Pandemie

Corona-Wirrwarr: Das sagen die Abendblatt-Leser

Foto: Getty Images/iStockphoto

Text von Abendblatt-Chefredakteur über die Frage, was man in der Krise noch glauben kann, hat eine Debatte ausgelöst. Hier ist sie.

Zweifel am eigenen Verstand

"Sie haben ja so recht! Der beste Artikel, der jemals zu diesem Thema erschien. Als denkender Mensch muss man langsam an seinem Verstand zweifeln, wenn man alle diese widersprüchlichen Informationen, Vorschriften, Verbote und Einschränkungen, die uns allen und der Wirtschaft auferlegt sind, betrachtet. Nur einige Beispiele, die an Widersinn nicht zu übertreffen sind: Golf- und Tennisspielen und Strandspaziergänge verboten! Ja, wo kann man denn mehr Abstand halten als beim Golfen und Tennis und am weiten Strand? Aber Bau- und Supermärkte sind geöffnet, wo sich die Menschen viel näher kommen. Warum sind Masken nicht gleich zu Anfang der Krise vorgeschrieben worden, sondern erst vier Wochen später? Wenn sie denn überhaupt von Nutzen sind ... Solche Beispiele ließen sich endlos fortsetzen, stattdessen werden ganze Branchen in den Ruin getrieben. Ich glaube auch nicht, dass circa 50 Prozent der Deutschen mit den Maßnahmen der Politik übereinstimmen. Selbstverständlich sind gewisse Vorsichtsmaßnahmen wie Abstand halten und Hygiene sinnvoll und erforderlich, aber die Kollateralschäden wirtschaftlich, gesellschaftlich und sozial sind immens und im Endeffekt viel schwerer beherrschbar. Dem mündigen Bürger wird anscheinend nicht zugetraut, selbst verantwortlich zu handeln. Stattdessen drängt sich der Verdacht auf, dass sich einige Politiker und Experten im Rahmen dieser Krise unbedingt profilieren wollen."

Thomas Patitz, Ahrensburg

Lesen Sie hier den Text von Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider

Notwendiger Artikel

"Ich halte Ihren Artikel aktuell nahezu für zivilgesellschaftlich vorbildlich und notwendig. Denn ich merke, dass „Bedenkenträger“ mittlerweile auf eine mir unverständliche Welle der Aggression stoßen. Opportunismus wird erwartet. Wer den nicht ableistet, gilt fast schon als „rechtsextrem“. Sie zeigen sehr gut, wie komplex Politik ist und sein sollte. Es tut mir gut, Ihren Artikel gelesen zu haben."

Hans-Jürgen Sell

Virologen: Zu großer Einfluss

"Sie sprechen mir mit Ihrem Kommentar aus dem Herzen. Als jemand, der täglich die Corona-News verfolgt, bin ich es mittlerweile müde, der wechselnden Argumentation der Politik zu folgen und, was ich als gefährlich empfinde, man verliert das Vertrauen in ebendiese. Den politischen Einfluss der Virologen, deren Einschätzung mehr Wert beigemessen wird als Erfahrungswerten aus Nachbarländern, finde ich bedenklich. War ich anfangs ein strikter Verfechter der Einhaltung aller vernünftig erscheinenden Regeln, kann ich es jetzt nicht mehr nachvollziehen, dass die soziale Isolation von alten Menschen, das Nichtzusammentreffen von Eltern mit ihren nicht im selben Haushalt lebenden Kindern etc. über allem anderen stehen soll. Wir müssen einfach einen Weg zurück in eine – wenn auch noch etwas andere – Normalität finden, aber bitte immer mit Blick auf die verfassungsgemäßen Freiheiten jedes Einzelnen."

