Porträt

Detlef Wutschik: Vom Handwerker zum Künstler

| Lesedauer: 10 Minuten
Peter Wenig
Ein Team: Detlef Wutschik und Werner Momsen.

Ein Team: Detlef Wutschik und Werner Momsen.

Foto: Andreas Laible

Schöpfer des Klappmauls Werner Momsen spielte schon als Kind Szenen aus Otto-Filmen nach. Beruflich ging er einen Umweg.

Hamburg. Hinter der Glastür der Kommode grüßen zwei Mainzelmännchen, ein Transistorradio steht auf dem Schränkchen. In der Ecke eine Stehlampe, ein betagter Zeitungsständer mit vergoldeten Griffen und eine Garderobe mit einem mächtigen Spiegel. Brauntöne im Look der 60er-Jahre dominieren das Reich von Werner Momsen.

Passt. „Ich bin ja als Rentner auf die Welt gekommen“, sagt Werner Momsen, dunkle Brille, zerzaustes Haar, Knollennase, mächtige Mundpartie. Seinem Schöpfer Detlef Wutschik gehört die andere Seite des Gartenhäuschens im Schatten des familiären Domizils. Zwei Schreibtische, Ablagekörbe, ein Regal, beladen mit Büchern und Aktenordnern. Hier bräsige Gemütlichkeit, dort harte Arbeit, größer könnten die Unterschiede kaum sein.

Detlef Wutschik teilt das Schicksal aller Künstler in diesen Coronawochen

Beide haben derzeit sehr viel Muße, die Frühlingssonne zu genießen. Zu viel Muße. Denn eigentlich wären sie viel lieber unterwegs. Doch Detlef Wutschik und das berühmteste deutsche Klappmaul namens Werner Momsen teilen das Schicksal aller Künstler in diesen Coronawochen.

„Das ist alles bitter“, sagt Detlef Wutschik (53). Aber er ist gesund, genau wie seine Frau, die als Speditionskauffrau arbeitet, und der zwölfjährige Sohn, der wie alle Schüler derzeit von daheim seine Hausaufgaben erledigt. Und auch Werner Momsen hat keine Beschwerden, obwohl er ja in seinem gesetzten Alter zur Hochrisikogruppe gehört.

Aber Klappmäulern aus Stoff kann Corona nun einmal nichts anhaben. Dass er in dem Duo den wichtigeren Part hat, daran lässt Werner Momsen nie einen Zweifel. „Ich bin sein Vorgesetzter“, doziert Werner Momsen gern und deutet mit seiner Plüsch-Tatze auf die in Schwarz verhüllte Figur, die ihn steuert. Erst ganz am Schluss des Programms, nach der letzten Nummer, streift Wutschik die Maske ab und genießt völlig verschwitzt den Applaus.

Er ist eine Rampensau

„Dabei bin ich eigentlich schon eine Rampensau“, sagt Wutschik. Schon im Kindergarten seiner Heimatstadt Achim bei Bremen spielte er Sketche mit Otto Waalkes und Szenen aus Louis-de-Funès-Filmen nach, genoss das Lachen der anderen Kinder und der Erzieherinnen. In der Schule spielte er in Theater-AGs mit („Ich war immer enttäuscht, wenn ich nicht die Hauptrolle bekam“), baute in der Oberstufe im Kunstunterricht seine ersten Marionetten. Alles nicht ungewöhnlich für eine spätere Künstlerkarriere.

Doch nach dem Abi der Bruch: Wutschik ging 1986 nicht auf die Bühne, sondern in Wohnungen, bewaffnet mit Pinsel, Farben und Tapeten. Er heuerte in dem kleinen Betrieb seines Vaters an, machte dort seine Ausbildung zum Maler und Lackierer. Nur eine Bedingung stellte er seinem Chef: „Ich brauche genügend Zeit, um im Bremer Theater Requisiten zu bauen.“ Zudem spielte er in der Achimer Speeldäl bei plattdeutschen Komödien und war stolz wie Bolle auf die ersten Gagen von 5 D-Mark pro Vorstellung.

