Coronakrise in Hamburg

Krebspatientin: "Einen harten Weg gehen, das kann ich!"

Lesedauer: 13 Minuten
Yvonne Weiß
Lächeln, selbst wenn es wenig zu lachen gibt: Carlota Santos de  Carvalho vor ihrem Café in Ottensen.

Lächeln, selbst wenn es wenig zu lachen gibt: Carlota Santos de Carvalho vor ihrem Café in Ottensen.

Foto: Roland Magunia

Als Gastronomin und alleinerziehende Mutter führt Krebspatientin Carlota Santos de Carvalho in Corona-Zeiten einen unfairen Kampf.

Hamburg. Obwohl oder gerade weil die Kirchen in dieser ganzen Krise erstaunlich leise sind, möchte man nach einem Treffen mit ihr einen Satz aus dem Matthäusevangelium zitieren: „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“ Carlota Santos de Carvalho wird gerade nicht nur ihre Arbeit und somit ihre Lebensgrundlage genommen, sondern da will ein Scheiß-Krebs auch noch ihr Leben. „Ich versuche trotzdem, glücklich zu sein“, sagt die 49-Jährige.

Wir sitzen in einem der schönsten Innenhöfe Ottensens. Eine Pippi-Langstrumpf-Idylle. Gelbe Fensterrahmen, kleine Vorgärten mit Tulpen, auf die ganz Holland neidisch wäre, und irgendwo trällert ein Vogel, dem niemand gesagt hat: „Dieses Frühjahr fällt leider aus wegen Corona.“ Eine Holztreppe führt zu einem Balkon, darauf stehen eine Bank und ein knallbunter Tisch und viele, viele Schuhe und Pflanzen. Auf der Bank sitzt Carlota Santos de Carvalho eingehüllt in eine dicke Strickjacke.

Chemotherapie hat ihre körpereigene Abwehr geschwächt

Die krebskranke Frau muss sich schützen, nur leider hilft ihr dabei keine Baumwolle. Sie bräuchte ganz andere Waffen, ein Immunsystem wie eine Ritterrüstung beispielsweise, dann könnte sie Coronaviren mutiger entgegentreten. Doch die Chemotherapie, der sich die Hamburgerin gerade unterziehen muss, schwächt ihre körpereigene Abwehr. „Ich bin sehr müde und schlapp“, sagt Carlota. Dieser Satz passt allerdings nicht ganz zu ihren Augen. Die strahlen. Man erkennt ihren starken Willen. Eine ganze Ritterrüstung in einem Blick: „Ich bin ein grundsätzlich positiv denkender Mensch, ich habe schon so viel geschafft, und ich weiß, dass ich die Kraft habe.“

Nur nicht gerade beim Aufwachen. Es dauert lange, bis die Patientin morgens aus dem Bett kommt. Wenn sie um 8 Uhr aufwacht, schafft sie es teilweise erst um 10 Uhr, aufzustehen. Die drei Kinder (7, 10 und 19 Jahre alt) lässt sie schlafen, weil die alleinerziehende Mutter es vorher nicht schaffen würde, Frühstück zuzubereiten. Fast entschuldigend sagt sie: „Ich bin nachlässig.“ Man möchte schreien: „Nee, todkrank, das bist du!“ Und dann will man außerdem die ablehnende Krankenkasse anschreien und die nicht zahlende Versicherung und die fehlende Soforthilfe und sowieso alle Fledermäuse, die uns den ganzen Mist eingebrockt haben. Aber ein Journalist darf nicht schreien. Er kann lediglich beschreiben und dann hoffen, dass vielleicht andere schreien.

Tumor in der rechten Brust

Im Januar kam die Diagnose: Brustkrebs. Zunächst hieß es, die Lymphdrüsen sind nicht befallen. Santos de Carvalho schrieb an Freunde, die sich sorgten: „Ich habe Glück, ich habe einen der guten Krebse erwischt.“ Am 13. Februar sollte sie im Mammazentrum am Krankenhaus Jerusalem operiert werden, zehn Tage vorher überbrachte sie ihren Kindern die Nachricht: „Ich habe einen Tumor in der rechten Brust.“ Ihr kleiner Sohn Elia antwortete: „Aber Mama, ein bösartiger Tumor ist doch Krebs!“ Richtig, aber Oma habe das doch auch schon letztes Jahr gehabt, und so wie bei ihr alles gut ging, so wird es auch bei mir sein, versprach Carlota: „Da war ich noch überzeugt, es sei nicht ganz so schlimm.“

