Hamburg

Coronavirus: Selbst der Seifenmann rutscht in die Krise

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Daniel Herder
Karsten-Wolfgang Kurth betreibt das Hamburger Seifenkontor.

Karsten-Wolfgang Kurth betreibt das Hamburger Seifenkontor.

Foto: Michael Arning

Karsten-Wolfgang Kurth betreibt einen sehr kleinen Laden – das könnte Kunden abschrecken, mutmaßt er.

Hamburg. Wer die Drogerie an der Oberstraße betritt, fühlt sich wie auf einer Blumenwiese. Der Inhaber des winzigen Ladens im Souterrain eines Altbaus riecht es kaum noch, aber weniger gewohnte Nasen schnuppern die lieblichsten Aromen: eine Lavendel-Note zum Beispiel oder einen Hauch Zitrone. Ein wenig erinnert das Arrangement der Waren an einen Weinhandel. Nur handelt Karsten-Wolfgang Kurth nicht mit Wein – er verkauft Pflanzenseife.

Abgesehen vom betörenden Duft und der feinen Präsentation seiner unverpackten Seifenbruchstücke in allen möglichen Pastellfarben fällt Kurths Ware gerade eine zentrale Rolle im Kampf gegen das Coronavirus zu. Die Behörden werden nicht müde zu betonen, dass derjenige sich am besten vor dem Erreger schützt, der sich regelmäßig rund 30 Sekunden lang die Hände mit Seife wäscht.

Corona: Existenz des Seifenkontors steht auf der Kippe

Während die Seifenregale in manchen Discountern komplett leergehamstert sind, sind Kurths Auslagen prall gefüllt. Der 54-Jährige, dessen Drogerie auch jetzt geöffnet bleiben darf, müsste eigentlich das Geschäft seines Lebens machen. Doch paradoxerweise steht die Existenz des Hamburger Seifenkontors auf der Kippe.

Innerhalb von zwei Wochen habe er lediglich fünf Kunden gehabt, sagt Kurth. Woran es liegt, dass gerade jetzt sein im Sommer 2018 eröffneter Laden ins Schlingern geraten ist, wisse er auch nicht so genau, da könne er nur raten. Möglicherweise scheuten Kunden zurück, weil sein Verkaufsraum so klein ist. Mehr als ein Kunde darf aktuell nicht rein. Behördliche Auflage.

Vielleicht liegt es aber auch daran, so vermutet er, dass viele Verbraucher pflanzlichen Festseifen, wie er sie vor allem verkauft, aus Angst vor Keimen nicht über den Weg trauen. Dabei ist durch wissenschaftliche Studien belegt, dass selbst dann keine Keime weitergegeben werden, wenn mehrere Menschen die gleiche Pflanzenseife benutzen. Sicher ist sie auch: Beim gründlichen Einseifen der Hände werden die Fetthüllen der Viren zerstört – auch die des Coronavirus.

Kurth wäscht alles mit Seife

Viele Kunden nennen Kurth den Seifenmann. Bemerkenswert ist seine Identifikation mit dem eigenen Produkt allemal. Kurth kann sehr ausgiebig und charmant über alle Facetten von Seife fachsimpeln: Darüber, dass Frauen holzig-herbe Düfte bevorzugen und Männer inzwischen eher blumig-fruchtige. Oder darüber, wie zuverlässig Seife desinfiziert und wie lange sie vorhält.

Rund 250-mal könne man sich mit nur einem Stück die Hände waschen. Macht bei einem durchschnittlichen Stückpreis von fünf Euro rund zwei Cent pro Waschgang, rechnet Kurth vor. Sogar seine Pullover wäscht er mit Seife.

Seine Leidenschaft hat einen persönlichen Hintergrund: Seit er seine Neurodermitis an den Händen mit Allepo­seife auf Olivenölbasis in den Griff bekommen hat, schwört er auf Seife als universell verwendbaren Hygieneartikel.

Vor zehn Jahren hängte Kurth seinen gut bezahlten Beruf im medizinischen Verwaltungsbereich an den Nagel, um in Seife zu machen. Seine Ganzkörperseife lässt er selbst herstellen, meist auf der Grundlage von Oliven- oder Kokosöl, dazu Bio-Shea-Butter für die Rückfettung der Haut.

Produziert wird in einer Siederei in Marseille

Die Produktion läuft in einer Siederei in Hamburgs Partnerstadt Marseille. Die Ingredienzien – die Duftstoffe und Öle – stammen vor allem aus der Provence. Für die Herstellung in der Manufaktur muss Kurth in Vorleistung gehen. Deshalb und weil er weniger verkauft, ist es finanziell gerade enger als sonst.

Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde:

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

Dabei hatte er schon einige Offerten. Onlinehändler rissen sich um seine Ware, wollten ihm die gesamte Seife abkaufen und über das Internet vertreiben. Kurth ließ sie abblitzen. „Wir bleiben bei unsere Devise: Wir verkaufen nur an die Endverbraucher.“ Inzwischen, nach den ersten Medienberichten über Kurths Beinahe-Bankrott, läuft es wieder besser. „Kürzlich mussten die Kunden bis zu 90 Minuten anstehen“, sagt Kurth. Noch etwas anderes gibt ihm Zuversicht. „Ich glaube, dass ein Umdenken eingesetzt hat“.

Wer weiß – vielleicht verhilft ja die Coronakrise der Pflanzenseife zu einem Comeback.

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