Corona in Hamburg

Radtour durch eine Stadt im Ausnahmezustand

| Lesedauer: 11 Minuten

Gerade jetzt sei Radfahren sinnvoll, sagen viele Experten. Was ein Abendblatt-Redakteur bei seiner Fahrt erlebte.

Hamburg. Auch in Zeiten von Corona gibt es nicht nur jede Menge Verbote, sondern auch Verhaltensweisen, zu denen ausdrücklich geraten wird. Fahrradfahren zum Beispiel. Viele Experten sehen darin derzeit das perfekte Fortbewegungsmittel – einerseits diene das Rad als natürlicher Abstandshalter, man komme anderen Menschen in der Regel nicht nahe.

Andererseits würden beim Radeln die Atmungsorgane gut belüftet und durchblutet: „Sie atmen intensiver, das heißt, Sie reinigen Ihre Lunge gut. Und das ist in punkto Virusprotektion optimal“, sagt zum Beispiel der Ulmer Pneumologe Michael Barczok vom Bundesverband der Pneumologen, Schlaf- und Beatmungsmediziner (BdV) dem „Spiegel“ und empfahl: „Das Fahrrad ist gerade jetzt auch aus diesem Grund ein sinnvolles Fortbewegungsmittel.“

Im Harburger Stadtpark herrscht normaler Betrieb

Das leuchtet ein. Also auf zu einer Radtour durch eine Stadt im Ausnahmezustand. Auf der B 4 / Winsener Straße in Sinstorf, im Süden der Hansestadt, fließt der Verkehr für einen Werktag-Vormittag mehr als gemächlich dahin, das sieht man als Radler gern. Auch im Harburger Stadtpark rund um den Außenmühlenteich herrscht normaler Betrieb, in einem Kleingarten kreischt eine Säge, die Enten lassen sich nicht stören. Aber die Trimmdich-Station am Midsommerland, an der sonst zu jeder absurden Zeit Betrieb ist, ist abgesperrt und verwaist. Die Jogger und Radfahrer, die sonst gern mal für ein paar Klimmzüge oder Rumpfbeugen anhalten, lassen sie links liegen.

Auf der Wilstorfer Straße, dieser Harburger Multi-Kulti-Meile, kommen mir drei Menschen entgegen, dahinter nochmal drei. Drei! Deren Beziehung scheint eher kultureller als familiärer Natur zu sein, also eigentlich verboten. Niemand stört sich daran.

Bagger und Radlader sind im Einsatz

Der Versuch, am Stamm-Fahrradladen kurz ein technisches Problem beheben zu lassen, scheitert: „Vorrübergehend geschlossen“, steht etwas holprig auf dem Zettel. Dabei dürfen Handwerksbetriebe doch öffnen – gehören Radgeschäfte, die ausschließlich Reparaturen anbieten, nicht dazu? Einen Steinwurf weiter, an der Hannoverschen Straße, dagegen Alltag: Auf der Straßenbaustelle wird gearbeitet, Bagger und Radlader sind im Einsatz – ein Bild, das sich in den nächsten Stunden noch häufiger zeigen wird.

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Über die Alte Elbbrücke geht’s Richtung Wilhelmsburg. Während aus einer Bauschlosserei vertraute Geräusche dringen, ist „Udo’s Imbiss“ am Pollhornbogen verrammelt. „Vorübergehend geschlossen“ meldet der beliebte Treffpunkt in diesem traditionellen Industriegebiet, der sonst Frühstück ab 5.30 Uhr und Mittagstisch ab 11 Uhr anbietet. Dazu der übliche Zusatz: „Bleibt gesund!“

Elbphilharmonie, ebenso geschlossen wie die Wurst-Bude

Hinter dem Haus, auf dem Pollhorndeich, kommt am Horizont eine andere Welt in Sicht, die dieser Tage aber das Imbiss-Schicksal teilt: die Elbphilharmonie, ebenso geschlossen wie die Wurst-Bude. Auf dem Schlengendeich, einem der schönsten Radwege Hamburgs mit Blick auf Reiherstieg und faszinierende historische Speichergebäude, ist nichts los. Nur ein einsamer Passant hat einen Blick für den kleinen Frachter, der vor dem Rethespeicher gelöscht wird.

