Coronapandemie

Gestrandete Hamburger: Wenn das Paradies zur Falle wird

Gefangen im Paradies: der Hamburger Rechtsanwalt Henning Oberbeck und die Kieler Ärztin Charlotte Aldinger auf ihrer Segelyacht „Björkö“. Wegen der Coronakrise dürfen sie Guadeloupe derzeit nicht verlassen.

Gefangen im Paradies: der Hamburger Rechtsanwalt Henning Oberbeck und die Kieler Ärztin Charlotte Aldinger auf ihrer Segelyacht „Björkö“. Wegen der Coronakrise dürfen sie Guadeloupe derzeit nicht verlassen.

Foto: Privat

Noch immer warten Touristen auf ihre Heimkehr. Auch für Menschen aus der Hansestadt wurde der Urlaub zu einem schlechten Traum.

Hamburg/Guadeloupe/Cusco/Blenheim. Fieberhaft arbeiten 50 Mitarbeiter im Krisenzentrum des Auswärtigen Amts im Schichtdienst rund um die Uhr an der Operation „Luftbrücke“. Rund 160.000 Touristen hat das Amt inzwischen wieder nach Deutschland geholt, rund 40.000 hoffen noch auf ihre Heimkehr – viele harren auf Flughäfen aus.

Wenn das Paradies in der Karibik zur Falle wird

28 Grad im Schatten, blauer Himmel, sanft kräuselnde Wellen – die Karibikinsel Guadeloupe ist in diesen Tagen, man kann es nicht anders sagen, ein Paradies. Und doch können Charlotte Aldinger (28) und Henning Oberbeck (33) auf ihrer Yacht „Björkö“ die Sonne am Hafen von Le Gosier nicht wirklich genießen. Die Kieler Ärztin und der Hamburger Rechtsanwalt, der die vergangenen Jahre in London arbeitete, erleben ein Paradies unter Quarantäne-Bedingungen.

„Den Umständen entsprechend geht es uns gut“, sagt Oberbeck. Das ist ihm wichtig angesichts der düsteren Nachrichten aus der Heimat, die ihn über das Internet erreichen. Und doch beschäftigt sich das Paar intensiv mit der Rückkehr in die Heimat. Aber derzeit darf die „Björkö“ nicht einmal zu einem anderen Hafen auf Guadeloupe aufbrechen.

Die Inselgruppe zählt zum französischen Hoheitsgebiet, damit gilt die von Präsident Emmanuel Macron verordnete strikte Ausgangssperre auch hier: Erlaubt ist nur der Weg zur Arbeit, zum Einkaufen und zum Arzt, ansonsten ist noch Joggen oder Spazierengehen im Umkreis von einem Kilometer des Wohnortes gestattet – täglich maximal eine Stunde lang. „Streng genommen dürften wir nicht einmal vom Boot ins Meer springen“ sagt Oberbeck. Zum Glück würde die Marine, die regelmäßig mit Booten und Hubschraubern pa­trouilliert, ein kurzes Bad im Atlantik tolerieren. Neben Internet und Büchern sorgt noch der tägliche „Dingi-Klönschnack“ für Abwechslung, ein Plausch mit den ebenfalls in der Karibik gestrandeten Seglern von Beiboot zu Beiboot.

Doch auch dann kreisen die Gespräche fast nur um das eine Thema: Wie kommen wir wieder nach Hause? Diese Sorge haben die Segler angesichts der vielen Touristen, die noch im Ausland feststecken, keineswegs exklusiv. Ihr spezielles Problem: Selbst wenn eine Luftbrücke für sie eingerichtet würde – wohin mit den Booten? Sie in dem karibischen Hafen vorerst zurückzulassen ist keine Option. Denn die Hurrikan-Saison naht. Und zumindest Le Gosier bietet keinen Liegeplatz, der bei einem schweren Sturm wirklich sicher wäre.

Als das Paar am 15. September vergangenen Jahres in Kiel in das Abenteuer seines Lebens startete, war Corona allein eine Biermarke. Dabei blieb es auch in den ersten Monaten des Törns über die Niederlande, Frankreich, England, Spanien, Portugal und die Kanaren. Und selbst Ende Januar auf Barbados in der östlichen Karibik galt Corona in erster Linie als eine Gefahr für China. Erst während der karibischen Inseltour von den Grenadinen über Martinique nach Guadeloupe verschärfte sich die Nachrichtenlage von Tag zu Tag.

Durch drohende Hurrikans steigt der Zeitdruck

Und nun? Das Paar hält an seinem Plan, auf der „Björkö“ zurückzukehren, fest. Es gibt inzwischen auch die Idee, den anspruchsvollen Törn im größeren Verbund mit mehreren Yachten anzutreten. „Aber wir brauchen Häfen, die wir anlaufen können“, sagt Oberbeck. Etwa auf den Azoren, Madeira und den Kanaren. In einer Petition an das Auswärtige Amt bitten Langfahrtsegler, dass dort Nothäfen eingerichtet werden. Immerhin sind die beiden Norddeutschen so erfahren, dass sie den Atlantik-Törn ohne Unterstützung schaffen. Andere Schiffseigner, die zum Teil mit Kindern unterwegs sind, wollten ihre Crews einfliegen lassen, was nun auch unmöglich ist.

