Pandemie

Abstandhalten unmöglich: Das Gefühl, umzingelt zu sein

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Jule Bleyer
Spaziergänger drängen sich am  Kaiser-Friedrich-Ufer – eine der  wenigen Grünzonen in der Gegend.

Spaziergänger drängen sich am Kaiser-Friedrich-Ufer – eine der wenigen Grünzonen in der Gegend.

Foto: Andreas Laible

Wer im am dichtesten besiedelten Stadtteil Hamburgs lebt, kann nicht ausweichen: weder Menschen noch der Sorge vor dem Virus.

Hamburg. Es fängt ja schon mit dem Gehweg in unserer Straße an. Links die Kühlerhauben der dicht an dicht geparkten Autos, rechts die Zäune der Vorgärten mit daran angeschlossenen Fahrrädern. Dazwischen oft noch nicht mal ein Meter Platz. Von eineinhalb oder zwei Metern ganz zu schweigen. In normalen Zeiten stört es nur, dass man hier quasi nirgendwo nebeneinander laufen und sich unterhalten kann. Immer nur im Gänsemarsch. Wobei der Hintermann nie versteht, was der Vordermann gerade erzählt, da der sich nicht umdrehen kann, weil er sonst am nächsten Fahrradlenker hängen bleibt.

Doch es sind keine normalen Zeiten. Wir gehen gerade ohnehin nicht mehr zusammen auf die Straße. Jetzt frage ich mich nur noch: Wie soll ich hier bloß jemandem ausweichen?

Mehr als 18.600 Menschen pro Quadratkilometer

Ich wohne mit meiner Familie in Hoheluft-West, einem der am dichtesten besiedelten Stadtteile Deutschlands. Mehr als 18.600 Menschen pro Quadratkilometer, im Schnitt sind es in Hamburg 2500. Dabei kommt es mir in normalen Zeiten gar nicht so eng vor. Als wir vor fast fünf Jahren umgezogen sind, wollte ich unbedingt hierher. In eine dieser wunderschönen Altbauwohnungen in den malerischen Straßen, die gesäumt sind von netten kleinen Geschäften und Cafés und voll mit Kindern. Eine kleine Heile-Welt-Blase mitten in der Stadt, direkt neben Eimsbullerbü und in Fahrraddistanz zur Redaktion in der Innenstadt. Ich habe das immer empfunden wie in den pittoresken mediterranen Städtchen – dort, wo die Altstadtgassen am schmalsten werden, verbergen sich die schönsten Postkartenmotive.

Jetzt, in Zeiten, in denen Corona durch unsere Stadt zieht, möchte ich hier unbedingt weg.

Natürlich sollen wir ohnehin die meiste Zeit in unserer reichlich überteuerten Wohnung bleiben. Aber auch wir müssen einkaufen. Und die einjährige Tochter muss zumindest einmal am Tag an die frische Luft. Einen eigenen Garten haben hier nur die allerwenigsten. Also gehen alle raus. Und man kommt nicht aneinander vorbei.

Am Isebekkanal ist die Hölle los

Ich manövriere den Kinderwagen die ersten paar Meter die Straße runter. Vom anderen Ende kommt mir eine Mutter mit ihren zwei Kindern entgegen. Wir sehen uns an. Wir denken dasselbe. Rechts ranfahren und warten, bis die anderen sich vorbeigezwängt haben? Oder nach links, auf die Straße? Welches Risiko möchte ich lieber eingehen: dass die Frau, die vielleicht schon unbemerkt mit dem Virus infiziert ist, im falschen Moment hustet oder dass wir von einem Auto angefahren werden? Ich schiebe den Kinderwagen nach links.

Die andere Mutter lächelt mir dankbar zu.

Wir gehen zum Kaiser-Friedrich-Ufer, an den Isebekkanal – eine der ganz wenigen Grünzonen in der Gegend. Die Sonne scheint. Es ist die Hölle los.

Ein Kinderwagen vor dem nächsten auf dem schmalen Weg, dazwischen Kinder auf Laufrädern, spazierende Pärchen, telefonierende Outdoor-Homeoffice-Arbeiter. Und Jogger. Der Kanal ist schon immer die absolute Rennstrecke, aber so viele Läufer wie in diesen Tagen waren hier noch nie unterwegs. Es ist, als wollten alle, die unter normalen Umständen ohne Probleme den Tag auf dem Sofa verbringen können, sich jetzt selbst beweisen, wie gesund und unverwundbar sie sind. Als könnten sie dem Virus davonlaufen.

