Covid-19

Alle 133 Hamburger Coronatoten hatten Vorerkrankungen

Coronavirus und Covid-19: Der renommierte Hamburger Rechtsmediziner Prof. Dr. Klaus Püschel (UKE) hat mitunter provokante Thesen. Doch seine Obduktionen an den Toten zeigen, welche Vorerkrankungen sie hatten.

Coronavirus und Covid-19: Der renommierte Hamburger Rechtsmediziner Prof. Dr. Klaus Püschel (UKE) hat mitunter provokante Thesen. Doch seine Obduktionen an den Toten zeigen, welche Vorerkrankungen sie hatten.

Foto: Marcelo Hernandez

Und diese Krankheiten waren erheblich. Rechtsmediziner plädiert für Kita-Öffnungen: „Kein Grund, übermäßige Angst zu haben."

Hamburg. Sie hatten schon vorher ein geschädigtes Herz oder Lungenerkrankungen, sie litten unter Krebs oder Diabetes. Bisher hatte jeder der sogenannten Coronatoten in Hamburg eine Vorerkrankung. Allein rund 80 Prozent jener 133 Menschen, die bis einschließlich Sonntag im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben sind, litten unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Das Durchschnittsalter der Verstorbenen liegt bei 79,5 Jahren. „Dies entspricht in etwa dem mittleren Sterbealter, wie wir es aus der Bevölkerung auch ohne Corona kennen“, erläutert Klaus Püschel, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin in Hamburg, wo die mit Sars-CoV-2 infizierten Toten obduziert werden. „Der überwiegende Anteil der Verstorbenen war schon vorher relativ alt und schwer krank“, fasst der Chef-Rechtsmediziner zusammen.

Coronatote in Hamburg: "Kein 50-Jähriger mit gut eingestellter Diabetes"

„Es waren Menschen, die im Altenheim oder in Krankenhäusern darniederlagen und von der Infektion noch zusätzlich niedergedrückt wurden. Stark vereinfacht kann man auch formulieren, dass mit dem Ableben in absehbarer Zeit zu rechnen war“, sagt Püschel dem Abendblatt. Es sei „kein 50-Jähriger dabei gewesen mit gut eingestellter Diabetes oder gut eingestelltem Bluthochdruck“.

Es gebe keinen Grund für die Bevölkerung in Deutschland, wegen Corona übermäßige Angst zu haben. Er sei dafür, so Püschel, allmählich die Isolierungen der Menschen zurückzufahren und beispielsweise auch Kitas wieder zu öffnen.

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Nach Püschel-Kritik: RKI empfiehlt Obduktion von Toten

Neben den festgestellten 80 Prozent Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben die Untersuchungen der Verstorbenen ergeben, dass etwa 60 Prozent von ihnen vorgeschädigte Lungen hatten, wie man sie etwa von Rauchern kennt. Weitere Vorerkrankungen, die häufig festgestellt wurden, waren beispielsweise Krebserkrankungen, oft auch mit einer einhergehenden Schwächung des Immunsystems wie bei Blutkrebs oder Knochenmarkkrebs. 60 Prozent der Toten sind Männer.

Bei weiteren Verstorbenen, bei denen zu Lebzeiten noch keine Infektion mit Corona bekannt war, wurde das Virus im Nachhinein nachgewiesen. „Wir haben mittlerweile rund 20 Tote, die mit Sars-CoV-2 infiziert sind, von denen das aber vorher niemand wusste“, sagt Püschel. „Hamburg ist die einzige Stadt in Deutschland, die das erfasst.“

Püschel­ hat schon Zigtausende Verstorbene obduziert und dabei alle möglichen Todesursachen festgestellt – natürliche und solche, die gewaltsam entstanden sind. In den vergangenen Wochen hat er vor allem Herzinfarkte, Arteriosklerose oder andere Erkrankungen der Herzen gesehen, zudem sehr viele geschädigte Lungen, wie sie zum Beispiel Raucher haben. "Die meisten waren multimorbid, hatten also mehrere Vorerkrankungen gleichzeitig."

Hamburgs jüngster Coronatoter hatte Krebs

Ein Viertel der Verstorbenen litt an Stoffwechselkrankheiten, zum Beispiel Diabetes. Eine Störung der Blutgerinnung mit Thrombosen und Lungenembolie hatten knapp 40 Prozent. Fast 30 Prozent litt an Demenz. Und rund 20 Prozent waren an Krebs erkrankt, vor allem Blutkrebs oder Knochenmarkkrebs, also solche Krankheiten, bei denen das Immunsystem besonders geschwächt ist. „Auch der bislang jüngste mit Covid-19 infizierte Verstorbene, ein 31-Jähriger, hatte eine metastasierende Krebserkrankung und stand unter Chemotherapie“, erklärt Püschel.

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Und nicht zuletzt: Annähernd 100 Prozent der Verstorbenen hätten einen Atemwegsinfekt oder eine Lungenentzündung gehabt – wobei diese nur teilweise direkt auf die Einwirkung des Virus zurückzuführen sei. Das Durchschnittsalter aller im Zusammenhang mit dem Virus Verstorbenen liegt bei Männern 78 Jahre, bei Frauen 82 – und damit „in etwa bei dem mittleren Sterbealter, wie wir es aus der Bevölkerung auch ohne Corona kennen“.

