Hamburg

Welt-Ärzte-Präsident Montgomery: "Pandemie heißt Chaos"

| Lesedauer: 7 Minuten
Christoph Rybarczyk
Hat leichte Hoffnung in der Krise um das Coronavirus und Covid-19: Prof. Dr. Frank Ulrich Frank Montgomery, Präsident des Weltärztebundes, Chair of Council World Medical Association (WMA) und 
President Standing Committee of European Doctors (CPME).

Hat leichte Hoffnung in der Krise um das Coronavirus und Covid-19: Prof. Dr. Frank Ulrich Frank Montgomery, Präsident des Weltärztebundes, Chair of Council World Medical Association (WMA) und President Standing Committee of European Doctors (CPME).

Foto: Andreas Laible

Coronavirus und Covid-19: Prof. Frank Ulrich Montgomery über Kontaktverbote, Exit-Strategien und wann die Krise vorbei sein kann.

Hamburg/Berlin. Die Corona-Pandemie hat in den USA für ein Chaos mit vielen Toten gesorgt. In Großbritannien sind bislang fast 3000 Menschen an Covid-19 gestorben. Premier Boris Johnson ist selbst erkrankt. In Deutschland scheint es bislang glimpflicher zu verlaufen. Der Präsident des Weltärztebundes, Professor Frank Ulrich Montgomery, spricht über die Gründe dafür und wie man jetzt aus der Krise herauskommen könnte.

Hamburger Abendblatt: Herr Prof. Montgomery, wir haben ein Infektionsschutzgesetz, Pandemiepläne und die Krankenhäuser proben mehrmals im Jahr den Ernstfall, also den Massenanfall von Patienten. Warum fällt uns in der Corona-Krise auf, dass wir nicht genügend Schutzmasken und Beatmungsgeräte haben?

Prof. Frank Ulrich Montgomery: Pandemie heißt Chaos. Zu glauben, dass ein Pandemieplan einfach so abgearbeitet werden kann, das wäre kindlich. Der Feldherr Clausewitz hat einmal gesagt: Angesichts der ersten Feindberührung ist jede Strategie Makulatur. Genau das ist hier passiert. Kein Mensch hat daran gedacht, dass bei globalen Lieferketten, bei globaler Auslagerung von Produktion plötzlich ein Mangel an Kitteln und so weiter auftritt.

Also haben wir alles richtig gemacht…

Montgomery: Im Kern hat unsere Pandemieplanung funktioniert, wenn ich mir die Zahlen ansehe. Wir haben die frühesten Vorbereitungen getroffen und am meisten von anderen gelernt. Aber ich garantiere Ihnen: Bei der nächsten Pandemie wird irgendetwas anderes daneben gehen...

Coronavirus: Schutzschirm für Krankenhäuser und Ärzte

Was brauchen die Krankenhäuser jetzt am dringendsten?

Montgomery: Die Krankenhäuser brauchen eine klare Zusage, dass alles, was sie machen, ihre finanzielle Stabilität nicht gefährdet. Das sind die Risiken, denen die Krankenhäuser in der Ökonomisierung ausgesetzt sind. Ansonsten brauchen die Krankenhäuser Beatmungsgeräte, Schutzanzüge und ausreichend qualifiziertes Personal.

Die Bundesregierung hat einen sogenannten Schutzschirm für die Krankenhäuser aufgespannt. Darunter würden Deutschlands niedergelassene Ärzte auch gerne schlüpfen. Denn vielen fehlen zurzeit die „normalen“ Patienten, die zu Routineuntersuchungen kommen. Auch Hamburger Praxen stehen vor dem finanziellen Ruin.

Montgomery: Mit Sicherheit brauchen die niedergelassenen Ärzte einen Schutzschirm. Die Kassenärztlichen Vereinigungen haben gesagt, sie werden die Liquidität der Ärzte gewährleisten. Das stellt sich allerdings beim Psychotherapeuten anders dar als beim Radiologen.

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Kann und soll man Niedergelassene verpflichten, im Krankenhaus mitzuhelfen?

Montgomery: So weit sind wir noch nicht. Minister Spahn hat versucht, das in das Gesetz hineinzubringen. Wir haben derzeit genügend Freiwillige, die in Krankenhäusern mitarbeiten wollen. Ich bin guter Dinge, dass wir das schaffen.

