Pandemie

Corona: Patienten mit anderen Krankheiten bleiben weg

| Lesedauer: 8 Minuten
Jens Meyer-Wellmann, Sophie Laufer, Vanessa Seifert, Geneviève Wood, André Zand-Vakili
Notaufnahme der Asklepios Klinik Altona (Archivbild).

Notaufnahme der Asklepios Klinik Altona (Archivbild).

Foto: Marcelo Hernandez

Kliniken und Praxen verzeichnen deutlichen Rückgang. Ärzte warnen vor Verschiebung wichtiger Behandlungen. Neue Todesfälle.

Hamburg. Von Entwarnung kann in Sachen Corona auch in Hamburg noch lange keine Rede sein. Das zeigten auch die Zahlen, die die Gesundheitsbehörde am Mittwoch vorlegte. Danach hat sich die Zahl der bekannten Neuinfektionen mit dem Virus gegenüber dem Dienstag beinahe verdoppelt. 147 neue Fälle gab es am Mittwoch, am Dienstag waren es nur 76 gewesen. Insgesamt sind jetzt 2437 Infizierte bekannt. 180 Hamburger wurden wegen Covid-19 mit Stand Mittwochmittag in Hamburger Kliniken stationär behandelt, 45 davon auf Intensivstationen.

Leider musste die Gesundheits­behörde am Mittwoch auch zwei weitere durch das Virus ausgelöste Todesfälle vermelden. Offizielle Angaben zu den Verstorbenen machte die Behörde nicht, es soll sich nach Abendblatt-Informationen um zwei ältere Herren um die 80 Jahre gehandelt haben. Zu Vorerkrankungen wurde nichts bekannt.

Acht Tote in Hamburg wegen Covid-19

Insgesamt sind damit laut Senat acht Menschen in Hamburg an Covid-19 gestorben. Das Robert-Koch-Institut (RKI) dagegen verzeichnete am Mittwoch bereits 14 Hamburger Todesfälle im Zusammenhang mit der Epidemie. Grund für den Unterschied laut Senat: Das RKI zählt alle Verstorbenen mit Coronainfektion – die Gesundheitsbehörde dagegen nur Menschen, die laut Obduktion direkt an der Infektion gestorben sind, für deren Tod also das Virus ursächlich gewesen ist. Um dies zu klären, würden alle Verdachtsfälle in der Rechtsmedizin obduziert, so Behördensprecher Dennis Krämer.

Immerhin gab es auch am Mittwoch positive Nachrichten zu Corona. So sind laut Senatsschätzungen bereits rund 860 Infizierte von der Erkrankung wieder genesen. „Demnach kann zurzeit von rund 1580 erkrankten Personen in Hamburg ausgegangen werden“, so die Behörde. Auch blieb der Anstieg der Infektionszahlen trotz der Erhöhung bei den Neuinfektionen mit 6,4 Prozent gegenüber dem Vortag noch immer auf dem zweitniedrigsten Stand seit Beginn der Epidemie in Hamburg Ende Februar.

Wandsbek ist die Infektions-Hochburg

Laut dem „Lagebild“ des Krisenstabs in der Innenbehörde vom Mittwoch, das dem Abendblatt vorliegt, gab es die meisten Infizierten mit Stand 1. April, 0 Uhr im Bezirk Wandsbek (535 Fälle), gefolgt von Nord (446), Eimsbüttel (442) und Altona (407). Mit einer Erkrankungsdichte von 126 Infizierten pro 100.000 Einwohnern ist Hamburg demnach zusammen mit Bayern das Bundesland mit der höchsten Corona-Belastung.

Im Städtevergleich liegt Hamburg auf Platz 2 nach München, wo sogar 180 von 100.000 Einwohnern infiziert sind. Es folgen Stuttgart (123), Köln (115) und Berlin mit 76 Infizierten auf 100.000 Einwohner. Die meisten Erkrankten gibt es in Hamburg laut Lagebild in den Altersgruppe zwischen 30 und 59 Jahren. In allen Gruppen sind mehr Infektionen von Männern als von Frauen bekannt.

Grote droht, Coronainfizierte in Gewahrsam zu nehmen

Ärzte des Klinikkonzerns Asklepios warnten unterdessen am Mittwoch davor, wegen der Coronakrise auf wichtige Operationen zu verzichten. „Bei allen sinnvollen Maßnahmen gegen die Coronainfektion dürfen wir nicht die anderen schwer erkrankten Patienten aus dem Blick verlieren“, sagte Prof. Stephan Willems, Chefarzt der Kardiologie der Asklepios Klinik St. Georg. „Herzinfarkte, Rhythmusstörungen mit hohem Risiko für einen Herzstillstand oder Schlaganfälle sind lebensbedrohliche Krankheiten, die eine sofortige Behandlung erfordern. Wer aus Angst vor einer Infektion eine dringend notwendige stationäre Behandlung vermeidet oder auch nur verzögert, bringt sich in große Gefahr.“