Ganz anders an der Kreuzung Reiherstieg Hauptdeich / Neuhöfer Straße: An dem wichtigen Knotenpunkt im Hafen ist Betrieb wie eh und je, bei jeder Grünphase wälzen mehrere schwere Brummis und weitere Fahrzeuge über die Kreuzung – hier hält man als Radfahrer schon mal die Luft an. Wie war das mit der guten Belüftung der Lunge?

Überhaupt vermittelt der Hafen, der sich im Zuge der Coronakrise auf kräftige Umsatzeinbrüche einstellen muss, von der Landseite aus betrachtet noch ein Bild von Normalität. Am Neubau der Ernst-August-Schleuse wird gearbeitet, die Argentinienbrücke, die das ganze Hamburg-Panorama vom Michel bis zur Elbphilharmonie ausbreitet, erzittert wie eh und je unter dem Schwerlastverkehr, die Erneuerung der Hermann-Blohmstraße schreitet voran, und vor der Werft Blohm + Voss wehen Werks- und Hamburg-Fahne stolz im Wind, der Mitarbeiter-Parkplatz ist voll.

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Täuscht der Eindruck? Nein, sagt Verkehrsstaatsrat Andreas Rieckhof: „Grundsätzlich läuft auf unseren Baustellen das volle Programm weiter.“ Er habe zwar vereinzelt von Personalmangel gehört, möglicherweise auch corona-bedingt, doch dafür sei rund ein Drittel weniger Verkehr in der Stadt: „Handwerker und Baustellenfahrzeuge kommen viel besser durch.“ Abstandsregeln und andere Corona-Auflagen seien allerdings auch am Bau einzuhalten, sagte Rieckhof: „Was für Supermärkte gilt, gilt selbstverständlich auch auf Baustellen.“

Gähnende Leere

Dass dennoch nicht alles normal ist, zeigt „Odo’s Kaffeeklappe“: Wo sich sonst Hafenarbeiter und Passanten mit Snacks und Getränken versorgen, herrscht Tristesse. „Klose“ hat ein Scherzkeks mit Edding auf Odo’s Servicewagen geschrieben. Das gilt auch für den Kiosk „Brücke 10“ am Aussichtspunkt Alter Elbtunnel. Sechs Menschen – dreimal zwei, alles korrekt – genießen zwar den Ausblick auf Hamburgs Skyline und knipsen Selfies, aber auf „leckere Fischbrötchen“ müssen sie verzichten.

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Fast ein Novum für regelmäßige Nutzer dieses Radwegs: Den Fahrstuhl hinunter in den Tunnel habe ich für mich. Unten das gleiche Bild: Wo sich seit der Sperrung für Autos sonst Touristenscharen und Tausende Radfahrer täglich tummeln, herrscht nahezu gähnende Leere. Nur eine Radlerin fährt mit mir durch den Tunnel und in den Fahrstuhl nach oben – zum Glück sind die so dimensioniert, dass wir problemlos zwei Meter Abstand halten können.

Es gibt auch noch andere Sorgen als Corona

An den Landungsbrücken käme niemand auf die Idee, dass sie in normalen Zeiten der Touristen-Hotspot der Stadt sind. Hier und da sitzen ein oder zwei Menschen auf einer Bank in der Sonne, hin und wieder kommt eine Hadag-Fähre vorbei, aber die Elbe, sonst die unbestrittene Schlagader der Stadt, wirkt wie ein Stillleben. Der Kiosk, das Hardrock-Cafe, die Nippesläden – alles dicht. „Bleiben Sie gesund“ wünscht ein Zettel im Office von Barkassen-Meyer. Man vermisst das lautstarke Werben für „Grooße Haafn­rrrundfahrt“.

Vor der schwedischen Seemannskirche sitzt ein Clochard in der Sonne, neben sich eine prall gefüllte Aldi-Tasche, vor sich einen Plastikbecher, könnte besser gefüllt sein. Wenig los? „Alles gut“, sagt der Mann in gebrochenem Deutsch und deutet auf die Sonne. Es gibt auch noch andere Sorgen als Corona, Obdachlosigkeit zum Beispiel.