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Elia schaut durch das Fenster nach draußen auf den Balkon. Großes Lächeln für seine Mami. Er nimmt sich einen Zettel von seinen Homeschooling-Unterlagen. „Die Kinder müssen ihre Aufgaben ohne mich machen, ich habe Angst, dass sie in der Schule zurückfallen,“ sagt Carlota. Am Anfang der Coronaisolation hat ihr großer Sohn David seinen kleinen Geschwistern noch helfen können, doch er macht in drei Wochen sein Fachabitur und muss selbst viel lernen. Weil David 19 Jahre alt ist, übernimmt die Krankenkasse die Kosten für eine Haushaltshilfe bei der Familie nicht. „Die Ablehnung wurde damit begründet, dass mein Sohn alt genug sei und sich anstatt meiner um den Haushalt und die Kinder kümmern könnte.“

Ihr Arzt sagte, wir holen jetzt den Flammenwerfer raus

Nein, das ginge nicht, entrüstete sich eine Schwester im Mammazentrum, als Carlota ihr von dem negativen Bescheid erzählte. Als alleinerziehende Krebspatientin mit drei Kindern stünde ihr Hilfe zu. Die Schwester schrieb einen Brief an die Kasse, der liegt nun bei der Widerspruchsabteilung. „Dort sagen sie mir, ich müsse mich drei Monate gedulden. Ich brauche die Unterstützung aber jetzt, ich verstehe nicht, warum die Bearbeitung so lange dauert“, sagt Carlota. Sie sagt es nicht vorwurfsvoll, sie versteht es einfach nicht. Verständlich.

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Die Krebskranke könnte sich privat eine Hilfe organisieren und darauf hoffen, dass ihr doch noch Unterstützung bewilligt wird. Die bekäme sie dann auch rückwirkend gezahlt. „Allerdings würde ich nur 5,25 Euro pro Stunde erhalten, dafür finde ich niemanden. Deshalb sieht es bei mir auch so aus“, sagt Carlota und zuckt mit den Schultern. Die Wäsche stapelt sich, in die Kinderzimmer schaut sie gar nicht mehr rein, nur die Küche wird noch aufgeräumt: „Ich habe gelernt, Dinge einfach so zu lassen, das hat fast etwas Buddhistisches.“

Umsatzeinbußen sind enorm

An guten Tagen kocht sie selbst, dafür blieb ihr früher keine Zeit, weil sie so viel mit ihrem Café Ribatejo an der Bahrenfelder Straße zu tun hatte. Nun kann ihr Geschäft seine portugiesischen Tapas nur als Take-away anbieten. Die Umsatzeinbußen sind enorm. Im letzten Monat konnten die Gehälter für die 17 Teilzeit-Mitarbeiter und die Miete noch bezahlt werden. „Aber jetzt bin ich schon 8000 Euro im Minus, ich warte seit zwei Wochen auf die Soforthilfe für Selbstständige“, sagt Carlota. Sie rechnet mit 15.000 Euro Unterstützung, das würde die Fixkosten für drei Monate decken.

Da wäre dann allerdings noch kein Cent für sie selbst und die Kinder dabei. „Ich habe keine Energie mehr, die Behördensachen auszufüllen, ich musste schon so viel Kraft beim Kampf mit der Kasse lassen, weil ich kein Krankengeld bekomme, obwohl ich eine Zusatzversicherung abgeschlossen habe. Immer fehlt irgendeine wichtige Unterlage“, sagt die kranke Gastronomin.

Kurzarbeit für die Angestellten

Ihr Ex-Mann, der als Geschäftsführer des Cafés fungiert, und ihr Bruder Lars kümmern sich zwar. Sie haben Kurzarbeit für die Angestellten angemeldet und kümmern sich ums Geschäft. Doch die Müdigkeit und die Angst vor der Zukunft kann Carlota niemand nehmen, genauso wenig wie die Sorge um die Tochter, die kaum mehr schlafen kann, und den Sohn, der regelmäßig weint. Die Mutter nimmt ihre Kleinen dann in den Arm und tröstet sie, aber wer nimmt die Mama in den Arm? Niemand darf ihr zu nahe kommen.

Sollte das hier eine große Studie sein, wie viel ein Mensch ertragen kann, da würde man spätestens jetzt beschließen: „Nee, lass, reicht jetzt. Mehr geht nicht.“ Aber das Leben ist keine Studie, es neigt zu Übertreibungen und hält sich auch in puncto Fairness selten an den Common Sense.