Zudem steigt der Zeitdruck angesichts ab Juni drohenden Hurrikans in der Karibik. Die Angehörigen in der Heimat bangen. „Aber denen haben wir mit unserer Reise sowieso viel zugemutet“, sagt Oberbeck am Ende des Telefonats. Und bittet dann noch: „Machen Sie daraus bloß kein Drama. Für viele andere ist Corona viel, viel schlimmer.“ Peter Wenig


Peru: "Als sei man eine Aussätzige oder ein Schwerverbrecher"

Alles, was Jennifer Cordes aus Winterhude in diesen Tagen sieht, ist ihr Hotelzimmer sowie die leere Straße vor ihrem Hotel im peruanischen Cusco. Der Raum ist groß, hat zwei Betten – und doch ist es trostlos. Denn die 44-Jährige darf ihr Zimmer nicht verlassen. Ihr Essen wird vor die Tür gestellt, den Abwasch erledigt sie im Badezimmer. „Die Angestellten trauen sich nicht rein“, sagt sie. Wie eine Aussätzige fühle sie sich, so groß sei die Angst der Einheimischen vor Corona. „Die Schuld an der Pandemie geben sie uns Europäern“, sagt Jennifer Cordes dem Abendblatt am Telefon.

Seit vier Monaten reist sie durch Südamerika, ein Sabbatical sollte es werden, das Abenteuer ihres Lebens. Und es war ja auch eine schöne Reise. Auch in Peru. „Ich war super verliebt in das Land. Es ist wunderschön, man kann unheimlich viel sehen und erleben.“

Bis zur Coronakrise.

Seit dem 15. März, als die Regierung den Notstand ausrief, sitzt Jennifer Cordes in Peru fest. „Am Abend hörten wir vom Notstand. Schon am nächsten Tag konnten wir nirgendwo hin reisen.“ An einen Rückflug nach Deutschland war und ist nicht zu denken.

Es fühlt sich an wie in einem schlechten Traum

Jennifer hat schlaflose Nächte und ist verzweifelt, weil dieser Zustand nun schon fast drei Wochen andauert: „Ich denke immer, das ist ein schlechter Traum. Alles ist so surreal.“

Zu Beginn des Notstands wurde sie in einem Hostel untergebracht. Weil dort angeblich bei zwei Touristen Corona festgestellt wurde, wurden Jennifer und die anderen Gäste am 22. März unter Quarantäne gestellt. „Straßen und Menschen werden hier desinfiziert. Wir wurden mitsamt unseren Klamotten einfach abgesprüht, auch unser Gepäck.“ Jennifer Cordes vermutet, dass in dem Mittel Chlor war, da die Aktion ihre Kleidung ruinierte. Am 29. März wurden sie und andere Europäer über Nacht vom Hostel in ein Hotel umquartiert mit absolutem Kontakt- und Ausgangsverbot. „Das war eine Nacht-und-Nebel-Aktion, wir wussten gar nicht, was los war.“

Notstand im peruanischen Cusco
Notstand im peruanischen Cusco

Isoliert verbringt sie nun ihre Tage in ihrem Zimmer. Ein Viersternehotel zwar, aber davon spürt die Hamburgerin nichts. Per Smartphone hält sie Kontakt zu Freunden und Familie, liest Nachrichten, versucht den Tag rumzukriegen. „Ich habe mir Sportapps runtergeladen, um fit zu bleiben.“ Sie freut sich über jeden Anruf. Das Unsichere, das Eingesperrtsein geht an die Substanz.

„Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Es gibt keine Informationen. Das hat mich sehr erschreckt.“ Es fühle sich an wie in einem schlechten Film, „als sei man ein Schwerverbrecher“. Sie hat Kontakt zur Generalkonsulin in Cusco. Eine Delegation der Deutschen Botschaft kam aus Lima ins Hotel. Gebracht hat es nichts.

Die Regierungserklärung von Bürgermeister Tschentscher

Wer unter Quarantäne steht, darf das Land laut peruanischem Gesetz nicht verlassen. „Also bin ich in diesem Zimmer gefangen, meiner Freiheit beraubt. Und ich wurde noch nicht einmal auf Corona untersucht.“ Auf einen baldigen Rückflug darf sie kaum hoffen. Am Donnerstag flog zwar eine Maschine nach Frankfurt. „Wir Deutschen sind nicht mitgekommen, dafür Schweizer.“ Sie versteht nicht, dass Deutschland es nicht schafft, sie und die anderen rauszuholen. „Das ist wie ein Schlag ins Gesicht.“ Vom Auswärtigen Amt ist sie enttäuscht. Touristen aus Mexiko, England, Israel seien innerhalb von drei Tagen aus dem Hostel abgeholt worden und schon wieder daheim. Auch amerikanische und argentinische Gäste konnten dank ihrer Botschaften in ihre Heimat fliegen. „Nur wir schaffen es nicht. Das ist echt eine Farce.“ Im Auswärtigen Amt, wo die Rückholaktionen koordiniert werden, gilt Peru als schwieriger Verhandlungspartner. Laut „El Peruano“ werden Soldaten und Polizisten nicht strafrechtlich verfolgt, wenn Menschen bei Kontrollen der Ausgangssperre sterben. Geneviève Wood