Prüfer-Storcks erklärt unterschiedliche Todesfall-Zahlen

Haben die Virologen recht, wenn sie sagen, die Welle der Erkrankten kommt jetzt erst? Ist das eine Ableitung aus der Empirie oder absichtliche Panikmache, damit Bürger und Politik endlich dem Expertenrat Glauben schenken?

Montgomery: Die Virologen sind bemüht der Panik den Stachel zu ziehen. Man kann relativ einfach berechnen, wie sich das Virus verhält. Jeder Infizierte steckt drei weitere Menschen an. Wir sind mit aller Kraft dabei, diese Zahl in Richtung 1,3 zu senken – aber um den Preis der Streckung. Das dauert alles länger. Wir haben also Hoffnung, die Corona-Krise mit den Kapazitäten unseres Gesundheitssystems zu bewältigen. Die Ärzte sagen mit Recht: Bleiben Sie zu Hause, und lassen Sie uns unsere Arbeit machen!

"Jeder muss sich mit dem Coronavirus auseinandersetzen"

Können wir die Maßnahmen zum Kontaktverbot bald lockern?

Montgomery: Nein. Jeder in der Bevölkerung wird sich am Ende mit dem Coronavirus auseinandersetzen müssen. Entweder er ist infiziert, war es und ist dann immun oder er profitiert davon, dass er bald geimpft werden kann. Wir brauchen klare Kriterien, wann wir die Kontakte wieder freigeben. Das Virus kennt keine Osterferien und keinen 19. April. Deshalb finde ich die Debatte um Wirtschaft oder Gesundheit, Geld oder Leben auch überflüssig.

Waren die politischen Maßnahmen zum Kontaktverbot richtig?

Montgomery: Wer die Menschen in Kontaktsperren schickt, muss sagen: Unter welchen Kriterien hebe ich das wieder auf? Was ist die Exit-Strategie? Wenn wir die Replikationsrate auf 1,5 bis 1,25 senken können, dann können wir irgendwann die Schulen wieder aufmachen und in der Wirtschaft wieder voll arbeiten.

"Ich werde meine Maske tragen"

Andersherum: Was wäre die nächste Eskalationsstufe, wann muss sie gezündet werden?

Montgomery. Im Moment reichen die verhängten Maßnahmen. Ich bin schwer beeindruckt, wie die Menschen sich daran halten: beim Einkaufen, beim Fahrradfahren, beim Joggen. Ich jedenfalls werde meine Maske tragen, wenn ich Richtung Bahnhof gehe. Ich habe noch fünf Masken in Reserve.

Tragen Sie die, um sich oder um andere zu schützen?

Montgomery: Es ist eine Mischung aus beidem. Ich bin wissentlich nicht infiziert. Aber ich war Anfang Dezember in Asien, vielleicht habe ich es längst gehabt, ich weiß es nicht. Aber wenn ich immun wäre, würde ich mich morgen in der Klinik melden und würde sagen: Ich bin immun, ich kann helfen.

Würde es Sie reizen wie Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher, der Arzt am UKE war, den Kittel wieder anzuziehen?

Montgomery: Ich bin ja Radiologe. Aber wenn Not am Mann wäre und ich helfen könnte – sofort! Hamburg ist zwar Spitze, wenn man sich die Infektionszahlen pro 100.000 Einwohner ansieht. Aber bei den Todeszahlen und den Kennziffern für die Menschen auf Intensivstationen sind wir richtig gut.

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Als Präsident des Weltärztebundes kennen Sie die globale Perspektive auf die Pandemie. Wie schaut man aus Asien, wie aus den USA, aus Italien auf Deutschland?

Montgomery: Überall, wo man den Blick auf die Krise verweigert hat, wo man den Kopf in den Sand steckte, da erleben wir eine Katastrophe. Überall, wo die Gesundheitswesen unter Druck gekommen sind, da rächen sich die Fehler der Vergangenheit. Großbritannien hat 4000 Intensivbetten, Italien 5000, Spanien 4400 – wir haben 28.000 und hoffentlich bis Ende nächster Woche 56.000. Mir gefällt, dass Deutschland sich innerhalb der EU solidarisch verhält und Patienten aus dem Ausland aufnimmt.

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