Coronavirus

UKE-Experte: „Isolation kann schwerwiegende Folgen haben“

| Lesedauer: 6 Minuten
Peter Wenig
Alte Menschen sind durch das Coronavirus besonders gefährdet. Doch die Besuchsverbote, die sie schützen sollen, können die Einsamkeit vergrößern.

Alte Menschen sind durch das Coronavirus besonders gefährdet. Doch die Besuchsverbote, die sie schützen sollen, können die Einsamkeit vergrößern.

Foto: iStockphoto/Getty Images

Prof. Bernd Löwe über die Folgen der Coronamaßnahmen in Pflegeheimen, Unterstützung für Pflegekräfte und Auswege aus der Krise.

Hamburg. Corona gefährdet besonders alte Menschen. Seit Tagen reißen Meldungen von schweren Erkrankungen und Todesfällen aus Pflegeheimen nicht ab. Auch in Hamburg sind mehrere Bewohner im Zusammenhang mit dem Virus verstorben. Deshalb hat der Senat ein Besuchsverbot in Pflegeheimen erlassen, auch Senioren, die in ihrer häuslichen Umgebung leben, sollen auf Kontakte zu ihren Angehörigen möglichst verzichten.

Wie sehr leiden betagte Menschen unter den Maßnahmen? Darüber sprach das Abendblatt mit UKE-Klinikdirektor Prof. Bernd Löwe, Facharzt für Psychosomatische Medizin, Psychotherapie und für Innere Medizin.

Hamburger Abendblatt: Herr Prof. Löwe, alte Menschen sollen aus Sorge vor einer Ansteckung ihre Angehörigen möglichst nicht mehr treffen. In Pflegeheimen gelten strikte Besuchsverbote. Welche Folgen hat soziale Isolation für Senioren?

Prof. Bernd Löwe: Dieser Bereich wurde bislang für die aktuelle Situation noch nicht ausreichend erforscht. Wir wissen aber aus Studien aus China sowie von früheren Ausbrüchen von Infektionserkrankungen, dass Isolation schwerwiegende Folgen haben kann. Sie kann Ängste auslösen, Depressionen verstärken und durch die extreme Unterforderung und Dauer Langeweile und Frustration auslösen, was zu Symptomen wie Niedergeschlagenheit und Schlaflosigkeit führen kann.

Ab welchem Zeitraum wird aus Ihrer Sicht Isolation kritisch?

Löwe: In aller Regel überstehen die meisten Senioren einige Wochen Abschirmung weitgehend problemlos. Aber es hängt sehr stark davon ab, wie Angehörige in dieser Zeit den Kontakt auf anderen Wegen halten. Wer sich auf sein familiäres Netzwerk verlassen kann, übersteht Besuchsverbote weitaus besser.

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Was sollten Angehörige tun?

Löwe: Oft anrufen, Briefe schreiben, signalisieren, du bist uns wichtig, wir denken an dich, wir sind auch ohne Treffen bei dir. Viel härter ist diese Phase für alte Menschen, die niemanden mehr haben, der sich um sie kümmert. Sie sollen nicht mehr selbst einkaufen, es fehlt sinnvolle Beschäftigung. Und auch in Heimen werden gemeinschaftliche Programme durch Corona stark eingeschränkt. Dann fühlen sie sich noch einsamer.

Wie sinnvoll sind Video-Kontakte?

Löwe: Absolut sinnvoll. Dies gilt auch für andere Bereiche. Wir wissen aus der Psychotherapie, dass über Sitzungen per Video die Therapeut/Patient-Beziehung sehr gut aufrechtzuerhalten ist. Ich kann mir dies auch für Physiotherapeuten vorstellen. Klar, manuelles Durchbewegen oder Massagen sind über Video unmöglich. Aber ein Therapeut könnte einfache Übungen vormachen, den Patienten dann über die Kamerafunktion des Computers anleiten. Ein solcher Videokanal könnte auch für Kontakte unter den Heimbewohnern genutzt werden. Bewohner, die sich nahestehen, könnten sich dann ohne Ansteckungsrisiko regelmäßig sehen und miteinander reden.

