Pandemie

Corona – drei schlechte Nachrichten für Hamburg

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Andreas Dey, Ulf-Peter Busse und Peter Wenig
Das neue Testzentrum Bergedorf ist gestartet

Das neue Testzentrum Bergedorf ist gestartet

Foto: Christina Rückert

Es gibt deutlich mehr Infizierte und Intensivpatienten, zudem zwei weitere Tote. Aber: Testzentrum in Bergedorf ist gestartet.

Hamburg.  Seit Tagen warnt Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) davor, die Beschränkungen in der Coronakrise zu früh wieder aufzuheben oder nur über Zeitpunkte zu spekulieren – obwohl sich zumindest die Zahl der Neuinfektionen in Hamburg teilweise erfreulich entwickelt hatte. Am Freitag wurde er in dieser vorsichtigen Haltung bestätigt, denn an dem Tag gab es gleich drei schlechte Nachrichten.

Erstens: 182 weitere Fälle von Erkrankungen mit Covid-19 bedeuteten den dritthöchsten Tageswert seit Ausbruch der Epidemie. Relativ gesehen lag der Anstieg zwar „nur“ bei 7,1 Prozent auf nunmehr insgesamt 2739 bestätigte Fälle. Dabei muss allerdings stets beachtet werden, dass dies nur das Ergebnis der gezielten Tests ist – wie viele Hamburger darüber hinaus mit dem Corona-virus infiziert sind, ohne es zu wissen und ohne dass die Behörden davon wissen, darüber kann nur spekuliert werden.

Unterschiedliche Zahlen der Corona-Toten

Zweite schlechte Nachricht: Nach Mitteilung des Senats befanden sich am Freitag bereits 195 Personen mit Wohnort Hamburg (plus einige weitere aus dem Umland) in stationärer Behandlung – zwölf mehr als am Vortrag. 55 Personen mussten sogar intensivmedizinisch betreut werden – elf mehr als am Donnerstag, ein Anstieg um 25 Prozent.

Dritte schlechte Nachricht: Mindestens zwei weitere Hamburger sind an den Folgen von Covid-19 gestorben. Die Zahlen gehen wie üblich auseinander: Nach den Angaben des bundesweit führenden Robert-Koch-Instituts (RKI) sind in der Hansestadt inzwischen 16 Personen verstorben. Der Senat, der alle verstorbenen (und ans RKI gemeldeten) Coronapatienten obduzieren lässt, spricht dagegen von 13 Personen, bei denen das Virus „todesursächlich“ war. Mit anderen Worten: Bei den drei weiteren war das entweder nicht der Fall, oder es ist noch nicht abschließend geklärt.

Ein Lichtblick

Immerhin ein Lichtblick: Die Gesundheitsbehörde schätzt die Zahl derjenigen Hamburger, die die Erkrankung bereits überstanden haben, mittlerweile auf rund 1250 – 250 mehr als am Vortag. Demnach wären erneut an einem Tag mehr Menschen genesen, als Neuinfektionen entdeckt wurden.

Bürgermeister verlängert Corona-Verbote in Hamburg

Unterdessen hat der Senat betont, dass er sich an einer Bonuszahlung für Pflegekräfte in Höhe von 1500 Euro finanziell beteiligen würde. Die 30.000 Hamburger Pflegekräfte würden derzeit „unter schwierigsten Bedingungen und großem Einsatz ihren Dienst auf Krankenhausstationen, in Pflegeheimen sowie bei der häuslichen Pflege tun und sowieso zu wenig verdienen“, sagte Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD). „Für sie sollte es nicht nur Beifall, sondern auch eine finanzielle Anerkennung in Form eines Bonus von 1500 Euro geben.“

Unzufriedenheit auch im Pflegesektor

Die Stadt garantiere bis zu dieser Höhe die Zahlung jedes Euros, der nicht von den Arbeitgebern selbst, den Sozialversicherungen oder über ein Bundesprogramm finanziert werde. Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) sagte, ihm sei wichtig, zunächst Arbeitgeber und Pflegekassen in die Pflicht zu nehmen, bevor die Stadt „als Ultima Ratio“ einspringe. Außerdem müsse der Bonus steuerfrei sein.