Anja Harder

Kompetenz wird vorgetäuscht

"Die Kanzlerin sagt erst mal gar nichts. Hält sich fein heraus, wartet ab. Fehler gehen dann zulasten derer, die nicht warten können, weil Entscheidungen nicht aufgeschoben werden können. Dann äußert sie sich hypermoralisch, trägt aber nichts zum weiteren Vorgehen bei. Die Virologen kämpfen um den Nobelpreis, ändern aber ihre Meinungen schneller als der Hahn auf dem Mist. Der Wirtschaftsminister entlarvt sich als Traumtänzer, indem er sagt, dass kein einziger Arbeitsplatz verloren geht. Der Außenminister beschenkt in typisch deutscher Großmannsucht China mit Infektionsschutzmitteln. Und der Gesundheitsminister sieht alles bestens vorbereitet. Klar, die Pflegeheime und die dort fehlenden Masken sind ja nicht sein Ressort. Der Leiter des Robert-Koch-Instituts hat die Bilder aus Wuhan wohl als Hollywoodproduktion eingeschätzt, lokales Problem, weit weg. Kurz darauf sieht er dann schon zehn Millionen Infizierte allein in Deutschland. Masken sind seiner Meinung nach sinnlos. Heute sind sie notwendig. Und jetzt die Zahlenspielereien des RKI: hü Verdoppelungszahl, hott Reproduktionsrate. Aber bei den Pressekonferenzen müssen alle Zahlen bis hinunter zu den Einern verlesen werden, auch wenn niemand diese Zahlen mitschreibt, weil sie bequemer im Netz nachzulesen sind. So wird Kompetenz nicht demonstriert, sondern vorgetäuscht. Noch ist das Land in der Schockstarre. Dennoch stellen sich schon jetzt Fragen."

Reinhard Keil

Was bleibt, ist McDonald’s

"Auch ich erkenne mittlerweile den Sinn vieler Maßnahmen nicht mehr. Aber eines ist für mich ganz gewiss: Wenn unsere Politiker so weitermachen – ohne einen zügigen Fahrplan zur Öffnung der gesamten Wirtschaft – dann wird unsere Welt eine komplett andere sein nach dieser Krise. Wir werden aufwachen ohne individuelle Restaurants, Hotels und Geschäfte sowie kreative Dienstleister. Was bleibt, sind alle großen Ketten wie McDonald’s oder Starbucks. Und das Wichtigste überhaupt, das bisherige Gesundheitssystem, wird es nicht mehr geben, weil wir es uns nach dieser Wirtschaftskrise nicht mehr leisten können."

Lilly Brocks, Hamburg

Corona-App: Bürgermeister befürwortet Nutzung
Corona-App: Bürgermeister befürwortet Nutzung

Ein Gefühl der Ohnmacht

"Tatsächlich hat man das Gefühl, wir als brave Bürger haben die Rolle des kleinen Jungen, der das Fußballspiel sehen wollte, aber von seinem Vater immer wieder neue Aufgaben bekam, sodass das Spiel irgendwann vorbei war. Die Regierung ordnet teilweise unverhältnismäßig strenge Einschränkungen an, und obwohl die Infektionszahlen auf einem sehr niedrigen Niveau sind, wird alles weiter durchgezogen,und wir werden immer wieder hingehalten. Man fühlt sich schon sehr ohnmächtig, und mit Demokratie hat das in meinen Augen nichts mehr zu tun."

Bettina Lamprecht

Das zerrt an den Nerven

"Danke für die konstruktiv-kritische Berichterstattung. In einem scheinen sich derzeit alle einig zu sein, wir müssen bis zur Entwicklung eines Impfstoffes lernen, mit Corona zu leben und zu arbeiten. Dafür fehlt aber in vielen Bereichen derzeit jegliche Perspektive. Und das betrifft nicht nur Restaurants, die nicht wissen, wann sie wieder öffnen dürfen, sondern auch viele Selbstständige in Hamburg in anderen Bereichen. Ich arbeite als Soloselbstständige in der Erwachsenenbildung und darf in der ersten Maiwoche meinen lange geplanten Bildungsurlaubskurs nicht durchführen, obwohl ich bei der kleinen Teilnehmerzahl keine Probleme hätte, einen Mindestabstand einzuhalten, und obwohl im Fall des Falles sofort nachvollziehbar wäre, wer gegebenenfalls infiziert wurde. Die Entscheidungen der Politik sind für mich von Woche zu Woche weniger nachvollziehbar. Von den angekündigten 9000 Euro Soforthilfe des Bundes ist bei mir nichts angekommen und diese dürfen auch nicht für den eigenen Lebensunterhalt verwendet werden. Im dritten Monat ohne jegliches Einkommen und ohne jegliche Perspektive, wie es weitergehen soll – das zerrt an den Nerven."

Dr. Maren Franz

Ungewöhnliche Situation

"Das Coronavirus hat die Welt aus den Angeln gehoben. Angesichts der durch die Decke gehenden Infektionszahlen und eines fehlenden Gegenmittels musste die Politik schnell und entschlossen handeln. Das haben unsere Regierung und die Opposition augenscheinlich gut gemacht, weil der Erfolg ihnen recht gibt. Aber dazu wurden unsere verfassungsmäßigen Rechte auf breiter Front und anhaltend eingeschränkt. Für mich als Nachkriegskind eine sehr ungewöhnliche und gewöhnungsbedürftige Situation. Gleichwohl standen diese Maßnahmen auf einem sicheren rechtlichen Fundament und fanden auch breite Akzeptanz. Nun sind die Vorzeichen aber seit einiger Zeit völlig andere, und eine weitere Entspannung zeichnet sich ab. Wenn nur noch 0,5 Promille der Hamburger Bevölkerung infiziert ist, dann kann man nicht mehr von einer unkon­trollierbaren Pandemie sprechen. Einschränkungen der verfassungsmäßigen Rechte dürfen nur aufgrund von Fakten und unter strengen Maßstäben erfolgen. Sie müssen aufgehoben werden, wenn die Faktenlage sich ändert. Bloße subjektive Einschätzungen und die Meinung, dass eine Rücknahme der Maßnahmen noch nicht angesagt sind, reichen da nicht. Wenn Frau Merkel 2015 angesichts der Flüchtlingswelle gesagt hat, „Wir schaffen das!“, dann hatte sie recht. Aber das politische Herumgehampel, dass danach kam, war dilettantisch. Das scheint sich nun zu wiederholen. Wenn der Innensenator Grote von einer sehr großen Akzeptanz in der Bevölkerung spricht, dann ist diese Einschätzung inzwischen obsolet. Die Menschen erwarten Transparenz und entschlosseneres Handeln. Das muss nicht immer fehlerfrei sein. Wenn man dann Fehler wieder korrigieren muss, dann kann man auch dafür auf eine sehr große Akzeptanz bauen. Sollte die aktuelle Entwicklung am kommenden Mittwoch erneut ignoriert werden, hätte nach meiner laienhaften Einschätzung ein juristisches Vorgehen gute Erfolgsaussichten. Und das wird kommen."

Gerd Donner

Hilfspakete reichen nicht

"In einer demokratischen Gesellschaft ist das Volk der Souverän, von dem die Macht ausgeht, nicht die Regierung, nicht die Parlamentarier. Die gewählten Politiker sind Vertreter des Volkes auf Zeit. Alle Einschränkungen der Grundrechte unseres Grundgesetzes bedürfen daher immer der Legitimation durch das und vor dem Volk. Der jetzige Zustand mit massiver Einschränkung der Grundrechte wäre nur kurzfristig hinnehmbar, wenn nachgewiesenermaßen Bedarf für sofortiges Handeln besteht. Die Stunde der Exekutive muss auch die Stunde der Transparenz sein. Dies ist von der Bundesregierung mittlerweile deutlich vernachlässigt worden, wie z. B. die nicht begründbare 800-m2-Regelung für Verkaufsflächen zeigt. Es werden Behauptungen aufgestellt, die schon innerhalb weniger Stunden oder Tage für den Bürger erkennbar widerlegt sind. Fehlt diese Transparenz und ist insbesondere für die Bürger nicht erkennbar, wo und wann alles enden soll, beginnt sehr schnell das Zweifeln an der Politik. Ohne Gesichtsverlust werden die handelnden Politiker den Weg aus dieser selbst gestellten Falle nicht herausfinden. Dringend nötig ist daher eine externe unabhängige Untersuchungskommission ohne Politiker unter Leitung z. B. eines Verfassungsrichters. Diese zeigt der Politik den notwendigen und für die Bürger nachvollziehbaren Weg aus der Krise. Nur so kann der Schaden für Gesellschaft und Wirtschaft so gering wie möglich gehalten werden. Mit Hilfspaketen als politische Almosen ist es nicht mehr getan."

Dr. Valerie Wilms

Sie machen mir Hoffnung!

"Auf sehr treffliche Weise geben Sie eine Zusammenfassung der Situation. Ich wünsche mir, dass diese richtig analysierte Sichtweise auch an politischen und sonstigen Schaltstellen unseres Landes gehört und verstanden wird. Vielen Dank, Sie machen mir Hoffnung!"