Überall sind Schilder, dass man rechts laufen soll

Zwei Jogger kommen mir entgegen, ein dritter überholt und rennt fast in mich hinein. Dabei wurden hier schon extra überall Schilder aufgehängt, dass man rechts laufen soll. Ich möchte ihm hinterherrufen, dass er sich gefälligst daran zu halten hat, doch ich beherrsche mich gerade noch. Wenn wir uns schon nicht ausweichen können, müssen wir wenigstens zusammenhalten. So wie abends um 21 Uhr, wenn gefühlt das ganze Viertel am Fenster steht und klatscht. Dann, im Schutze der Dunkelheit, freue ich mich, Teil dieser tollen Nachbarschaft zu sein. In der die kreativen Einzelhändler und Gastronomen jetzt einfach mit Spuckschutz an der Tür außer Haus verkaufen und von heute auf morgen einen Lieferservice auf die Beine gestellt haben. Die Zuversicht ausstrahlen, auch wenn viele von ihnen um ihre Existenz bangen.

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Ich schäme mich für meine Gedanken dem Jogger gegenüber. Wenige Sekunden später überholt mich ein weiterer Läufer und streift dabei meinen Arm. Ich kann seinen Atem spüren. Das darf doch nicht wahr sein!

Nirgends gibt es Ruhe

Ich möchte abbiegen und in eine ruhige Seitenstraße flüchten. Das Problem: Es gibt hier zwar Seitenstraßen, aber keine Ruhe. Nirgends. Egal, in welche Himmelsrichtung ich mich bewege, ich kann keine 30 Sekunden gehen, ohne an jemandem vorbeizukommen. Oder besser gesagt: mich an jemandem vorbeizudrücken. In den umliegenden Parks, die zwar so heißen, in Wahrheit aber nur bessere Grünflächen sind, ist so viel los wie im Hochsommer vor der Strandperle. Nur ist das hier kein Ausflugsziel wie die Elbe oder die Alster, das man meiden könnte. Wir wohnen hier alle und wissen nicht, wohin mit uns.

Wenn die Menschen um den kleinen Eimsbüttler Weiher wenigstens auch nur in eine Richtung laufen dürften. Doch von überall kommt jemand auf mich zu. Können die keinen Abstand halten, oder wollen sie gar nicht? Ich beschließe, umzukehren, aber vorher müssen wir noch über die Ampel. Die Rotphase dauert eine Ewigkeit, um den Kinderwagen herum sammeln sich immer mehr Menschen. Ich fühle mich umzingelt.

Bin ich schon paranoid?

Dichtestress wegen zu vieler Individuen pro Fläche

Dabei ist es gar nicht nur die Sorge, mich anzustecken. Es ist vor allem so, dass mir zum ersten Mal bewusst wird, dass hier überall Menschen sind. Seit Wochen wird uns eingebläut, wir sollen uns von anderen fernhalten – doch das ist hier einfach nicht möglich. Und das beschäftigt einen. Jeder, der mir entgegenkommt, erinnert mich daran, dass es Corona gibt. Ich kann den Menschen nicht ausweichen – und damit auch nicht der Sorge vor dem Virus.

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Plötzlich habe ich Dichtestress. Der Begriff stammt aus der Biologie und bezeichnet eine psychische Belastung durch zu viele Individuen pro Fläche. Zusammengepferchte Tiere reagieren beispielsweise, in dem sie Stresshormone ausschütten und sich für Kampf und Flucht wappnen. Manche werden apathisch, andere aggressiv. Kennt man aus der Massentierhaltung. Was es mit Menschen macht, wenn der Dichtestress noch durch ein Virus potenziert wird, dazu gibt es noch keine Studien. Aus meinen Feldversuchen kann ich allerdings sagen: Die Forscher würden mit Sicherheit Alarm schlagen.

Keiner kann flüchten

Dabei mag ich meine Mitmenschen doch. Sie haben mir nichts getan. Sie sind halt einfach nur alle da. Genauso wie ich auch, meine Familie ist ja selbst Teil der Masse. Und keiner kann flüchten. Es ballt sich ja noch mehr als sonst, weil niemand übers Wochenende wegfährt, im Urlaub ist, den ganzen Tag im Büro oder in der Schule. Gerade jetzt müssen wir gut miteinander auskommen. Ich lächle einem Passanten, der mir entgegenkommt, zu. Er grüßt zurück. Es ist ja eigentlich sehr nett hier. Trotzdem würde ich gerade lieber in der Einöde leben­.