Coronavirus: Erste Hamburger wegen Verstößen festgesetzt

Die Belastung und Unzufriedenheit auch im Pflegesektor hat am Freitag die Hamburger Krankenhausbewegung zum Ausdruck gebracht. In einem offenen Brief an Bürgermeister Tschentscher beklagt die Organisation, in der Beschäftigte aller Berufsgruppen aus zwölf Kliniken der Hansestadt organisiert sind, dass viel zu viel über die Aufstockung der Zahl von Intensivbetten geredet werde: „Technik alleine versorgt keine Menschen. Die Krise trifft auf absoluten Personalmangel in allen Bereichen, der schon im Normalzustand zu gefährlichen Situationen führt.“

Appell an Tschentscher

In einer Video-Pressekonferenz berichteten zwei Intensivkrankenpflegekräfte aus ihrem Alltag. „Wir fühlen uns alleingelassen“, sagte eine Pflegerin. Der Personalmangel führe auf den Covid-19-Stationen schon jetzt dazu, dass zu wenig Zeit für Pausen sei. „Wenn wir etwas trinken wollen, müssen wir auf Ablösung warten, da wir dafür unsere Masken abnehmen müssen.“ Zudem sei die Verteilung von Schutzkleidung chaotisch: „Selbst Asklepios Kliniken konkurrieren untereinander.“

Die Organisation appellierte an Tschentscher, dass die Stadt „unter Beteiligung von Beschäftigten aller Berufsgruppen aus den Krankenhäusern eine vollumfassende Koordinierung und Kontrolle des Gesundheitswesens übernehmen müsse“. Die Organisation in den Kliniken sei „in vielen Häusern mehr auf Gewinnmaximierung als auf fachlich sinnvolles Handeln zum Wohle der Patienten ausgerichtet“. Die Stadt müsse nun Krisenstäbe schaffen, die auch die Verteilung von Schutzkleidung koordinieren sollen. Die Krankenhausbewegung fordert zudem tägliche Tests bei allen Klinikbeschäftigten und Patienten: „Sie ermöglichen, dass wir bis zum Moment der Ansteckungsgefahr in unseren Teams arbeiten und dann mit entsprechenden Quarantänemaßnahmen unsere Umgebung schützen können.“

Kritische Lage bei Fördern und Wohnen

Kritisch wird die Lage auch bei Fördern und Wohnen (F&W): Das Unternehmen, in dessen Erstaufnahmeeinrichtungen und Wohnunterkünften rund 31.500 Geflüchtete und Wohnungslose leben, rechnet in seinem Pandemieplan mit einer Coronainfektionsrate von mindestens 20 Prozent – also 6300 Infizierten. Das geht aus Antworten der Sozialbehörde auf eine Anfrage der Linkspartei hervor. Demnach gab es Ende März in den F&W-Unterkünften bereits 273 Verdachtsfälle und 28 Infektionen. 37 der 120 Standorte waren betroffen.

Finanzsenator: So funktioniert der Hamburger Schutzschirm

„28 Infektionen klingt nach wenig, aber wir wissen ja um die rasante Ausbreitung“, sagte Carola Ensslen, Flüchtlings-Expertin der Linksfraktion in der Bürgerschaft. „Wenn jetzt schon ein Drittel der Standorte betroffen ist, sehe ich eine große Gefahr.“ Deshalb müsse die Unterbringung der Menschen umgehend vorbeugend entzerrt werden, um die Infektionsrate zu senken.

Erstes Hamburger Coronatestzentrum

Unterdessen hat am Freitag das erste Hamburger Coronatestzentrum in Bergedorf seinen Betrieb aufgenommen. Für zunächst drei Stunden am Nachmittag testete Hausarzt und Initiator Gregor Brinckmann mit seinem Praxisteam die ersten Verdachtsfälle auf einem Firmenparkplatz. Von Montag an soll es routinierter zugehen, unter anderem mit festem Dienstplan, der alle rund 70 Hausarztpraxen Bergedorfs einbezieht – als ehrenamtliche Testteams.

Informationen zum Coronavirus:

In dem Testzentrum werden ausschließlich Menschen auf das Coronavirus getestet, die eine Überweisung samt Datenschutzerklärung von ihrem Hausarzt vorweisen können. „Wer einfach so kommt, wird abgewiesen“, betont Brinck­mann, dem dafür auf dem Testgelände sogar die Polizei zur Seite steht. „Wir testen allein die Patienten, die von Bergedorfer Hausärzten oder dem Bethesda Krankenhaus als Verdachtsfälle eingestuft werden. Mehr geht aus Kapazitäts- und Abrechnungsgründen nicht.“

Alle Patienten müssen in einem Pkw vorfahren. Wer zu Fuß kommt, wird zurückgeschickt und auf den Arztnotruf 116 117 verwiesen. Dessen mobile Abstrichteams kommen nach Hause. Hintergrund: Im Testzentrum soll möglichst wenig der überall knappen Schutzkleidung verbraucht werden. Und das geht nur, wenn sich die Patienten unter ärztlicher Aufsicht im Auto selbst das Teststäbchen an den Rachen führen.

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