Corona

So erleben Hamburgs Schüler das Abi mit Abstand

| Lesedauer: 7 Minuten
Jule Bleyer
Mit ausreichend Abstand sitzen die Schüler der 12. Klasse des Gymnasiums Eppendorf in ihrer ersten Abiturprüfung.

Mit ausreichend Abstand sitzen die Schüler der 12. Klasse des Gymnasiums Eppendorf in ihrer ersten Abiturprüfung.

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Mit einigen Tagen Verspätung haben die schriftlichen Prüfungen in Hamburg begonnen. Lob für Schutzmaßnahmen der Schulen.

Hamburg.  So sauber hat Jean-Marc Winkler seine Schule noch nie erlebt. Für die schriftlichen Abiturprüfungen, die am Dienstag in Hamburg gestartet sind, haben die Schulen zahlreiche Schutzmaßnahmen getroffen – und zumindest am Gymnasium Ohmoor in Niendorf noch einmal richtig durchgeputzt. „Die Zustände waren gut, es wurde viel getan, um die Sicherheit zu erhöhen“, berichtet der Abiturient. Es habe ein größeres Zeitfenster gegeben, in dem die Schüler ankommen und durch zwei unterschiedliche Eingänge einzeln in die Klassenräume gehen konnten.

Dort hätten sie zu sechst oder siebt mit reichlich Abstand gesessen, überall habe Desinfektionsmittel gestanden. Vorab wurden Jean-Marc Winkler und seine Mitschüler per Mail über die Maßnahmen und Regeln informiert, die sie auch unterschreiben mussten. „Dazu gehört, dass man nur in die Armbeuge oder in ein Taschentuch niesen und husten darf“, sagt der 17-Jährige. „Und dass man sich nach dem Toilettengang mindestens 30 Sekunden lang mit Wasser und Seife die Hände waschen muss.“

Viele Vorschriften für die Hamburger Abiturienten

So streng waren die Regeln zwar nicht überall, doch es gab viele Vorschriften für die rund 9800 Abiturienten, von denen am ersten Tag etwa 2300 ihre Klausuren im Fach PGW (Politik, Gesellschaft, Wirtschaft) geschrieben haben. „Der Landesschulrat hat eine Liste mit Empfehlungen verfasst, die die Schulen in Eigenregie umsetzten konnten“, hieß es aus der Schulbehörde. „Wir haben am Dienstag keine negativen Rückmeldungen von den Schulen bekommen und gehen deshalb davon aus, dass die Prüfungen reibungslos verlaufen sind“, sagt Sprecher Michael Reichmann.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die zuvor gefordert hatte, die Prüfungen zu verschieben, bestätigte, dass es am Dienstag insgesamt gut gelaufen sei. Die Schulen seien gut vorbereitet gewesen, und die Schüler hätten sich an die Regeln gehalten, so Anja Bensinger-Stolze, Vorsitzende der GEW Hamburg. Nur nach den Prüfungen sei öfter beobachtet worden, dass Schüler das Schulgelände nicht einzeln, sondern in Gruppen verlassen haben.

Erhebliche Herausforderungen für die Schulen

„Zudem ist klar geworden, dass es mit den Prüfungen nur klappt, solange nicht parallel Unterricht stattfindet“, sagt Bensinger-Stolze. „Wir fordern die Behörde daher auf, jeden Präsenzunterricht bis zum Ende der jeweiligen Prüfungen an allgemeinbildenden Schulen auszusetzen.“

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Auf dieses Problem und die damit verbundenen erheblichen Herausforderungen für die Schulen hatte wie berichtet auch die Leiterin des Gymnasiums Eppendorf hingewiesen. Wie groß der Aufwand ist, die schriftlichen Prüfungen selbst an sonst leeren Schulen durchzuführen, zeigte sich hier am Dienstag. „Wir haben drei Eingänge genutzt, Markierungen in zwei Metern Abstand auf den Boden geklebt und jeden Schüler einzeln reingelassen“, sagt Maike Languth. Während der Prüfung hätten die Schüler zu acht in einem Raum gesessen, jeweils unter Aufsicht eines Lehrers, von denen fast alle einen Mundschutz getragen hätten.

