Krisenleitfaden

Wie Hamburg 1597 auf die Pest-Pandemie reagierte

Dieser Kupferstich aus dem Jahr 1758 zeigt ein Pest-Krankenhaus in Hamburg.

Dieser Kupferstich aus dem Jahr 1758 zeigt ein Pest-Krankenhaus in Hamburg.

Foto: ullstein bild Dtl. / ullstein bild via Getty Images

Es gibt erstaunliche Parallelen zur Coronapandemie – in vielem war die Pestordnung des Arztes Johann Bokel ungemein modern.

Hamburg. Abstand halten, Geschäfte schließen, Grenzen dichtmachen - schon vor mehr als 400 Jahren wusste der Hamburger Mediziner Johann Bökel: Seuchen lassen sich nur durch radikale Maßnahmen stoppen. Wie genau, hat Bökel in seiner 1597 veröffentlichten Hamburger Pestordnung niedergelegt – ein aus heutiger Sicht erstaunlich moderner Krisenleitfaden.

Auf das Dokument ist der Hamburger Historiker und Geschichtslehrer Felix-Daniel Ekberg gestoßen. Zunächst habe er die Seuchenfibel für eine Hamburgensie gehalten, vielleicht interessant für Experten, aber weniger brauchbar für ein breites Publikum. Jetzt aber sei die Pestordnung wieder brandaktuell. „Wissenschaftlich mag Bökel überholt sein, aber gesellschaftlich hatte er genau die richtigen Ideen“, sagt Daniel Ekberg. Bökel, so der Historiker weiter, sei ein „Vorkämpfer der Aufklärung“.

Leitfaden zu Eindämmung der Pest ähneln Corona-Vorschlägen des Senats

Der in Antwerpen geborene „Subphysicus“ muss damals einen Nimbus gehabt haben wie derzeit der deutsche Corona-Cheferklärer Christian Drosten – der Typ Wissenschaftler also, auf den alle hören. Bökel hatte das Johanneum in Hamburg besucht und sich in Helmstedt als erster Medizinprofessor verdingt, als ihn 32 Jahre nach dem letzten, größeren Ausbruch der Stadtrat um einen Leitfaden zur Eindämmung der Pest bat. Und, man glaubt es kaum, die im „Rat an die Hamburger“ aufgeführten Vorschläge ähneln denen des Senats und der Bundesregierung fast bis ins Detail.

Die Hansestadt gehörte mit 40.000 Einwohnern zu den größten Städten im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Als 1565 einmal mehr der schwarze Tod die Stadt heimsuchte, erlebte Bökel das Elend und das große Sterben in den stinkenden Gassen hautnah mit. „Nu ist es eben die Lufft zur zeit der Pestilentz/welche den Menschen ansteckt und vergifftet“, wusste Bökel. Und er wusste auch, dass es eine „cura“ (Heilung) nur gibt, wenn man den Erreger genau kennt – ganz ähnlich wie bei Covid-19. Hunderte Mediziner forschen derzeit nach einem Impfstoff.

Abschottung als Lösung?

Bökel: „Und kann niemand eine kranckheit recht heilen/ es sey dann/ daß er zuvor die ursach/ und Ursprung der kranckheit erfahre/ und wol wisse.“ Und solange eben keine Cura in Sicht ist, seien Sozialkontakte unbedingt zu vermeiden, damit „die kranke (...) Leute/nicht unter die gesunden kommen/und also der eine den anderen anzünde und vergiffte.“

Abschottung als Lösung? Laut Bökel schon: „Wie viel mehr sollen wir uns hüten/und verwahren für denen/so bei uns in der Ringmauren.“ Ziemlich selbstbewusst forderte Bökel für seinen Berufsstand eine Ehrbezeugung ein, die für die Hamburger heute selbstverständlich ist. „Ehre den Arzt mit gebührlicher verehrung/daß du ihn habest zur noth“, schrieb der Gelehrte. Umsonst ist ohnehin nur der Tod, der aber noch um ein Vielfaches schneller kommt, wenn sich Erkrankte der „recepta“ (Hausmittel) des „gemeinen Mannes“ bedienen.

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Genauso wohlfeil ist der Rat der Scharlatane, der „Astrologi“, die einmal mit ihren „weissagen“ treffen, aber sich dagegen „wohl zwanzig mahl“ irren – in der heutigen Zeiten könnte man das auch als Mahnung vor Verschwörungstheorien verstehen, wie sie gerade etwa auf YouTube und anderen Kanälen verbreitet werden, findet Historiker Ekberg.

Sofortige Grenzschließung schon damals Mittel der ersten Wahl

Was also tun in der Krise? Als Mittel gegen die Pest galt eine sofortige Grenzschließung schon damals als Mittel der ersten Wahl. Kein Mensch solle hineingelassen werden, „es sey dann/ daß er einen gewissen schein und beweiß habe/daß er nicht aus sterbenden Lüften herkome ...“ Um Ansteckungen zu vermeiden, seien etwa „gemeine Badstuben eine zeitlang abzuschaffen“.

Vorsicht sei auch bei solchen Geschäften angeraten, die noch geöffnet sind, Apotheken beispielsweise. „Wer etwas daraus begeret (solle) durch ein fenster gereichet und gegeben werden.“ Nicht anders läuft es im großen und auch heute.

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

Tausende Hamburger arbeiten zurzeit im Homeoffice, für manche ein Käfig und mit Familie nicht selten einer voller Narren. Wer nicht arbeiten müsse, der solle „etwas im Haus thun oder aber spaziren gehen“, rät Bökel. Die körperliche Betätigung sei aber nur sehr maßvoll zu betreiben, jedenfalls so, dass „nur gelinder Schweiß hierfür bricht“. Kurzer Blick an die Alster dieser Tage: viele Jogger, viel Schweiß, vielleicht ein bisschen zu viel von allem.

Zwar sei auch das „eheliche Werck“ zu verrichten, dies aber ebenfalls maßvoll oder in Bökels Worten: Hier sei „nicht mehr zu thun/als die natur wol vertragen kann“. Überhaupt die Natur. Zur Gesunderhaltung, so rät Bökel zudem, solle sich jeder Mensch „stets befleissigen“, dass er „seinen natürlichen abgang taeglich habe“. Bleibt die Frage, was der Subphysicus zu den aktuell leer gehamsterten Toilettenpapier-Regalen gesagt hätte.