Corona: Ergebnisse auch aus dem Krematorium

Er gehe davon aus, so Püschel, dass sich Covid-19 in der Jahresstatistik „nicht bemerkbar machen wird“. Außerdem ist inzwischen bei einer Reihe von Verstorbenen, bei denen zu Lebenszeiten noch keine Infizierung mit Corona bekannt war, nach deren Tod das Virus nachgewiesen worden. „Wir haben mittlerweile rund 20 Tote, die mit Covid-19 infiziert sind, von denen das aber vorher niemand wusste“, berichtet Püschel.

Die Erkenntnisse seien aus dem Untersuchungsbereich des Instituts für Rechtsmedizin und der Krematorien gewonnen worden. „Wir haben eine Reihe von Zufallsbefunden von Infektionen erhoben, darunter Menschen, die zu Hause verstorben sind, unter unauffälligen Umständen.“ Einige der Verstorbenen hätten eine Lungenentzündung gehabt, die den tödlichen Verlauf auslöste, bei anderen habe es Todesursachen wie Herzinfarkt gegeben. „Und es gibt sehr vereinzelte Suizidfälle, bei denen später eine Covid-19-Infektion festgestellt wurde.“

Antikörpertest auf Sars-CoV-2: Krank ohne spürbare Symptome

Parallel sei aus Laboren bekannt, dass auch bei Menschen, die sich gesund fühlten, Antikörper festgestellt wurden, so der Rechtsmediziner. „Das heißt, sie waren infiziert, obwohl sie das gar nicht wussten. Die Infektion ist ohne oder mit kaum spürbaren Symptomen verlaufen.“ Diese Erkenntnisse würden durch die Studie in Heinsberg des Virologen Prof. Hendrik Streeck von der Uniklinik Bonn untermauert.

Streecks Studie habe ergeben, dass etwa 15 Prozent der Bürger in der untersuchten Region Antikörper gegen das neue Coronavirus Sars-CoV-2 gebildet hätten und nun vermutlich immun seien. „Das ist eine wichtige Stellgröße“, betont Püschel. Diese Erkenntnisse müssten „in Hinblick auf die Schlussfolgerungen auf die epidemiologische Erkrankung berücksichtigt werden“. So werde zudem bestätigt, „dass die Krankheit in vielen Fällen harmlos ablaufe. Insbesondere gilt dies für Kinder. Das kontrastiert zu der Erfahrung aus den Altenheimen, Intensivstationen und Krebsstationen, dass bei manchen Menschen mit gestörtem Immunsystem oder Vorerkrankungen eine Reihe von tödlichen Abläufen mit schwerer Lungenentzündung resultiert.“

Prof. Püschel: Isolierung der Kinder zurückfahren

Angesichts der häufig mit nur geringen oder mittleren Symptomen verlaufenden Infektion mit Covid-19 sowie des sehr guten Gesundheitssystems in Deutschland insbesondere in der Intensivmedizin plädiert Rechtsmediziner Püschel dafür, die Isolierung der Menschen, speziell der Kinder, deutlich zurückzufahren. So sollten seiner Meinung nach unter anderem die Kitas wieder geöffnet werden.

„Die nackten Zahlen, wie sie alltäglich in der Öffentlichkeit mitgeteilt werden, verstärkt durch furchtbare Bilder aus Italien, Spanien, den USA und neuerdings Brasilien machen nur Angst. In Hamburg ist es völlig anders.“

Sehr unterschiedliche Krankheitsverläufe

Bei den Corona-Sterbefällen gebe es „eine große Heterogenität und unterschiedliche Ablaufszenarien“, erklärt der Rechtsmediziner. Es gebe Fälle, in denen sich beispielsweise schwer herzkranke Menschen zwar mit dem Virus infizierten, aber am Herzinfarkt sterben, ohne vorher eine Atemwegserkrankung zu entwickeln. Bei diesen Patienten sei die Coronainfektion letztlich „sozusagen der letzte Tropfen. Bei solchen Fällen sagen wir, dass die Menschen nicht an dem Virus gestorben sind, sondern dass er eine geringe Mit-Todesursache war.“ Bei der überwiegenden Zahl der Fälle seien die Vorerkrankungen „so massiv, dass auch andere Schädigungen wie zum Beispiel ein grippaler Infekt letztlich zum Tod geführt hätten“.

Die genaue Erfassung aller Schädigungen bei Verstorbenen sei möglich gewesen, so Püschel, weil die Gesundheitsbehörde „sich angesichts der Coronapandemie in Hamburg von Anfang an sehr konsequent verhalten“ habe. „Bei der Erfassung der Coronainfizierten und der sogenannten Coronatodesfälle hat man nicht nur nackte Zahlen registriert, sondern auch die dazugehörigen Fragen gestellt und so versucht, die Ausbreitung der Krankheit systematisch zu verstehen und hieraus Rückschlüsse für ge­sundheitspolitisches Handeln zu ziehen.“

Von den Autopsien seien schon direkte Auswirkungen auf die klinische Therapie ausgegangen. Zudem seien von Anfang an die im Infektionsschutzgesetz vorgesehenen Autopsien angeordnet worden, die er als Rechtsmediziner ohnehin gefordert habe, betont der Experte. „Wir wollen von den Toten lernen für die Lebenden.“