Die meisten alten Menschen haben in den Kriegs- und Nachkriegsjahren Entsetzliches erlebt. Helfen ihnen diese Erfahrungen, die Coronakrise besser zu überstehen?

Löwe: Darauf gibt es keine generelle Antwort. Wer solche traumatischen Erlebnisse gut bewältigt hat, kann in der Tat über eine entsprechende Resilienz verfügen, die ihm nun hilft, eine erneut sehr belastende Situation ohne dauerhafte Beeinträchtigung zu überstehen. Anders sieht es aber bei den Menschen aus, die solche Traumata nie wirklich verarbeitet haben. Für sie können schon die Bilder in Nachrichtensendungen aus Krankenhäusern oder vom Abtransport von Leichen als Trigger wirken. Schlagartig und mit Wucht werden plötzlich Erinnerungen an schreckliche Erlebnisse vor vielen Jahrzehnten geweckt.

Depressionen im Alter wurden von der Medizin lange unterschätzt.

Löwe: Das ist richtig, hier gibt es Versorgungsdefizite. Nach verschiedenen Studien könnten zwischen 15 und 40 Prozent der Bewohner von Pflegeheimen an einer Depression leiden, deutlich mehr als Gleichaltrige, die noch zu Hause leben. Die mediale Aufmerksamkeit nach dem Suizid des Nationaltorwarts Robert Enke hat zumindest dazu beigetragen, dass mit Depressionen offener umgegangen wird und die Betroffenen weniger stigmatisiert werden.

Menschen mit einer demenziellen Erkrankung können oft gar nicht verstehen, warum sie ihre Angehörigen nicht mehr sehen dürfen. Was kann man tun?

Löwe: Man kann nur versuchen, es ihnen immer wieder zu erklären. Das ist der einzige Weg.

Auch Pflegebedürftige ohne kognitive Einschränkungen fragen ihre Angehörigen oft, wie lange die Maßnahmen noch gelten. Was sollte man ihnen antworten?

Löwe: Die Wahrheit sagen, dass man es selbst nicht weiß. Und zugleich Hoffnung wecken, dass die Maßnahmen wirken werden. Aber wider besseres Wissen ein konkretes Datum nennen und dann für Enttäuschungen zu sorgen, wenn es dieses Datum nicht ist, wäre ein Fehler.

Durch Corona werden auch die Pflegekräfte in der stationären wie in der ambulanten Pflege enorm belastet. Wie kann man ihnen helfen?

Löwe: Zuallererst mit ausreichender Schutzkleidung. Jede Pflegekraft weiß, dass Corona auch für jüngere Menschen eine ernsthafte Krankheit bedeuten kann. Deshalb ist es wichtig, dass sie sich mit den entsprechenden Schutzmaßnahmen selber vor einer Ansteckung schützen können und zugleich die Übertragung auf andere Menschen vermieden wird. Zudem sollte es für sie Gesprächsangebote geben, auf Wunsch auch anonym. Im UKE haben wir für unsere Kolleginnen und Kollegen eine entsprechende Telefonhotline eingerichtet, die in den nächsten Tagen startet.

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Zu den Überlegungen einer Exit-Strategie gehört, Risikogruppen zu isolieren, damit die Jüngeren den Wirtschaftskreislauf wieder in Gang bringen können. Dies könnte bedeuten, dass die Besuchsverbote noch viele Monate gelten. Denn ein Impfstoff wird wohl erst Anfang 2021 zur Verfügung stehen.

Löwe: Ich bin weder Altersmediziner noch Virologe. Aber als Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie halte ich Besuchsverbote für Angehörige über einen solch langen Zeitraum für undenkbar. Irgendwann muss man abwägen, ob das Risiko der Folgen einer sehr langen Isolation schwerer wiegt als die Gefahr einer Ansteckung, die man durch geeignete Maßnahmen stark reduzieren kann. Etwa durch einen Besuch im Freien mit Mindestabstand und Schutzkleidung für Bewohner und Angehörige. Unabhängig davon sollten Angehörige einem Familienmitglied, das im Sterben liegt, Beistand leisten können. Dies sollten Kliniken und Heime durch entsprechende räumliche Trennungen der Bereiche möglich machen können, auch wenn dieser Sterbeprozess über Wochen andauern sollte.

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