Ein guter Handwerker

„Ich war ein guter Handwerker“, sagt Wutschik. Den Malerberuf habe er geschätzt: „Man sieht bei Feierabend, was man geschafft hat.“ Der Job kam auch seinem Sinn für Ordnung und Disziplin entgegen: „Ich kann es nicht leiden, wenn Fußleisten nicht vernünftig abgeklebt werden.“ Pfusch? Nicht mit ihm. Doch Wutschik lernte eben auch in seiner Ausbildung, dass sich sein Sinn für Qualität nur bedingt mit dem notwendigen Geschäftssinn vereinbaren ließ: „Handwerker nehmen grundsätzlich zu viele Aufträge an. Dies führt dann dazu, dass man die Kundenwünsche nie zu 100 Prozent erfüllen kann.“

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Wer ihn heute bei seinen Auftritten erlebt, spürt seine Leidenschaft für Kunst und Handwerk. 18 Monate schreibt er an einem Programm, feilt immer wieder an den Texten. Mit seinem Weggefährten Rolf Claussen – Musiker, Schauspieler und an der Seite von Stefan Gwildis und Joja Wendt einer der so erfolgreichen Söhne Hamburgs – probt er dann jede Bewegung, jede Geste. Aktuell (wenn nicht Corona wäre) zu besichtigen im Programm „Abenteuer Urlaub“, wo sich Werner Momsen Gedanken macht, wieso wir uns den ganzen Reisestress überhaupt antun.

Faszination für Puppen

Doch wie entstand eigentlich die Puppe? „Ich bin nicht aus einer Eizelle geschlüpft, sondern aus einem Schaumstoffblock geschnitten“, sagt Momsen über Momsen.

Dies ist dann doch, typisch Momsen, sehr verkürzt. Um die Faszination seines Schöpfers für Puppen zu begreifen, muss man noch einmal zurück in die 1990er-Jahre, als für eine Theaterversion des Ralf-König-Comics „Kondom des Grauens“ ein „schwuler Puppenspieler mit Führerschein“ gesucht wurde. Wutschik meldete sich auf die „taz“-Anzeige, spielte so überzeugend vor, dass er auch als Hetero verpflichtet wurde. Eineinhalb Jahre tourte das Ensemble mit dem irrwitzigen Stück um Killer-Kondome und Monster, die mit Säure spucken.

Im November geht Momsen zum „Bergdoktor“

Nach dem „Kondom des Grauens“ zog es Wutschik ans Düsseldorfer Marionettentheater, parallel studierte er in Hamburg weiter für das Lehramt an Berufsschulen. Schließlich gründete er mit Jens Heidtmann die Gruppe „Männergestalten“. Und hier schlug vor 20 Jahren die Geburtsstunde von Werner Momsen, in der ersten Version noch ohne Beine. Der Name, sagt Wutschik, sei irgendwie entstanden, an den Historiker Theodor Mommsen (1817–1903) habe keiner gedacht.

Doch noch spielte Momsen nur eine Nebenrolle, das Potenzial des betagten Herrn entdeckte Wutschik erst in der Berufsschule für Holz, Farbe und Textil an der Richardstraße. Der angehende Lehrer sollte bei einem Festakt über schulische Ausbildung referieren. Detlef Wutschik übergab das Mikro an Werner Momsen. Der Auftritt begeisterte so sehr, dass Momsen fortan für Verabschiedungen verdienter Lehrkräfte und Bildungstagungen engagiert wurde. „In dieser Rolle konnte ich mir deutlich mehr Frechheiten erlauben“, sagt Wutschik. Ein paar Jahre verband er noch Klassenzimmer und Bühne, seit 2004 setzt er ganz auf die Kunst.

