Corona

Quarantäne beendet: Der erste Tag zurück in Freiheit

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Elisabeth Jessen
Abendblatt-Redakteurin Elisabeth Jessen beim ersten Einkauf nach ihrer Coronainfektion – ein paar Frühlingsblüher müssen sein!

Abendblatt-Redakteurin Elisabeth Jessen beim ersten Einkauf nach ihrer Coronainfektion – ein paar Frühlingsblüher müssen sein!

Foto: Elisabeth Jessen

Abendblatt-Redakteurin Elisabeth Jessen und ihre Familie haben die Covid-19-Infektion endlich überstanden.

Hamburg.  Mein Leben fühlt sich an, als hätte ich eine schwierige Prüfung bestanden, auf die ich nicht ausreichend vorbereitet war. Und die viel früher angesetzt war als erwartet. Ich habe die Covid-19-Infektion überstanden – und mit mir meine Familie. Das kommt halt davon, wenn man Urlaub in einer Region gemacht hat, die sich hinterher als Risikogebiet herausstellt.

Nach fast drei Wochen häuslicher Isolierung und am Donnerstag vom Gesundheitsamt bestätigter Entisolierung war ich an diesem Freitag zum ersten Mal wieder draußen. Alle anderen konnten sich peu à peu an die Veränderungen und neuen Verordnungen gewöhnen, aber wenn man die zweite Märzhälfte sozusagen verpasst hat, ist der erste Einkauf ein wahres Abenteuer. Und ich muss zugeben, ich habe gleich beim ersten Laden versagt.

Neue Regeln im Supermarkt in Corona-Zeiten

Zum Supermarkt in meiner Niendorfer Nachbarschaft gehören ein Bäcker und ein Blumenladen. Ein Wachmann regelt dort jetzt den Zugang. Wenn jemand rauskommt, darf der nächste rein. Weil gerade niemand am Bäckereitresen direkt hinter dem Eingang stand, ging ich als Erstes dorthin und bestellte Brötchen. Sofort wurde ich von der Verkäuferin zurechtgewiesen – ich war zu nahe an die Theke getreten.

Denn es funktioniert jetzt so: Man steht hinter der Markierung und äußert seine Wünsche. Wenn man bezahlt, tritt man vor und legt das Geld hin. Dann tritt man zurück, um auf das Wechselgeld zu warten und nimmt sich danach seine Brötchen weg. Mit Karte zu bezahlen ist nicht möglich, aber es hat mich auch niemand gefragt, ob ich den Kassenbon möchte. Das erinnere ich anders.

Große Herausforderung

Danach bezahlte ich zwei Bellis-Töpfe im Blumenladen. Bargeld oder Karte – war der Verkäuferin beides recht. Aber es dürfen nie mehr als zwei Kunden in dem offenen Verkaufsraum sein. Darauf wird geachtet.

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Die große Herausforderung begann dann im Supermarkt – überall auf dem Boden kleben Markierungen, die als Abstandshalter fungieren sollen. Einer von zwei Pfandrückgabeautomaten ist gesperrt, damit sich die Kunden nicht zu nahe kommen. Wir hatten nach drei Wochen sehr viele Pfandflaschen. Vor dem Fleischtresen verläuft auch eine Markierung, damit man den Sicherheitsabstand zu den Verkäufern einhält.

Große Sorge der Menschen, sich anzustecken

Und so kurvt man mit seinem Einkaufswagen durch den weitläufigen Laden und hat dennoch immer Angst, man könnte anderen zu nahe kommen. Viele Kunden tragen Masken, manche zusätzlich Handschuhe. Wo sich sonst immer kleine Grüppchen bilden, weil man sich kennt im Stadtteil und eigentlich immer jemanden trifft, ist diesmal nur ein schnelles Aneinandervorbeischieben.

Angesichts dieser Veränderungen und der großen Sorge dieser Menschen, sich anzustecken, schwanke ich zwischen dem Gefühl, gleich in Tränen auszubrechen und gleichzeitig einem absoluten Hochgefühl, weil ich keine Angst mehr haben muss. Am liebsten würde ich allen zurufen: Ich hatte Corona, ich bin immun, vor mir müssen Sie sich nicht fürchten.

Endlich wieder etwas Normalität

Und außerdem würde ich sie gern trösten und sagen: Ja, diese Pandemie ist fürchterlich, aber man kann diese Krankheit überstehen. Wenn da nur nicht diese vielen schweren Verläufe wären, die es ja auch gibt, und die furchtbaren Bilder aus Italien, Spanien, den USA. Und den Mangel an Schutzausrüstung für Ärzte und Pflegepersonal. Und die vielen Menschen, die um ihre wirtschaftliche Existenz bangen.