Ditmar-Koel-Straße im Würgegriff des Virus

Die Ditmar-Koel-Straße im Portugiesenviertel präsentiert sich dagegen vollständig im Würgegriff des Virus: Wo sich Restaurant an Restaurant reiht und bei schönem Wetter sonst kaum ein Tisch zu bekommen ist, ist nun tote Hose. Statt eines Hauchs von Porto weht Existenzangst durch die Gassen.

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Auf der Michel-Wiese, einem beliebten Treffpunkt für die Mittagspause, sitzen nur verstreut einige Menschen. Zwei sportliche junge Polizisten in gelben Westen schreiten den Hang zur Kirche hinauf, steigen in ihren Streifenwagen und fahren davon. Kurz darauf kommt ein einzelner Beamter vorbei, schaut sich mehrfach prüfend um: Irgendwo mehr als zwei Personen versammelt? Nein. Die Hamburger sind diszipliniert.

Der Michel hat geöffnet

Überraschung: Der Michel hat geöffnet. Zwar ist die Kasse nicht besetzt, auch Turm und Krypta sind geschlossen. Dafür kann man die barocke Pracht der Hauptkirche St. Michaelis mal ganz in Ruhe auf sich wirken lassen – nur eine einzige weitere Besucherin verliert sich in den Gängen. Ein merkwürdiges Gefühl: Dort, wo die Hamburger sonst dicht gedrängt zusammenkommen, um sich etwa von ihren Großen zu verabschieden – Helmut und Loki Schmidt, Siegfried Lenz oder zuletzt Jan Fedder – sorgt nun ein winzig kleines Virus für andächtige Stille. Nur der Gästeführer verharrt in seinem Kabuff. Er telefoniert, die Wortfetzen „sechs bis acht Wochen“, dringen heraus. Man ahnt, um was es geht.

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Draußen vor der Tür wird ein Versprechen gebrochen: „Jeden Tag von 12 bis 24 Uhr geöffnet“ wirbt der Old Commercial Room, eine Hamburger Institution. Unhaltbar dieser Tage. „Nach den Beschlüssen der Bundesregierung schließen wir unser Restaurant bis auf Weiteres“, steht auf einem Schild. Absender: „Butsche.“

Der Rathausplatz ist fast verwaist

Zurück aufs Rad. Entlang der vielspurigen Ludwig-Erhard-Straße radelt man selbst an so einem Tag nicht gern, so viel Verkehr ist schon noch. Also am Rödingsmarkt abbiegen Richtung Innenstadt. Am Großen Burstah eine Premiere: eine junge Frau mit Mundschutz, die erste an diesem Tag. Sind die Hamburger nun so gelassen oder so unvernünftig?

Am Rathausplatz ein Anblick, der Politikjournalisten wehtut: Nicht nur, dass der sonst so belebte Platz fast verwaist ist, auch das Rathaus ist für Besucher schon seit zwei Wochen geschlossen – „im Rahmen der Präventionsmaßnahmen zur Eindämmung des Corona­virus in Hamburg“, wie es auf dem Schild hinter dem schmiedeeisernen Tor heißt. Insider wissen zwar: Das Herz der Stadt schlägt gerade mit aller Kraft gegen die Krise an, aber es muss sich dabei selbst schützen.

Immerhin: Der Imbiss gegenüber, der damit wirbt, dass seine Currywurst „nicht nur bei Senatoren beliebt“ ist, hat geöffnet, der Döner-Mann nebenan auch. Leider sei kaum etwas los, sagt ein Imbissmitarbeiter. Den wenigen Kunden, die er noch hat, muss er Wurst und Pommes einpacken und mitgeben. So seien die Auflagen. Dass die Menschen dann fünf Meter weiter gehen und das Essen wieder auspacken? Achselzucken. Er würde einfach konsequent alles drei Wochen runterfahren, sagt der Mann ungefragt. „Dann sind wir durch damit.“

Schön wär’s ja.

( Andreas Dey )

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