Zusammenarbeit mit dem NDR

Bereut, sagt er, habe er die Entscheidung nie: „Ich mache genau das, was ich immer machen wollte.“ Überregional profitiert er von seiner Zusammenarbeit mit dem NDR, alias Werner Momsen hat Wutschik Kurhäuser, Pferdemessen und Campingplätze inspiziert. Dazu kommen Engagements auf Kreuzfahrten, Kleinkunstbühnen wie Alma Hoppes Lustspielhaus und das Schmidt Theater schätzen ihn als Garanten für gefüllte Säle. Auch schreibt er Bücher wie „50 Dinge, die ein Norddeutscher wissen muss“ und spricht regelmäßig in der plattdeutschen Reihe „Hör mal’n beten to“.

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Andererseits zeigt Corona, dass auch ein exzellent gebuchter Künstler von heute auf morgen fast alle Engagements einbüßen kann, wenn Theater schließen müssen. „Aber ich habe keine Existenzängste“, sagt Wutschik, auch wenn er durch die entgangenen Vorstellungen einen fünfstelligen Geldbetrag einbüßt. Viel mehr Sorgen macht er sich um die Häuser seiner Gastspiele: „Sollte die Pause noch lange dauern, wird es für manche Theater sehr eng.“

Wutschik ist Optimist

Andererseits ist Wutschik Optimist, genau wie seine Puppe. Werner Momsen macht sich zwar Gedanken über alternde männliche Körperbehaarung („Die Menge bleibt gleich, sie kommt nur an unterschiedlichen Stellen wieder raus. Hier oben ist nix mehr, an anderen Stellen ist Dschungelcamp“), ist aber dennoch kleinen Flirts nie abgeneigt: „Zu Hause bin ich verheiratet. Aber Lisbeth muss ja auch nicht alles wissen.“

Am 1. November wird sich Momsen vom „Bergdoktor“ durchchecken lassen. Dann legt sich das norddeutsche Klappmaul auf die Couch von Hans Sigl, Hauptdarsteller der beliebten ZDF-Serie. Wutschik verspricht „Operationen am offenen Herzen zweier Rampensäue“.

Informationen zum Coronavirus:

Auch dann wird er erst am Schluss die Maske lupfen. Wutschik ist nicht böse, dass seine Puppe einen ungleich höheren Bekanntheitsgrad genießt als er selbst: „Das bedeutet für mich persönliche Freiheit.“ Als Werner Momsen dürfe er Dinge sagen, die „ich als sehr höflicher Mensch niemals sagen würde“. Und in der Tat: Wer Wutschik triff, erlebt einen freundlichen, bescheidenen Künstler, der sich für soziale Zwecke engagiert, etwa für die Stiftung Alsterdorf.

3 Fragen

  • 1 Welches ist Ihr wichtigstes persönliches Ziel in den nächsten drei Jahren? Dass ich meine Neugier nicht verliere und die Chancen, die mir geboten werden, nutze.
  • 2 Was wollen Sie in den nächsten drei Jahren beruflich erreichen? Ich möchte einen Podcast mit der Evangelischen Stiftung Alsterdorf entwickeln und weiter gute Themen für meine Geschichten finden.
  • 3 Was wünschen Sie sich für Hamburg in den nächsten drei Jahren? Dass die Lebensqualität dieser Stadt nicht ständig an der Attraktivität für Touristen gemessen wird, sondern vermehrt für die Menschen, die hier wohnen.

Wie körperlich herausfordernd die zweistündigen Vorstellungen sind, ist zu erahnen, wenn man den sieben Kilo schweren Klappmaul mal in die Hand nimmt. Und doch hält Wutschik den offiziellen Weltrekord in der Disziplin „Marathon mit einer Handpuppe über fünf Kilo“ in vier Stunden und 31 Minuten.

Bleibt am Ende die eine Frage: Was sagt eigentlich Werner Momsen zu Corona? Da hält sich selbst ein Klappmaul bedeckt: „Zu diesem Thema sind eigentlich alle Sprüche schon gemacht. Für mich werden sowieso eher Stoffwechselerkrankungen zum Problem.“

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