZ-Wachmann ist wegen Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen angeklagt. Sachverständiger berichtet von Mordmethoden.

Hamburg. Das organisierte Morden begann im Konzentationslager Stutthof im Spätsommer 1944. Wer krank war, die total Erschöpften, die Arbeitsunfähigen: Sie wurden nun gezielt hingerichtet, erst durch Giftspritzen, später auch durch Erschießen, zuletzt zudem in der Gaskammer. „Die neuen Mordmethoden kamen additiv dazu. Es war kein Entweder-oder“, erläuterte am Montag ein historischer Sachverständiger die systematischen Tötungen der Gefangenen im Stutthof durch das nationalsozialistische Regime.

Stutthof sei das erste größere Konzentrationslager gewesen, das „von Massenüberfüllung betroffen war“, sagte der Historiker Stefan Hördler im Strafprozess gegen den früheren KZ-Wachmann Bruno D. (93), dem Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen vorgeworfen wird. Schon im Juli und August 1944, so Hördler, sei Mord an Gefangenen praktiziert worden. Aber erst von September an hätten die Lagerkommandanten das systematische Töten in Eigenregie vornehmen sollen.

Sachverständiger präsentiert Todeslisten

„So oder so ist es Mord“, betonte der Sachverständige. Er präsentierte „Todeslisten“ der Nazis von November 1944, in denen die Ermordeten nicht einmal mehr namentlich erfasst wurden. Eine dieser Listen trägt die Unterschrift eines SS-Mannes, von dem man weiß, dass er zuvor zu einer speziellen Schulung abkommandiert worden war: zum Umgang mit Zyklon B, mit dem die Häftlinge in den Gaskammern massenweise umgebracht wurden.

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Die meisten Ermordungen, so der Historiker, fanden in Stutthof durch Erschießungen statt. Es sei „die zynische Feststellung der SS“ gewesen, dass diese Tötungsmethode bei kleineren Gruppen „effizienter“ gewesen sei. Den Gefangenen wurde vorgegaukelt, sie würden medizinisch untersucht. Wenn sie sich im Krematorium an eine Wand stellten, weil sie dort angeblich gemessen werden sollten, traf sie durch eine getarnte Luke in der Wand ein Schuss ins Genick.

Nachdem jedoch seit Dezember 1944 in Stutthof die Fleckfieber-Epidemie grassierte, erklärte Hördler, seien die Ermordungen durch Schießen und Gas eingestellt worden. „Die Sterberaten durch das Fleckfieber waren so hoch, dass aus Sicht der SS keine Notwendigkeit mehr war zu töten.“ Nun habe ein „systematisches Sterbenlassen“ begonnen. Insgesamt ermordeten die Nazis etwa 65.000 Menschen in Stutthof.

( bem )

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