Hamburg

Neuer Therapieansatz: UKE will mehr Corona-Patienten retten

| Lesedauer: 5 Minuten
Franziska Coesfeld
UKE-Studie zeigt erhöhte Rate von Thrombosen und Lungenembolien bei Covid-19-Patienten – damit beschäftigen sich Prof. Dr. Stefan Kluge (v.l.n.r.), der Rechtsmediziner Prof. Dr. Klaus Püschel, Prof. Dr. Jan Sperhake und Priv.-Doz. Dr. Dominic Wichmann.

UKE-Studie zeigt erhöhte Rate von Thrombosen und Lungenembolien bei Covid-19-Patienten – damit beschäftigen sich Prof. Dr. Stefan Kluge (v.l.n.r.), der Rechtsmediziner Prof. Dr. Klaus Püschel, Prof. Dr. Jan Sperhake und Priv.-Doz. Dr. Dominic Wichmann.

Foto: UKE

Rechtsmediziner Püschel entdeckte häufig zwei Todesursachen. Das hat Konsequenzen für die Behandlung der Erkrankten.

Hamburg. Gute Nachrichten in der Corona-Krise: Der Rechtsmediziner Prof. Klaus Püschel des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) und sein Team haben aus Obduktionen überraschende Erkenntnisse über den Krankheitsverlauf von Covid-19 gewonnen. Demnach starben Corona-Patienten häufig an Thrombosen und Lungenembolien. Püschel informierte heute mit Ärzten vom UKE in einer Pressekonferenz über die aktuelle Corona-Lage und therapeutische Erkenntnisse.

Der Pathologe Püschel wies in der Pressekonferenz zunächst darauf hin, dass die Entwicklung in Bezug auf die Todesfälle positiv sei. Die Zahlen seien "eindeutig absteigend". "Die Zahl der Sterbenden wird weniger." Laut Püschel konnte derzeit bei 190 Personen die Covid-19-Infektion als todesursächlich festgestellt werden. Der jüngste Corona-Tote war 31 Jahre, der älteste Corona-Tote 99 Jahre alt.

Spezielle Form der Lungenentzündung bei Corona-Toten

Am Institut für Rechtsmedizin des UKE wurden in den vergangenen Wochen mehr als 170 verstorbene Covid-19-Patienten untersucht – mehr als in jedem anderen Bundesland. Bei vielen Corona-Toten sei eine sehr spezielle Form der Lungenentzündung mit Gewebseinblutungen festgestellt worden, sagte Püschel. Zudem sei das Gehirn fast immer entzündlich verändert und auch auf der Netzhaut finde sich das Virus.

"Wir haben bei all diesen Fällen praktisch jedes Gewebe asserviert", so Püschel, der hoffnungsvoll in die Zukunft blickt. "Es werden in den nächsten Wochen und Monaten viele weiterführende Ergebnisse erhoben werden, die das Verständnis für diese Krankheit enorm ausweiten werden."

Studie: Vier der zwölf Patienten an einer Lungenembolie gestorben

Bei den Obduktionen stellte der Rechtsmediziner gehäuft Thrombosen und tödliche Lungenembolien fest. In einer ersten Auswertung wurden zwölf Verstorbene (neun Männer und drei Frauen) näher untersucht, bei sieben von ihnen traten diese Krankheitsbilder auf. Vier der zwölf Patienten seien direkt an einer Lungenembolie gestorben, sagte Prof. Dr. Jan Sperhake, Erstautor der Studie. "Das ist ein ziemlich hoher Prozentsatz."

Klinisch wurde dies bereits von den Forschenden vermutet, jetzt bei der Autopsie der ersten zwölf Patienten aber wissenschaftlich nachgewiesen und im weiteren Verlauf von mittlerweile insgesamt 192 rechtsmedizinischen Untersuchungen bestätigt, so Sperhake.

Püschel: Zweite Welle von Corona-Fällen werde kein Tsunami

Häufige Begleiterkrankungen bei den Patienten waren laut Sperhake Herz- und Lungenerkrankungen, Parkinson und Demenz. "Eine große Rolle spielt zudem Übergewicht, aber auch Untergewicht." Das Durchschnittsalter der Patienten lag bei 73 Jahren.

Lesen Sie hier den Corona-Newsblog vom Freitag

Püschel geht davon aus, dass eine zweite Welle von Corona-Fällen kein "Tsunami" werde. "Wir werden das rechtzeitig erkennen, wir haben inzwischen viele Erfahrungen und sind in der Medizin noch besser eingestellt, als wir das schon waren." Er sei davon überzeugt, dass man das Land wieder öffnen könne. "Wir sollten vor allem die Kinder wieder rauslassen", so der Hamburger Pathologe.

Corona: UKE-Ärzte setzen auf neue Therapie-Ansätze

Die neue Erkenntnis, dass Corona-Patienten häufig an Thrombosen und Lungenembolien starben, hat die Ärzte am UKE überrascht. "Die Ergebnisse von den Rechtsmedizinern aus Hamburg haben uns umgehauen", sagte Prof. Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin des UKE. Laut der ersten Studie hatten mehr als 50 Prozent der Patienten Beinvenenthrombosen beidseits gehabt, ein Drittel der Patienten tödliche Lungenembolien. "Das war uns in dieser Ausprägung und Relevanz neu – und ist dramatisch für uns."

Kluge und Püschel sehen darin eine Bestätigung für Therapien mit blutverdünnenden Medikamenten. Klaus Püschel verweist darauf, dass zunehmend „auf das Blutgerinnungssystem und die Bildung von Thromben gezielt eingegangen wird. Also eine intensivere Vorsorge getroffen wird dafür, dass Thrombosen und Embolien nicht entstehen". Kluge kündigte als Konsequenz an, dass alle Corona-Erkrankte eine Heparin-Profilaxe erhalten sollten. "Das könnte sich der Patient zu Hause niedrigdosiert auch selbst spritzen", so Kluge. Heparin sorgt dafür, dass die Blutgerinnung gehemmt wird.

Coronavirus in Hamburg: Die häufigsten Vorerkrankungen

Prof. Dr. Jan Sperhake, Oberarzt des Instituts für Rechtsmedizin, nannte am Freitag die häufigsten Vorerkrankungen bei den Corona-Toten in Hamburg:

  1. Herz- und Gefäßerkrankungen
  2. Lungenerkrankungen
  3. Nervenkrankheiten wie Parkinson und Demenz
  4. Nierenerkrankungen
  5. Diabetes und Übergewicht
  6. Krebserkrankungen

Studie vor Veröffentlichung von unabhängigen Gutachtern geprüft

„Wir denken darüber nach, ob Covid-19-Patienten nach individueller Risikoeinschätzung primär mit einem Blutverdünnungsmittel behandelt werden sollten, um künftig Thrombosen und Lungenembolien zu vermeiden", sagte Priv.-Doz. Dr. Dominic Wichmann, Oberarzt in der Klinik für Intensivmedizin und ebenfalls Erstautor der Studie. Voraussetzung dafür seien weitere Studienergebnisse. "Um einen Nutzen für den Patienten wirklich zu beweisen, bedarf es noch einer größeren randomisierten Studie.“

Die Studie mit den Ergebnissen der Obduktionen wurde in der amerikanischen Fachzeitschrift „Annals of Internal Medicine“ veröffentlicht. Die Studie wurde vor der Veröffentlichung von vier unabhängigen Gutachtern geprüft.

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum, und halten Sie mindestens 1,50 Meter Abstand zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an Ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

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