Schüler auf mehr Klassenräume verteilen

Bewusst habe man sich dagegen entschieden, die Abiturienten mit viel Abstand in der Aula oder der Turnhalle schreiben zu lassen. „Wenn da dann jemand hustet, sind gleich alle aufgeregt“, sagt die Schulleiterin. Für kommende Prüfungstage, an denen die Kernfächer Deutsch, Mathematik und Englisch dran sind, die deutlich mehr Schüler gleichzeitig schreiben müssen, werde man daher noch mehr Klassenräume dazunehmen und die Schüler dort entsprechend verteilen.

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Mit dem Start sei sie aber so weit zufrieden, sagt Schulleiterin Languth. „Unsere Schüler waren verständlicherweise etwas angespannt, aber auch froh, dass es jetzt endlich losgeht. Sie haben sich vorbildlich verhalten.“

Großer psychischer Druck

Auch an der Stadtteilschule Rissen, an der Abiturienten in einem offenen Brief an Bürgermeister Peter Tschentscher und Schulsenator Ties Rabe (beide SPD) mit einem Boykott gedroht hatten, sind die schriftlichen Prüfungen pro­blemlos gestartet. „Alle Schüler waren da“, sagt Schulleiter Claas Grot. „Sie waren natürlich aufgeregt, aber nach meinem Eindruck auch guter Dinge.“

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Nachdem der Brief der Schüler, in dem sie den „enormem psychischen Druck, welcher das Lernen überschattet“ beklagt und ein „Durchschnittsabitur“ oder mündliche Prüfungen per Videochat gefordert hatten, haben der Schulleiter und der Abteilungsleiter für die Oberstufe ein Schreiben an alle Abiturienten verfasst. Daraufhin seien nette Antworten gekommen, so Grot, die Schüler hätten klargestellt, dass ihre Boykottdrohung nichts mit der Vorbereitung durch die Schule, sondern mit der politischen Entscheidung zu tun gehabt hätte. Sie hätten sich durch ihre Lehrer auch zu Hause gut betreut gefühlt.

20 Schüler versammelten sich vor dem Haupteingang

So saßen die ersten Abiturienten am Dienstag jeweils zu acht auf vier Räume verteilt in ihren Prüfungen, drei Schüler, die selbst oder von denen Familienmitglieder zu einer Risikogruppe gehören, saßen jeweils alleine in einem Klassenraum. „Wir hatten drei verschiedene Anfangszeiten und haben unterschiedliche Aufgänge genutzt, sodass die Schüler getrennt zu ihren Plätzen gehen konnten“, sagt der Schulleiter. Zudem habe man Desinfektionsmittel vor den Toiletten aufgestellt und ansonsten alle Türen offen gelassen, damit niemand die Klinken anfassen musste.

An manchen Schulen war es allerdings etwas schwieriger, stets den Sicherheitsabstand zwischen allen Schülern zu gewährleisten. Am Gymnasium Hochrad in Othmarschen beispielsweise trafen am Morgen rund 20 Abiturienten vor dem Haupteingang zusammen, wo sie sich kaum aus dem Weg gehen konnten. In den Prüfungsräumen sei es aber gut organisiert gewesen, inklusive Namensschildern auf den versetzt angeordneten Tischen, berichtet Isabel Wache.

Auch die 18-Jährige und ihre Mitschüler wurden vorab per Mail über die Richtlinien informiert. „Darin stand auch, dass wir das Schulgelände im Anschluss sofort verlassen müssen“, sagt die Abiturientin. Für sie sei es am Dienstagmorgen schon ein komisches Gefühl gewesen – vor allem aber, weil die Schulzeit für sie durch Corona nun so abrupt enden wird. „Wir haben uns ja quasi zwölf Jahre auf diesen Moment gefreut, auch auf die anschließende Feier und die Motto-Tage“, sagt Isabel Wache. „Da fehlt jetzt schon etwas.“

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

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