Neuseeland: "Man kann bestimmt auch verzweifeln"

Für Anton ist es 2.42 Uhr in der Nacht, als wir uns das erste Mal über WhatsApp hören. In den darauffolgenden 45 Minuten sollen sieben mehr oder weniger stabile Telefonate folgen. Denn das WLAN im „Blenheim Backpackers“ ist wackelig. Äußerst wackelig. Doch auch diese Hürde bringt Anton Rösler nach einem elfstündigen Arbeitstag nicht aus der Ruhe. Schließlich hat der junge Hamburger im Laufe seiner Work&Travel-Tour längst gelernt zu improvisieren. Im September begann der 19-Jährige mit dem Blankeneser Abi in der Tasche seine Weltreise in Südafrika. Sechs Wochen lang Pinguine aufziehen. Im November dann der Trip nach Neuseeland, Geld verdienen auf einer Himbeerplantage. Ein Knochenjob.

Nun also Blenheim, der Norden der neuseeländischen Südinsel. Anton und sein Schulfreund Frederik haben dort Arbeit in einer Muschelfabrik und Unterschlupf in einem Hostel gefunden. Und dürfen zu ihrem großen Glück jeweils bleiben. Anderen Arbeitern hat die Fa­brik wegen der Coronakrise gekündigt, auch Schlafstellen in Hostels oder auf Campingplätzen sind rares Gut.

Antons und Frederiks Pech: Wie rund 12.000 weitere Deutsche – so viele wie nirgendwo sonst – wissen auch die beiden Hamburger derzeit nicht, wann sie aus Neuseeland in ihre Heimat zurückkehren können. Am Sonnabend hatte Neuseeland die Rückholaktion der Bundesregierung überraschend ausgesetzt. Als Teil des landesweiten Reiseverbots. Zudem gelten strenge Ausgangsbeschränkungen. „Alle Deutschen wollen schnellstmöglich nach Hause“, sagt Anton, der viele Kontakte zu anderen Reisenden hält. Tausende haben eine Rückführungspetition unterzeichnet. „Für einige ist die Situation sehr unentspannt. Man kommt hier nicht weg.“ Er selbst hätte das Land gerne ausführlicher erkundet­. Aber die weitere Zukunfts­planung drängt. Bewerbungen auf Ausbildungs- oder Studienplätze gehen zu Hause eben leichter von der Hand.

Coronavirus: Erste Hamburger wegen Verstößen festgesetzt

Für seine eigene Rückführung hat Anton drei Eisen im Feuer. Er steht auf der Warteliste des Auswärtigen Amts, hat sich bei der von Deutschland beauftragten Fluggesellschaft Condor regis­triert und durch eine vorläufige Umbuchung auch seinen ursprünglichen Emirates-Flug noch im Rennen gehalten. Mit der Airline hätte er am 25. April nach Indonesien weiterfliegen wollen. Den Bali-Trip musste er wegen der dortigen Coronamaßnahmen früh abhaken. Der Flug wurde storniert, auch die umgebuchte Direktverbindung ist gecancelt. Immerhin: Das Problem anderer Deutscher, die auf eine Ticket-Erstattung warten müssen, hat Anton nicht.

Hostel lässt arbeitslose Reisende mietfrei wohnen

Auch deshalb gehen er und Frederik mit der Situation pragmatisch um. Gleichwohl spüren auch die beiden Freunde die Folgen der Coronakrise. In der Fabrik arbeiten und essen sie durch provisorische Wände getrennt, vor Dienstantritt wird Fieber gemessen. Neuseeland ist mit bislang rund 800 gemeldeten Covid-19-Infektionen vergleichsweise glimpflich davongekommen. Ob die beiden auch deshalb noch mit zwei weiteren Deutschen in einem Zimmer schlafen dürfen? Das Hostel lässt arbeitslose Reisende aktuell mietfrei wohnen, damit die Isolation gegeben ist. „Der Besitzer ist sehr entspannt“, erzählt Anton. Bei anderen Touristen liegen die Nerven schon blank „Ohne Arbeit, Unterkunft oder Aussicht auf einen Rückflug kann man bestimmt auch verzweifeln“, sagt Anton.

Am Donnerstag dann die plötzliche Kehrtwende der Regierung in Wellington und ein Hoffnungsschimmer für Tausende Gestrandete: Ab 6. April sollen die Rückführungen wieder anlaufen. Auch Anton hat sich daraufhin schnell in eine neu ausgegebene Liste eingetragen – und sagt: „Ich würde auf jeden Fall den nächstmöglichen Flug wahrnehmen.“ Auf Wartezeit stellt er sich dennoch ein: „Das wird eine ganze Weile dauern, bis alle zurück sind.“ Jakob Drechsler

Informationen zum Coronavirus: