Corona

Hamburgs Kindertagesstätten sollen Notbetreuung ausdehnen

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Andreas Dey
Hamburgs Sozialsenatorin und SPD-Landesvorsitzende: Melanie Leonhard.

Hamburgs Sozialsenatorin und SPD-Landesvorsitzende: Melanie Leonhard.

Foto: Marcelo Hernandez

Der Termin werde laut Sozialbehörde jetzt mit den Trägern abgestimmt. Für welche Kinder die Regelung gelten soll.

Hamburg.  Die Kindertagesstätten in Hamburg sollen ihre Notbetreuung schon bald auf die Kinder von Alleinerziehenden ausdehnen. Das kündigte Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) am Donnerstag an. Der genaue Termin werde jetzt mit den Trägern abgestimmt und vermutlich am Freitag verkündet. „Ich gehe aber von einem Termin in der nächsten Woche aus“, sagte Leonhard.

Die weiterhin geltenden scharfen Beschränkungen im Zuge der Coronakrise seien eine große Herausforderung für Familien mit Kindern, und hier insbesondere für Berufstätige und Alleinerziehende, sagte die Senatorin. Die großen sozialen Folgen beträfen auch die Kinder selbst: „Kinder brauchen andere Kinder für ein gesundes Aufwachsen, sie brauchen sehr viel Bewegung, und sie brauchen diese auch im Freien.“

Corona-Infektionsgefahr in Hamburgs Kitas niedrig halten

Die Bedingungen, unter denen die erweiterte Betreuung stattfinden darf, werde jetzt mit den Trägern abgestimmt, da ein Wald-Kindergarten andere Voraussetzungen habe als etwa eine Kita in eng bebauten Vierteln. So werde man etwa beim Thema Schutzmaskenpflicht für die Erzieherinnen „einen gangbaren Weg“ suchen, so die Senatorin. Klar sei schon, dass man das „volle räumliche Angebot“ der Kitas nutzen werde, um eine möglichst lockere Betreuung zu gewährleisten und die Infektionsgefahr niedrig zu halten. Und noch strenger als bisher werde man mit Erkältungskrankheiten umgehen, so Leonhard: „Wer eine Rotznase hat, darf eben zurzeit auf gar keinen Fall in die Kita.“

Als nächsten Schritt wünsche sie sich, dass die Vorschulkinder, die nach dem Sommer in die Grundschule kommen, bald in die Betreuung zurückkehren könnten. Sie empfehle den Ministerpräsidenten, dass das „eines der allernächsten Themen ist, die man angehen muss“. Diese Kinder stünden vor einem wichtigen Übergang in ihrem Leben und müssten darauf vorbereitet werden. Dass sie mit schlechteren Startchancen zur Schule kommen, „kann nicht gewollt sein“, betonte Leonhard. Vorstellbar sei auch, dass man Kinder mit besonderem Förderbedarf, etwa wegen einer Behinderung, prioritär wieder betreue.

Strenge Hygienestandards

Wie viele Kinder von Alleinerziehenden in den Kitas betreut werden, ist nicht bekannt, da diese Daten nicht erhoben würden, teilte die Sozialbehörde mit. Ähnliches gelte für die Vorschulkinder in der Kita. Bekannt sei allerdings, dass mehr als 5000 Kita-Gutscheine für sechsjährige Kinder ausgestellt wurden.

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Auch die Elbkinder, mit knapp 190 Kitas der größte Betreiber der Stadt, kennen dazu keine genauen Zahlen. Derzeit würden schon einige Alleinerziehende die Notbetreuung in Anspruch nehmen, sagte eine Sprecherin auf Abendblatt-Anfrage. Wie viele es in der kommenden Woche werden könnten, sei nicht klar einzuschätzen. Aber es gelte: „Weder personell noch räumlich bestehen bei den Elbkindern Umsetzungsprobleme, da die Erzieherinnen auf Abruf bereitstehen.“ In den Kitas würden die strengen Hygienestandards gelten, die das Robert-Koch-Institut (RKI) vorgibt. Das Tragen eines Mundschutzes sei nicht verpflichtend, aber auf Wunsch der Mitarbeiterinnen möglich.

Keine klare Vorgabe bei Schutzmasken

Der „Paritätische Hamburg“, der Kitas verschiedener Träger betreut, begrüßte die Ankündigung, die Notbetreuung um die Kinder Alleinerziehender zu erweitern: „Die Situation durch die Pandemie und der daraus folgenden Einschränkungen ist für alle belastend, für Alleinerziehende und ihre Kinder allerdings besonders herausfordernd“, sagte Geschäftsführerin Kristin Alheit. „Denn in diesen Familien ist das alleinige Elternteil rund um die Uhr für die Kinder da, die sich fast ausschließlich in der eigenen Wohnung aufhalten müssen und keinen Kontakt zu anderen Kindern haben dürfen. Dies sorgt für eine hohe Stressbelastung – mitunter auch zur Überlastung.“

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Einer möglichen Verdoppelung der aktuell niedrigen Kinderzahlen sähen die Kitas entspannt entgegen, so Alheit. Den RKI-Empfehlungen folgend, werde es maximal fünf Kinder pro Gruppe geben, begleitet von festen Teams. Hinsichtlich der Schutzmasken gebe es keine klare Vorgabe: Im Elementarbereich würden sie in vielen Kitas eingesetzt, im Krippenbereich dagegen nicht.

Sozialsenatorin wirbt für die Öffnung der Spielplätze

Die insgesamt knapp 1100 Kitas in Hamburg betreuen normalerweise rund 90.000 Kinder. Aufgrund der Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus bieten sie seit fünf Wochen nur eine Notbetreuung an. Nach Leonhards Angaben würden dort etwa drei bis fünf Prozent der Kinder betreut.

Die Sozialsenatorin sagte, dass sie zudem im Kreise der Bundesländer für die Öffnung der Spielplätze werbe. Das sei gerade in Ballungsräumen von großer Bedeutung. Sie würde sich freuen, wenn die Ministerpräsidenten diese Frage bei nächster Gelegenheit „mit der gleichen Ernsthaftigkeit“ behandeln würden wie die Öffnung von Friseurgeschäften, so Leonhard. „Man sieht ja im Moment Bilder, dass Familien sehr verantwortlich mit geordnetem Abstand im Park vor dem Spielplatz spielen – die gleichen Regelungen wären ja möglicherweise auf das Spielplatzgelände übertragbar.“

Unauffällige Lage in öffentlichen Unterkünften

Die Sozialsenatorin bestätigte für Hamburg zudem Erwartungen des Bundes, wonach die Zahl der Bedarfsgemeinschaften, die in irgendeiner Form staatliche Hilfe bekommen, um bis zu 40 Prozent steigen könnte. Zu den 93.000 Bedarfsgemeinschaften, die es im März gab, kämen derzeit im Schnitt 1000 Anträge pro Woche dazu, an den vier Werktagen vor Ostern sogar 1900, so Leonhard. „Das zeigt, dass die sehr wichtigen Maßnahmen, um das Coronavirus einzudämmen, nicht folgenlos bleiben – nicht sozial und auch nicht wirtschaftlich.“

Relativ unauffällig sei die Lage in öffentlichen Unterkünften: Von den 600 Menschen, die in den fünf Obdachlosenunterkünften leben, seien nur drei erkrankt, von den 30.000 Menschen in den Flüchtlingsunterkünften 39. Sie würden jeweils isoliert betreut.

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