Notaufnahme: Deutlicher Rückgang der Patienten

Sara Sheikhzadeh, Chefärztin in den Asklepios Kliniken Harburg und St. Georg, sagte: „Wir beobachten seit etwa einer Woche einen deutlichen Rückgang der Patienten in den Notaufnahmen.“ Klar sei, dass viele Männer und Frauen mit weniger schlimmen Erkrankungen, sich jetzt die Fahrt in die Notaufnahme sparen würden. „Aber wir fragen uns schon, wo sind die Herzinfarkte, wo die Schlaganfälle?“

Dabei seien die einzelnen Kliniken gut auf den Ansturm, der erwartet werde, vorbereitet. „Wir sind so strukturiert, dass kein Mensch Angst haben muss, sich hier bei uns mit Corona anzustecken“, sagte die Notfallmedizinerin. Es gebe eine getrennte Aufnahme der Patienten. „Denn auch wir Ärzte und Pfleger müssen uns ja schützen.“ Die Notaufnahme sei nach wie vor gut gefüllt, „weil wir jeden beim kleinsten Verdacht isolieren und somit einige Zimmer für diese Verdachtsfälle belegt haben.“

Angst vor Corona

Auch dem medicum Hamburg, Europas größtem und ältestem Diabeteszen­trum mit mehr als 50.000 Patienten pro Jahr, bleiben dieser Tage vermehrt die Patienten fern. Denn auch gerade viele Diabetiker, die gemeinhin der Risikogruppe zugerechnet würden, scheuten es, in Zeiten der Coronapandemie eine Praxis aufzusuchen, so Matthias Riedl, Ärztlicher Direktor des Versorgungszentrums in St. Georg. „Dabei sind Diabetiker, sofern ihr Blutzucker gut eingestellt ist, gar nicht zwangsläufig gefährdeter als andere Menschen.“

UKE-Professor Michael Schulte-Markwort zur Coronakrise
UKE-Professor Michael Schulte-Markwort zur Coronakrise

Dennoch sagten viele Patienten ihre Termine ab, berichtet Internist Riedl, der einem bundesweiten Publikum als NDR-„Ernährungs-Doc“ bekannt ist. „Wir bieten natürlich auch telefonische Beratung und Video-Sprechstunden an, doch das Angebot nehmen höchstens 30 Prozent der Patienten wahr.“ Alle anderen sagten, sie kämen lieber wieder persönlich vorbei, „wenn alles vorbei ist, vielleicht im Juni“. Nur wisse man ja eben noch nicht, wie sich die Krise noch ausweite und wie lange sie anhalte, sagt der renommierte Mediziner, der das medicum seit 20 Jahren leitet und es als Zentrum für Ernährungsmedizin etabliert hat.

Patienten bleiben aus

„Dieser Fachbereich liegt total am Boden, die Patienten bleiben aus – und davon wird sich die Ernährungsmedizin in den nächsten Jahren nicht erholen“, prognostiziert der Arzt. Nach der Coronapandemie hätten die Menschen vermutlich vor allem wirtschaftliche Sorgen, die Investition in die eigene Gesundheit könnte dann nachrangig sein. Schon jetzt habe man auf die Krise reagieren müssen und einige Mitarbeiter - insgesamt sind am medicum mehr als 100 Angestellte, darunter 27 Ärzte und zahlreiche Therapeuten, beschäftigt – in die Kurzarbeit geschickt. „Es betrifft alle Mitarbeiter der Ernährungsmedizin. Das war schlimm und ist ein harter Schritt für uns, aber es geht nicht anders.“

Die Regierungserklärung von Bürgermeister Tschentscher

Die Kassenärztliche Vereinigung Hamburg (KVHH) sieht einen Rückgang der Patientenzahlen auch in Praxen. „Nicht dringliche Behandlungen und verschiebbare Untersuchungen werden derzeit oft in Absprache zwischen Patient und Praxis zurückgestellt, Facharzttermine nur in dringlichen Fällen wahrgenommen“, sagte KVHH-Sprecher Jochen Kriens. „Ein Rettungsschirm ist von der Bundespolitik zugesagt, sodass Honorarausfälle in den Praxen nach jetzigem Stand in gewissem Umfang abgefedert werden können.“

Informationen zum Coronavirus:

Die Polizei hat derweil in der Zeit von Dienstagmorgen bis Mittwochmorgen nach Abendblatt-Informationen 226 Strafanzeigen wegen des Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz gefertigt. Das sind deutlich mehr als am Vortag, an dem lediglich 90 Strafverfahren eingeleitet wurden. Gespannt blickt man bei der Polizei auf das Verhalten der Hamburger am kommenden Wochenende und auf Ostern. Dann, so die Prognosen, soll das Wetter deutlich besser werden.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg