Coronapandemie

Hamburg: Rabe fordert einen Tag Schule pro Woche

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Peter Ulrich Meyer
Schulsenator Ties Rabe (SPD) hofft, dass alle Schüler nach den Maiferien mindestens einmal pro Woche in der Schule sind.

Schulsenator Ties Rabe (SPD) hofft, dass alle Schüler nach den Maiferien mindestens einmal pro Woche in der Schule sind.

Foto: Marcelo Hernandez

Schulsenator hofft, dass es diese Regelung als Minimum für alle Schüler ab 25. Mai gibt. Organisation fordert Verzicht auf Zeugnisse.

Hamburg.  Auch wenn jetzt erste Schritte zur Öffnung der Schulen gemacht worden sind – es wird ein sehr langer Weg zurück zum regulären Schulbetrieb, wie er vor Ausbruch der Coronapandemie selbstverständlich war. „Bis zu den Sommerferien wird es mit Sicherheit nicht wieder normalen Unterricht in der Schule geben. Und ich zweifle daran, dass es danach schnell der Fall sein wird“, sagte Schulsenator Ties Rabe (SPD) dem Abendblatt. Er rechne damit, dass der Fernunterricht auch im kommenden Schuljahr ein großer Bestandteil der Schule bleiben werde.

Seit Montag gibt es ein sehr begrenztes schulisches Präsenzangebot für die Schüler der Abschlussklassen an Stadtteilschulen und Gymnasien. Am kommenden Montag soll der Schulunterricht in reduzierter Form und in kleinen Teilgruppen für die Viertklässler, die Sechstklässler des Gymnasiums, alle Schüler der elften Klassen sowie der zwölften Klassen der Stadtteilschulen beginnen. „Das sind etwa 25 Prozent der Grundschüler und 45 Prozent der Stadtteilschüler“, sagte Rabe.

Kultusminister einigen sich auf Rahmenkonzept

Völlig offen ist, wann die Schüler der drei ersten Klassen, der Klassen fünf bis acht der Stadtteilschulen sowie der Klassen fünf und sieben bis neun der Gymnasien wieder in die Schule dürfen. „Ich wünsche mir, dass diese Schüler noch vor den Sommerferien einmal in der Woche in der Schule sind. Dieser eine Tag kann viel bringen: Er kann zum Beispiel helfen, dass die Schüler den Fernunterricht besser mitgestalten können und so auch die Eltern entlasten“, sagte Rabe. Ein Tag pro Woche für die restlichen Klassenstufen würde bedeuten, dass noch einmal 30 bis 40 Prozent mehr Schüler in der Schule seien. „Das ist ein moderater Schritt“, sagte der Senator.

Die Kultusminister der Länder haben sich auf ein „Rahmenkonzept für die Wiederaufnahme von Unterricht in Schulen“ verständigt, das unter anderem vorschlägt, dass möglichst jeder Schüler vor den Sommerferien die Schule zeitweise wieder besuchen kann. Das Rahmenkonzept soll Grundlage der Gespräche der Ministerpräsidenten der Länder mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) über weitere Lockerungen von Beschränkungen infolge der Coronapandemie sein.

Entscheidung soll am 6. Mai fallen

Eine Entscheidung der Ministerpräsidenten und der Kanzlerin darüber, wie es an den Schulen weitergehen soll, wird für den 6. Mai erwartet. „Meine Hoffnung ist, dass wir in Hamburg nach den Maiferien am 25. Mai die Schüler der verbleibenden Klassen für einen Tag in die Schulen holen können“, sagte Rabe.

Unterdessen geht die Diskussion über den richtigen Weg zur Rückkehr in die Schulnormalität weiter. Der Verband für Schulen des gemeinsamen Lernens und die Vereinigung der Schulleiter Hamburger Stadtteilschulen (GGG) schlagen vor, auf die Prüfungen zum ersten und mittleren Schulabschluss nach dem Vorbild Berlins und Nordrhein-Westfalens zu verzichten. So könnten die Pädagogen entlastet werden, um sich dafür zum Beispiel stärker um die Schüler aus Schulen mit niedrigem Sozialindex kümmern zu können. Nach Überzeugung der GGG sollten die benachteiligten Schülergruppen bei dem schrittweisen Wiedereinstieg in das Schulleben bevorzugt werden.

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Vereinigung fordert den Verzicht von Zeugnissen

Die GGG schlägt außerdem den Verzicht auf Zeugnisse vor. „Zeugnisse entbehren in der bisherigen Form zum Ende des Schuljahres jeglicher pädagogischer Legitimation“, heißt es in einer Erklärung des Verbandes. Eine Ausnahme soll es lediglich für Abgangs- und Abschlusszeugnisse geben. Die GGG ist zudem dafür, auf eine Abschulung von leistungsschwächeren Sechstklässlern vom Gymnasium auf die Stadtteilschule in diesem Jahr zu verzichten. Diese Forderung hatte auch die Elternkammer erhoben.

In einem offenen Brief an die Kultusministerkonferenz fordern 40 renommierte Bildungsforscher und Schulpraktiker, darunter der frühere Hamburger Schulstaatsrat Michael Voges, die Schulen vor allem für die Kinder und Jugendlichen zu öffnen, die mit den Lernangeboten der Schulen in ihrem häuslichen Umfeld nicht oder kaum erreicht würden. „Besonders schwerwiegend wirkt sich die Krise für Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Lebensverhältnissen aus. Es fehlen vielfach nicht nur die erforderlichen digitalen Geräte und der Internetzugang“, heißt es in dem offenen Brief.

Nicht alle Eltern sprechen Deutsch

Vor allem seien die Möglichkeiten der familiären Unterstützung eingeschränkt, denn nicht alle Eltern beherrschten die Schulsprache Deutsch und seien mit den Bildungsinhalten vertraut. Es gebe die begründete Sorge von Wissenschaftlern und Praktikern, dass diese Schülergruppe „abgehängt“ würde. „Finden Sie eine Lösung, mit der diese Kinder und Jugendlichen bei einer schrittweisen Öffnung der Schulen bevorzugt berücksichtigt werden“, appellieren die Wissenschaftler und Schulpraktiker an die Kultusminister.

Linken-Bürgerschaftsfraktionschefin Sabine Boeddinghaus hat SPD und Grünen vorgeworfen, mit den Beschlüssen im Rahmen der Koalitionsverhandlungen nichts gegen die verschärfte Ungleichheit im Hamburger Bildungswesen zu unternehmen. „Nur eine Ausweitung des Programms 23+ Starke Schulen – das ist eine empörende Kleinmütigkeit“, sagte Boeddinghaus. „Die Coronakrise macht die soziale Ungerechtigkeit wie in einem Brennglas deutlich: Nötig sind massive Investitionen ins Schulsystem“, sagte die Linken-Politikerin.

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