Fotografie

Corona: Fotografin zeigt Familien aus besonderem Blickwinkel

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Insa Gall
In der Coronaisolation braucht man viele gute Ideen zum Spielen.

In der Coronaisolation braucht man viele gute Ideen zum Spielen.

Foto: Mascha Brichta/Charakterfotos

Nachdem Mascha Brichta wegen der Coronakrise kaum noch Aufträge hatte, kam ihre die Idee einer ungewöhnliche Perspektive.

Hamburg.  Es sind Szenen, wie sie sich derzeit hinter vielen Hamburger Türen abspielen: Kinder, die nicht in die Schule oder die Kita gehen können, toben durch das Zimmer. Ein Paar füttert gemeinsam sein Baby. Drei Mädchen baden in der Küchenspüle ihre Barbiepuppen. Seit die Menschen wegen der Pandemie zu Hause bleiben sollen, ist das Familienleben auf eine überschaubare Zahl von Quadratmetern zusammengeschnurrt.

Die Hamburger Fotografin Mascha Brichta hat diese Momentaufnahmen aus den Zeiten von Corona in fast schon poetischen „Fensterbildern“ festgehalten – alltägliche Situationen, beobachtet durch die Fenster der Wohnungen. Etwas anderes ist schließlich angesichts des Kontaktverbots nicht möglich.

In der Corona-Krise kreativ sein

In der Krise muss man kreativ sein, ganz besonders, wenn man als freischaffende Fotografin tätig ist und einem die Aufträge wegbrechen. Und so hatte Mascha Brichta eine Idee. Die entstand, als ihre sechsjährige Tochter Emmi in ihrer Rahlstedter Siedlung nicht mehr mit den Nachbarskindern spielen konnte.

So trafen sie sich am Fenster und winkten sich zu. „Irgendwann habe ich angefangen zu fotografieren“, erzählt Mascha Brichta. „Und gemerkt, dass die Spiegelung des Fensters wunderschön ausdrückt, in welcher räumlichen Distanz wir derzeit leben — während gleichzeitig das Leben im Inneren weitergeht.“ Man ist auf ihren Bildern im Geschehen dabei, aber eben nicht ganz.

Die Fotografin will die Ausnahmesituation der Corona-Pandemie festhalten

Die 49-Jährige liebt es seit langem, Familienleben zu dokumentieren — „auch das Chaos, die ungeplanten Momente, weil darin viel Schönheit liegt“. Später würden sich die Menschen an die heutige Zeit dieses nie dagelegenen Kontaktverbots erinnern.

Die eigene Erinnerung der Fotografin ist sehr mit Bildern verbunden. „Und wenn man sich mit meinen Fotos daran erinnern kann, wie sich das Leben in der Distanz angefühlt hat, dann kann man das auch noch seinen Enkeln zeigen“, sagt Mascha Brichta. Sie will die Ausnahme-Lebenssituation festhalten.

Aufträge sind weggebrochen - da hatte die 49-Jährige die Idee

Daneben geht es ihr aber auch um die eigene wirtschaftliche Existenz. Der Fotografin, die ihren Doktortitel in Medien- und Kommunikationswissenschaften in London gemacht und danach als Dozentin an der Universität arbeitete, bevor sie sich vor elf Jahren selbstständig machte, brechen derzeit die Aufträge weg.

Üblicherweise schießt sie viele Familienporträts und fotografiert Hochzeiten, doch das geht derzeit nicht. Am Wochenende wäre ein Designmarkt gewesen, auf dem sie eine neue Bildercharge ihrer Treibholzkunst — in Treibholz gerahmte Fotos — hätte verkaufen wollen. Alles abgesagt. „Da musste ich kreativ werden“, sagt sie. Brichta hat auch die Notfallfonds für Solo-Selbstständige auf der Rechnung. „Doch schöner wäre es, ohne auszukommen — da gibt es sicherlich Menschen, die die Unterstützung dringender brauchen“, sagt sie.

Ihr Mann ist ebenfalls selbstständig als IT-Fachmann tätig. Es gebe noch Rücklagen, die Familie ist nicht in einer Notsituation. „Aber irgendwann wird es brenzlig.“ Deshalb bietet sie die Familienporträts durch das Fenster nun nicht mehr nur Bekannten und Nachbarn, sondern auch anderen an, für 150 bis 200 Euro pro digitalen Satz von rund 30 Fotos. Einzige, der Natur der Sache geschuldete Einschränkung: Die Familien, die sie fotografiert, müssen in einem Haus oder im Erdgeschoss einer Wohnung leben.

Die Fototechnik ist manchmal eine Herausforderung

Ohnehin ist die Fototechnik eine andere als sonst bei ihren Familienporträts — und manchmal „eine handwerkliche Herausforderung“, wie sie sagt. So gibt es weniger Perspektiven und Blickwinkel, sie sind durch den Schuss durchs Fenster vorgegeben. Zudem ist es schwieriger als sonst, Regieanweisungen zu geben. „Meist sprechen wir uns während des Shootings über das Telefon oder WhatsApp-Nachrichten ab“, erzählt die 49-Jährige. Am liebsten aber möchte sie den ungestellten Alltag dokumentieren, wenn alle ihr Ding machen: kochen, toben, spielen.

„Es ist aber auch schon vorgekommen, dass ich während eines Shootings draußen vor dem Fenster einmal laut gebrüllt habe. Dann haben alle hergeschaut. „Das ist ein tolles Foto geworden.“ Auch ein klassisches Familienbild sei möglich. Ihre Homepage nennt sie www.charakterfotos.de, ihre E-Mail-adresse lautet info@charakterfotos.de.

Vor einigen Monaten ist Brichta mit ihrem „fröhlichen Patchworkclan“, zu dem neben Mann und Tochter auch drei große Brüder gehören, von einer Wohnung in Ottensen in das Reihenhaus in der Rahlstedter Siedlung gezogen — eine ziemliche Umstellung. Jetzt in der Krise ist sie froh über den Platz und den Garten. „Und auf die Idee mit den Fensterbildern wäre ich in Ottensen auch nicht gekommen.“

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