Wahrscheinlichkeit, dass der Krebs zurückkommt, liegt bei etwa 15 Prozent

Und so stellte sich bei der Operation heraus, dass der Krebs leider doch kein so leichter Gegner werden würde wie zunächst angenommen. „Ich habe es im Gesicht von Professor Hilpert gesehen, als ich nach der Narkose aufwachte“, sagt Carlota. „Das war für mich noch schlimmer als die erste Diagnose, weil ich dem Tod viel näher bin als gedacht.“ Ihr Arzt sagte: „Wir holen jetzt den Flammenwerfer raus!“ Bedeutet: sechs Monate Chemotherapie und Bestrahlung. Nach dem Schock fasste sich Carlota wieder, denn sie weiß, ihre Chancen haben sich durch die Chemo nicht verschlechtert. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Krebs zurückkommt, liegt nach wie vor bei ca. 15 Prozent. „Das Ergebnis bleibt also das gleiche, nur der Weg ist härter. Und einen harten Weg gehen, das kann ich, das schaffe ich.“

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Derjenige, der den sinnbildlichen Flammenwerfer bedient, heißt Professor Felix Hilpert. Sein Büro im Krankenhaus Jerusalem ist hell und schön – doch täglich voller Tränen. Eine Frau geht weinend hinaus. Professor Hilpert an ihrer Seite, er spricht tröstend durch den Mundschutz auf sie ein.

„Der Schrecken hat verschiedene Fratzen“

Ein paar Minuten später kommt er zurück, setzt sich an seinen Schreibtisch und sagt: „Der Schrecken hat verschiedene Fratzen.“ Hilpert ist so ein Typ Arzt, der die Wahrheit benennt und irgendwie trotzdem Hoffnung signalisiert. Bis zu 300 Brustrekonstruktionen führt der Mediziner jedes Jahr durch; drei verschiedene Implantate liegen für Patientinnen zur Ansicht auf dem Tisch, die Krankheit wird plötzlich sehr sichtbar. Man schluckt. Krebs in Coronazeiten? „Ein Tanz auf dem Seil“, sagt der 50-Jährige und desinfiziert sich die Hände (er wird es während des Gesprächs mehrfach tun).

Im Krankenhaus herrscht Besuchsverbot für Angehörige, alle halten Abstand, die Tumorkonferenzen finden per Video-Chat statt. „Das System funktioniert, aber die Onkologie lebt auch von der Zuwendung“, sagt Hilpert. Wenn er eine schlechte Prognose überbringt, dann müsste er eigentlich im Gesicht seines Gegenübers lesen können, um richtig zu reagieren. Mit Masken fast unmöglich, weiß Hilpert: „Viele Patienten schaffen es nicht alleine. Krebspatienten brauchen jemand, der sie tröstet, hält, mit dem man den ganzen Mist bei einem Glas Wein besprechen kann. Alles das fällt jetzt durch Corona weg.“ Außerdem wurden viele Studien zu neuen Medikamenten, die helfen könnten, auf Eis gelegt.

Volantile Stimmung in der Gesellschaft

Hilpert beschreibt die aktuelle Stimmung in der Gesellschaft als extrem volatil: „Wie auf einer Straße, auf der Benzin ausgelaufen ist, dann flimmert es so.“ Es kann sich jederzeit entzünden. Hat der Onkologe kürzlich am eigenen Leibe erlebt. Sein Auto wurde mit rohen Eiern beworfen und beschmiert: „Nazi!“.

Ein sehr dummer Mensch hatte das Autokennzeichen des Krebs-Experten falsch gedeutet. HH 2004. Nein, hier sollte es nicht um Hitlers Geburtstag am 20. April gehen; 2004 war das Geburtsjahr seiner jüngsten Tochter. Man sieht Hilperts Familie gerahmt neben dem Computer auf einem alten Foto. Eine Frau und vier lachende Kinder. Doch das Mädchen, das 2004 geboren wurde, starb acht Jahre später. Leukämie. Der Schrecken hat verschiedene Fratzen.

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

Carlota wird überleben. Sie weiß es. Sie weiß auch, dass sie schon bald eine Glatze haben wird. Ihr Sohn liebt es, über die restlichen Stoppeln zu streicheln. Die beiden stehen dabei am Waschbecken und gucken, wie viele Haare rausfallen. „Am meisten helfen mir meine Kinder“, sagt Carlota. „Die schönste Zeit meines Lebens wird sein, wenn wir nächstes Jahr alles überstanden haben und zusammen im VW-Bus in meine Heimat Portugal fahren.“

Auf dem Weg durch Frankreich besitzt ein Freund das letzte Haus auf einem Berg in den Pyrenäen. Es herrscht absolute Ruhe.

Hier geht es zu einer Spendenaktion für Carlota Santos de Carvalho auf leetchi.com