Bildung

So planen die Hamburger Schulen den Neustart

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Insa Gall und Peter Ulrich Meyer
Hier wird am Gymnasium Eppendorf Abitur geschrieben.

Hier wird am Gymnasium Eppendorf Abitur geschrieben.

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Lehrer müssen Unterrichtsbeginn vorbereiten und zugleich Abiturprüfungen abnehmen – eine Herkulesaufgabe.

Hamburg.  Auch wenn derzeit noch keine Schüler in den Klassenräumen sitzen – Hamburgs Schulen haben in diesen Wochen viel zu tun. Nun in kürzester Zeit den Unterrichtsstart für die ersten Klassen zu organisieren, die hier wieder unterrichtet werden, bedeutet für sie eine Herkulesaufgabe. „Im Detail sind noch viele Fragen offen“, sagt Maike Languth, Leiterin des Gymnasiums Eppendorf. „Wir stehen vor erheblichen Herausforderungen – und wir wissen nicht, ob wir das schaffen.“

Mit Hochdruck sind zahllose Fragen zu klären, nachdem Schulsenator Ties Rabe (SPD) am Freitagnachmittag verkündet hatte, dass vom 27. April an die Abschlussklassen in Wechselschichten wieder in die Schule kommen sollen, am 4. Mai sind dann die Viert-, die Sechstklässler sowie weitere Oberstufenjahrgänge an der Reihe. Dies fußt auf den Beschlüssen, die Bund und Länder am vergangenen Mittwoch gefasst hatten.

Schulen müssen eigene Konzepte ausarbeiten

Offen ist: In welchem Wechsel sollen die Schüler in die Schule kommen? Dafür muss jeder Standort ein eigenes Konzept ausarbeiten. Welche Klassenräume eignen sich? Wie werden die Gruppen eingeteilt? Welche Lehrer können vor Ort unterrichten? Wie sieht ein passgenaues Hygienekonzept aus?

„Das kommt für uns zur Unzeit, weil wir momentan alle auf die Durchführung des schriftlichen Abiturs fokussiert sind“, sagt Schulleiterin Languth. Die Prüfungen starten am heutigen Dienstag übergreifend mit dem Fach Politik/Gesellschaft/Wirtschaft (PGW) für rund 3800 der 9800 Abiturienten sowie standortabhängig mit weiteren Fächern. Um die Hygienevorschriften einzuhalten, schreiben die Abiturienten am Gymnasium Eppendorf in kleinen Gruppen von maximal acht Schülern.

Arbeitsgemeinschaft hat Mund-Nasen-Masken für alle Abiturienten genäht

Wer selbst zu gesundheitlichen Risikogruppen zählt oder Angehörige hat, bei denen dies der Fall ist, schreibt sogar allein in einem Raum. Für jede Gruppe ist eine Aufsicht erforderlich. „Es mussten Aufsichtspläne erarbeitet und Desinfektionsmittel besorgt werden“, sagt Languth. Eine Arbeitsgemeinschaft der Schule hat Mund-Nasen-Masken für alle Abiturienten genäht. Am Freitag wird zentral Englisch geschrieben, am 30. April Deutsch. Die letzten Abiturklausuren sind für den 5. Mai angesetzt.

„Diese Prüfungen unter bisher einmaligen Bedingungen zu organisieren war mit viel Arbeit und auch Aufregung verbunden“, erzählt die Schulleiterin. Und nun gilt es zusätzlich, in kürzester Zeit einen Schulbetrieb im Ausnahmemodus vorzubereiten. Languth hat Verständnis für die Behörde. „Aber es sind noch 1000 Detailfragen offen. Ich hätte es besser gefunden, wenn man für diese Details erst differenzierte Lösungen gefunden hätte, bevor man sagt, wir starten wieder.“

Großes Problem

Ein großes Problem: Die maximale Gruppengröße von 15 Schülern in einem Raum (Rabe hatte von elf bis 13 Schülern im Hamburger Durchschnitt gesprochen) dürfte an vielen Schulen aufgrund der baulichen Gegebenheiten gar nicht zu organisieren sein – wenn zugleich der Mindestabstand von 1,50 Metern zwischen den Kindern und Jugendlichen eingehalten werden soll.

Corona-Lockerungen: Der Fahrplan für Hamburgs Schulen
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Languth jedenfalls hat die Räume in ihrem historischen Schulgebäude an der Hegestraße ausgemessen und festgestellt, dass dort jeweils höchstens neun Schüler gleichzeitig unterrichtet werden können. Bei Gymnasialklassen aber, die im Durchschnitt rund 28 Schüler haben, bedeutet dies: Jede Klasse muss nicht in zwei, sondern in drei Gruppen unterteilt werden – und daraus folgt: Es werden mehr Lehrer benötigt.