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Trotz dieses Gefühlskarussells ist es auch schön, wieder seine gewohnten Dinge einzukaufen. Wochenlang wurden wir jetzt von Freunden und Nachbarn versorgt, denen man auf der Einkaufsliste ja keine Joghurtmarke vorschreibt oder eine bestimmte Sorte Birnen. Ob sie beim Discounter oder im Premium-Supermarkt einkaufen, konnten sie auch selbst entscheiden.

Sinne sind wieder weitgehend intakt

Und so haben wir viele neue Produkte ausprobiert – auch wenn wir nicht alle beurteilen konnten, weil drei Familienmitglieder zwischenzeitig Geruchs- und Geschmackssinn verloren hatten. Meine Freunde wissen, dass das für eine Genießerin wie mich die Höchststrafe war. Aber nun sind beide Sinne wieder weitgehend intakt.

Beim Drogeriemarkt bekam jeder Kunde einen Einkaufswagen mit frisch desinfizierter Griffstange in die Hand gedrückt. Ein gutes Gefühl! Und dort ergatterte ich auch Taschentücher-Boxen, die im Supermarkt sämtlich ausverkauft waren. Bei den Hamsterkäufen der vergangenen Wochen konnten wir ja nicht mitmachen, und so sind viele Vorräte aufgebraucht.

Dankbar für meine Familie

Nach 19 Tagen in häuslicher Quarantäne bin ich noch dankbarer für meine Familie, für Freunde und Nachbarn als davor. Für Lagerkoller hatten wir bis zum Schluss keine Zeit – irgendein Familienmitglied hatte ja immer gerade starke Symptome und bereitete einem Sorge. Ich bin heilfroh, dass wir unseren Sohn, der eigentlich im Süden der Republik studiert, überreden konnten, die Quarantäne in seinem Elternhaus zu verbringen statt in seinem WG-Zimmer. Es war schön, mal wieder längere Zeit zu viert zu sein – auch wenn für gemeinsame Spieleabende immer mindestens einer zu krank war. Aber es war dennoch geschenkte Zeit, die mit erwachsenen Kindern besonders wertvoll ist.

Nachbarn und Freunde fragten regelmäßig nach, am Telefon oder per WhatsApp, sie legten Kuchen oder Blumen vor die Tür und arbeiteten unsere Einkaufslisten ab. So viele boten sich an, dass wir die Belastungen gut verteilen konnten. Dafür haben sie bei mir alle auf ewig einen Stein im Brett. Ebenso wie die vielen Abendblatt-Leser, die mit ihren Mails viel Zuspruch vermittelten.

Stimmen der Kritiker waren schnell verstummt

Die Stimmen derer, die meinten, wir seien ja selbst schuld, denn wir hätten uns sehenden Auges in die Gefahr begeben, waren schnell verstummt. Tausende Hamburger waren wie wir in den Ferien im Skiurlaub in Österreich, in der Schweiz, zum Sonnetanken auf Mallorca, auf den Kanarischen Inseln oder sonst irgendwo in der Weltgeschichte unterwegs. Daran kann ich bis heute nichts Verwerfliches sehen.

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Wir brachten unseren Söhnen vor zehn Jahren das Skifahren nahe und lieben diese eine Woche im Schnee, die wir regelmäßig in meinem Heimatland Österreich verbringen. Als wir in diesem Jahr am 7. März in den Skiurlaub starteten, gab es in Hamburg 13 bestätigte Coronainfektionen. Tirol war noch kein Risikogebiet, die wenigen bestätigten Fälle, die es gab, hatten alle einen Zusammenhang mit Italien. Also fuhren wir los, desinfizierten uns auf der Zugfahrt regelmäßig die Hände und freuten uns auf das Skifahren mit unseren Kindern.

Jetzt ist die Prüfung geschafft

Die Sonne schien bei unserer Ankunft, der Himmel war blitzblau und Corona weit weg. Dachten wir jedenfalls, denn in unserem Skiort Serfaus und den Nachbargemeinden gab es bis zu unserer Abreise keinen einzigen bestätigten Fall. Allerdings waren wir nur 25 Kilometer vom Paznauntal mit dem Seuchenherd Ischgl entfernt. Die Skigebiete haben keine direkte Verbindung, aber so ein Virus lässt sich davon nicht abhalten.

Informationen zum Coronavirus:

Und so wurde das Thema Corona doch immer mehr zum bestimmenden Thema, als bekannt wurde, dass ein Barmann in Ischgl wohl Dutzende Menschen infiziert hat. Erst in der Nacht vor unserer Rückreise wurde Tirol als Risikogebiet eingestuft – zurück in Hamburg begaben wir uns sofort in freiwillige häusliche Quarantäne. Zum Glück, denn wir wurden Teil der Statistik, als es 414 Infizierte gab und trugen mit drei Fällen bei, als die Zahl auf 989 kletterte. Nun gibt es 2739 Infizierte (Stand Freitag), aber davon auch etwa 1250 Genesene. Und auch dazu zählen wir jetzt. Unsere Prüfung kam früh in dieser Pandemie, aber jetzt ist sie geschafft.

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