Unsere früheren Nachbarn schicken eine Sprachnachricht. Sie sind vergangenes Jahr zurückgezogen in ihre Heimat, wohnen jetzt in einem Haus am Waldrand, man kann die Kinder im Hintergrund im Garten spielen hören. Natürlich sei Corona bei ihnen auch das zen­trale Thema, aber trotzdem sei es so weit weg. Sie müssten gerade viel an uns denken. Wie wir das denn so aushalten würden, dort in Hoheluft.

Eine Art Coronaalltag hat sich eingestellt

Die meisten halten es gut aus. Man könnte fast sagen, es hat sich eine Art Coronaalltag eingestellt. Vor den Cafés und Eisdielen herrscht Andrang wie eh und je, nur dass die Schlangen noch länger sind als sonst, weil die Wartenden etwas Luft lassen. Vor den geschlossenen Restaurants sitzen Menschen mit ihrem Take-away nebeneinander in der Sonne. Auf dem Isemarkt musste bereits der Ordnungsdienst anrücken, weil die Kunden sich vor den Ständen gedrängt haben. Ausgestorbene Straßen, keine Menschenseele weit und breit? In der Innenstadt vielleicht. Nicht hier.

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Ist das jetzt die einzig richtige Art, mit einer solchen Krise umzugehen? Weitermachen, den Rahmen des noch Erlaubten ausnutzen? Die Mitmenschen als Schicksalsgemeinschaft wertschätzen und nicht als wandelnde Bedrohung wahrnehmen? Oder haben diejenigen, die es keine zwei Wochen aushalten, ihr Bier ohne Gesellschaft zu trinken, und mit einem Pseudoabstand zueinander vor der Bar sitzen, den Ernst der Lage weiterhin nicht verstanden?

Verzicht auf soziale Kontakte

Die ganze Welt versucht sich im Social Distancing, verzichtet auf soziale Kontakte, außer am Telefon und beim Weinabend auf Skype. In Hoheluft kann man nicht vereinsamen, egal wie sehr man sich auch zurückzieht. Wer hier auf die Straße geht, trifft immer jemanden, den er kennt. Und es tut gut, sich weiterhin mit der Bekannten von schräg gegenüber auszutauschen, die wie selbstverständlich ihrerseits den Mindestabstand einhält, ohne dass dadurch Distanz entsteht. Der Mensch ist ein Herdentier, er hält es nicht lange alleine aus. Solche Begegnungen geben ihm Energie. Gleichzeitig kostet es so viel davon, ständig auf Ausweichmodus unterwegs zu sein und mit dem Kinderwagen eine permanente Schlangenlinie fahren zu müssen.

Denn längst nicht jeder nimmt so viel Rücksicht wie die Nachbarin von gegenüber. Immer wieder kommen Leute nur wenige Zentimeter an mir vorbei und versuchen nicht einmal wie ich, an den Rand zu gehen oder sich zumindest abzuwenden. Ich habe auch noch niemanden in die Armbeuge husten sehen.

Rückzug auf den Balkon

Rückzug auf den Balkon. Auch mit dieser Idee bin ich nicht alleine. Der Hinterhof ist ebenfalls voll, die Anordnung der Balkone garantiert gerade so den Mindestabstand. Ich kann mich mit der Dame von schräg unten beim Kaffee unterhalten und mich mit den Nachbarn von links und rechts gemeinsam darüber amüsieren, dass wir zur selben Zeit auf die Idee gekommen sind, endlich mal die Fenster zu putzen. Befreit durchatmen kann ich immer noch nicht. Jeder Schutzraum wirkt nach einer gewissen Zeit beklemmend. Auch wenn er nach Süden gerichtet ist.

Wenn wir wenigstens ein Auto hätten. Bislang haben wir nie eines gewollt und auch nicht gebraucht, von hier aus kommt man überall mit dem Rad oder der Bahn hin, ganz davon abgesehen, dass man in unserem Viertel ohnehin keinen Parkplatz findet. Aber wie schön wäre es jetzt, einfach das Kind einzuladen und an den Stadtrand zu fahren, in den Wald. Stattdessen fahren wir mit dem Rad so weit es geht, was von hier aus, mitten in der Stadt, nie weit genug ist, um Corona hinter sich zu lassen.

Informationen zum Coronavirus:

Also einfach mal einen Nachmittag drinnen bleiben. Ist die Wohnung eigentlich plötzlich kleiner geworden? Ich gehe mit meiner Tochter ans Fenster, sofort haben wir das Virus wieder vor Augen. Von unserem Wohnzimmer aus gucken wir auf den zentralen Spielplatz des Viertels. Normalerweise ist der rappelvoll, jetzt ist es die wohl größte Freifläche des Stadtteils. Keine Menschenseele weit und breit. Ich wünschte, dort wäre jetzt die Hölle los.

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