Fernunterricht läuft weiter

Doch noch ist gar nicht klar, wer von den 66 Lehrkräften an der Schule überhaupt einsetzbar ist – also keiner Risikogruppe angehört oder Probleme bei der Kinderbetreuung hat. Und der Fernunterricht für diejenigen Jahrgänge, die zunächst noch nicht in die Schule kommen, läuft ja auch weiter. „Eine Vollzeitkraft hat bei uns 220 Schüler zu betreuen“, erzählt Languth. „Und das ist eher aufwendiger als Unterricht im Klassenraum, weil die Schüler so viele schriftliche Aufgaben erledigen, die kontrolliert werden müssen.“ Das habe sich mittlerweile gut eingespielt, die Resonanz auf den Fernunterricht sei positiv – jetzt komme wieder etwas Neues.

Schulleiterin Languth hätte sich mehr Spielraum für individuelle Lösungen gewünscht. „Es wäre gut gewesen, wenn sich die Klassenlehrer aller Jahrgänge in der Schule mit kleinen Gruppen von Schülern hätten treffen können, um zu sehen, wie jeder Einzelne mit dem Fernunterricht klarkommt und wie ihr Lernstand ist“, sagt sie. Dann hätte man individuelle Lösungen finden können. Für viele Schüler hätte der Fernunterricht weiterlaufen können – andere bräuchten schon jetzt eine intensivere Betreuung vor Ort, auch wenn sie nicht zu den ersten Jahrgängen gehörten, die jetzt wieder in die Schule gehen würden.

Harte Wochen

„Die nächsten Wochen werden hart“, glaubt auch Birgit Stöver, bildungspolitische Sprecherin der CDU-Bürgerschaftsfraktion. Sie habe den Eindruck, dass die Schulbehörde noch keinen umfassenden Plan habe, wie der Schulstart funktionieren könne. Da gebe es in den kommenden zwei Wochen viel nachzuarbeiten. „Wir brauchen für jede einzelne Schule eine genaue Planung.“

Bürgermeister verkündet erste Corona-Lockerungen für Hamburg

Die Hygienevorschriften müssen penibel eingehalten werden – auch um bei den Eltern eine Akzeptanz für die Schulöffnung zu schaffen. Die CDU, die in Coronazeiten auf eine Fundamentalopposition verzichte, finde es im Grundsatz gut, dass Hamburg bei der Schulöffnung vorsichtig vorgehe. „Alle zwei Wochen muss geschaut werden, ob nicht weitere Jahrgangsstufen in der Schule unterrichtet werden können“, so Stöver. Denkbar sei, dass dann auch die fünften bis achten Klassen eingebunden und vielleicht einmal wöchentlich in die Schule geholt würden.

Schulen warteten auf Konkretisierung der Vorgaben

Sascha Luhn, Schulleiter der Grundschule Wildschwanbrook in Meiendorf, lobt die Schulbehörde. „Wir diskutieren mit der Behördenleitung erste Ideen, wie wir die schrittweise Öffnung der Schulen organisieren können. Die Behördenleitung ist sehr konziliant“, sagt Luhn, der Vorsitzender der Vereinigung Hamburger Schulleiter ist.

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

Die Schulen warteten jetzt auf eine Konkretisierung der Vorgaben für die zeitliche und räumliche Aufteilung der Lerngruppen, um planen zu können. Mit 72 Quadratmetern seien die Klassenräume seiner Schule, so Luhn, groß genug, um den nötigen Schutzabstand für maximal 15 Kinder zu wahren. „Aus pädagogischer Sicht stellt sich mir die Frage, ob es richtig ist, mit dem Jahrgang vier in den Unterricht zu starten“, sagt Luhn. Die Vorschüler und die Schüler der ersten beiden Klassen brauchten nach einer so langen Pause die Rückkehr in den Unterricht dringender. Andererseits sei es sinnvoll, bundesweit einheitlich vorzugehen.

Großer organisatorischer Aufwand

„Wir gehen davon aus, dass die Schulen nach bestem Wissen und Gewissen die Bude sauber halten“, sagt Marc Keynejad, stellvertretender Vorsitzender der Elternkammer. Es sei richtig, dass zunächst die Schüler in die Schulen zurückkämen, die vor Abschlussprüfungen stünden. „Wir hätten uns aber gewünscht, dass die Behördenleitung deutlicher das Problem der Schüler anspricht, die zu Hause schwierige Lernbedingungen haben“, sagt Keynejad. Außerdem sieht die Elternkammer die hygienischen Bedingungen in Bussen und Bahnen, die viele Schüler für den Schulweg nutzen werden, als problematisch an.

Aus dem jetzt von der Schulbehörde vorgelegten „Ergänzenden Corona-Hygieneplan für alle staatlichen Schulen“ wird der erforderliche organisatorische Aufwand für die Schulen deutlich. Unter anderem werden die Schulen aufgefordert, ein „Konzept zur Wegeführung“ zu entwickeln, etwa durch Abstandsmarkierungen auf dem Boden oder an Wänden. Es soll zudem sichergestellt werden, dass nicht alle Schüler gleichzeitig über die Flure gehen. Die Lehrer müssen in den Pausen darauf achten, dass nicht zu viele Schüler zur gleichen Zeit die Sanitärräume benutzen und dass sie sich an die Verhaltens- und Hygieneregeln halten.

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