Jan Harleb

Täglich neue Bezugsgrößen

"Als Jurist habe ich weiß Gott keine exakte Wissenschaft gelernt, aber was Mathematik, Naturwissenschaft und Medizin zurzeit mit ihren täglich wechselnden „Annahmen“ bieten, ist tatsächlich ein einziges Wirrwarr. Beim R-Faktor nimmt Herr Wieler vom RKI kurzerhand statt drei von einem auf den anderen Tag vier Tage als Bezugsgröße. Die angeblich entscheidenden Parameter wie Verdoppelungszahl, R-Faktor, Infektionszahlen wechseln im Wochen- oder Tagesrhythmus, aber die stärksten Grundrechtseinschränkungen seit 1949 gelten im Wesentlichen unverändert fort. Wenigstens gehen die ersten Oberverwaltungsgerichte (Saarland, Bayern) dagegen an, vertrauen wir im Übrigen auf Karlsruhe. Auch als Nicht-FDP-Wähler sage ich: Hut ab vor den Herren Lindner und Kubicki!"

Hans-Peter Strenge, Staatsrat a. D.

Wir müssen damit leben ..

"Sie haben zu 1000 Prozent recht! Aber wo ist die Lösung? Alle Politiker und „Fachleute“ austauschen? Wird’s dann besser? Ich fürchte, wir müssen mit diesen Unsicherheiten und Verwirrungen leben, bis wir entweder alle an Corona sterben oder bis das Kraut dagegen endlich gefunden wird."

Lutz Lambert

Das ganze Virus ist ein Quiz

"Um es mit Hape Kerkeling zu beschreiben:

Das ganze Virus ist ein Quiz

Und wir sind nur die Kandidaten

Das ganze Virus ist ein Quiz

Wir müssen raten, raten, raten."

Clive Kewell

Jeder kocht sein Süppchen

"Dieses Hin und Her verunsichert einen. Und nun die Lockerungen. Natürlich nicht bundeseinheitlich. Jeder kocht da sein Süppchen. Wenn ich als Hamburger nach Schleswig-Holstein will, dann nur für einen kulturellen Zweck. Ich fahre nach Laboe zum Technischen Museum U 995. Muss ich anschließend gleich ins Auto und zurück nach Hamburg, weil danach der touristische Teil beginnt? Mein Nachbar, der 100 Meter weiter wohnt und schon in Schleswig-Holstein gemeldet ist, der darf sich noch weiter dort aufhalten. Was macht das für einen Sinn? Wenn schon Lockerungen, dann bitte für alle und überall gleich."

Susanne Kleinschmidt

Grote: Maskenpflicht trifft auf "sehr hohe Akzeptanz"
Grote: Maskenpflicht trifft auf "sehr hohe Akzeptanz"

Infektionsschutz sicherstellen

"Richtig ist, dass die Wartezimmer der Arztpraxen und die Krankenhäuser schon vor der Corona-Pandemie die Epidemiezentren vieler Erkrankungen waren. Plötzlich wird diese Infektionskette unterbrochen, und es werden wieder Kapazitäten im Gesundheitswesen frei. Wenn der Infektionsschutz in Krankenhäusern und Arztpraxen sichergestellt wird, dann kann der Rest der Bevölkerung wieder in die gewohnte und wichtige bisherige Normalität zurückkehren."

Hans Martin Konzelmann, Gesundheits- und Sozial-Ökonom VWA

Ein Dilemma

"Ihr Artikel zeigt das Dilemma, in dem wir aktuell stecken. Zu wenige Politiker (und Virologen schon gar nicht) haben das Gesamtbild im Blick und wiegen die aktuell geringen Folgen der Corona-Pandemie in Deutschland mit den weitreichenden wirtschaftlichen, sozialen und psychischen Folgen ab. Diese Folgen werden für viele junge Familien, Selbstständige und Millionen von Arbeitnehmern in Deutschland sehr weitreichend und in vielen Teilen existenziell sein. Ich unterstütze zwei Ihrer Sichtweisen besonders: Warum schauen wir nicht auf Länder, in denen es deutlich besser läuft, als in systemisch wenig vergleichbare Länder wie Italien und Spanien, und warum können wir nicht schneller lockern und dann ggf. wieder eine Verschärfung der Beschränkung beschließen? Krankenhäuser, die wochenlang deutlich unterhalb ihrer Kapazität arbeiten und sogar Kurzarbeit anmelden, und Tausende von freien Intensivbetten sprechen eine deutliche Sprache. Ich wünsche mir, dass Artikeln wie dem Ihren mehr Beachtung geschenkt wird in dieser Republik!"

Frank Golombek

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden