Covid-19

Hamburger Ärzte in Not: Corona-Schutzkleidung fehlt

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Jule Bleyer und Christoph Rybarczyk

Foto: Marcelo Hernandez

Mediziner fühlen sich von Behörde und KV im Stich gelassen. Praxisschließungen drohen. Ärzte erheben schwere Vorwürfe.

Hamburg. Als das Paket in seine Praxis kam, war Dr. Michael Funke fassungslos. Es war „fast leer“, wie der Allgemeinmediziner aus Harburg sagt. Ein Schutzanzug, fünf Atemschutzmasken und ein Karton mit Handschuhen lagen drin. „Eine mickrige Dosis. Das hätte man sich auch sparen und die Schutzutensilien etwa an Kliniken schicken können – oder an diejenigen weitergeben sollen, die nachts rumfahren und Abstriche nehmen.“

Das sind Funkes Kolleginnen und Kollegen vom Arztruf 116 117 der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg. Sie fahren durch die Stadt, testen, machen Hausbesuche, nicht nur bei Covid-19-Patienten. Doch wer das Virus hat und wer nicht oder wer es hinter sich hat – das ist zurzeit selbst für Ärzte nicht klar.

Hamburgs Ärzte sind eine Risikogruppe

Hamburgs niedergelassene Ärzte sind somit selbst eine Risikogruppe. Sie könnten in ihren Praxen das Coronavirus weiterverbreiten. Und sie sind selbst von der Erkrankung bedroht. Der Bergedorfer Orthopäde Dr. Matthias Soyka warnt im Abendblatt: Weil Schutzanzüge fehlen, hätten die Ärzte nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein persönliches Risiko.

„Ein Großteil der deutschen Ärzte ist älter als 50. Sie gehören damit zu der Gruppe von Menschen, die eine erhöhte Sterblichkeitsrate durch Covid-19 haben. Viele von ihnen sind chronisch überarbeitet, und nicht wenige haben auch Vorerkrankungen wie Bluthochdruck und Diabetes“, sagt Soyka. „Uns jetzt ohne ausreichende Schutzkleidung arbeiten zu lassen ist unverantwortlich.“ Kämen infizierte Ärzte dann noch in ein Altenheim, würden sie zum „Superspreader“, so Soyka. „Zum Verteiler der Viren, deren Opfer vor allem die Alten und Schwachen werden.“

Doch wer liefert die Schutzkleidung? Der Harburger Arzt Funke macht der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) keinen Vorwurf. „Das Gesundheitsministerium, das rechtzeitig vor der Ausbreitung des Coronavirus und seinen Folgen gewarnt worden war, hat schon vor Wochen einen Fehler gemacht.“ Jens Spahns Strategie sei danebengegangen.

Ein Schutzkittel und fünf Masken – "ein Witz“

Dagegen sagt der Langenhorner Facharzt für Innere Medizin, Dr. Wilfried Meyer: „Es wurde allen niedergelassenen Kollegen eine Grundausstattung zugesichert.“ Aber ein Schutzkittel und fünf Masken seien „wirklich ein Witz“.

Tagelang haben auch Dr. Birgid Puhl und ihre Kollegen von der Hausarztpraxis in Groß Flottbek auf Schutzausrüstung gewartet, die die KV angekündigt hatte. „Per Mail wurden wir aufgefordert, von morgens bis abends in der Praxis bereitzustehen, weil man kein genaues Lieferfenster nennen konnte. Aber es kam nichts, auch keine Information.“

Eine Ausrüstung für mehrere Patienten nutzen?

Erst eine Woche später seien nun zwei Kisten eingetroffen – mit zwei Kitteln und zehn Masken für sechs Mitarbeiter. „Wir müssen alle mit dem arbeiten, was wir haben, aber diese Art der Kommunikation finden wir respektlos“, sagt Birgid Puhl. Für Coronatests hat ihre Praxis einen Paravent auf den Balkon im Erdgeschoss gestellt, um dort sicher behandeln zu können. „Wir stellen uns klaglos auf die Situation ein, aber wir fühlen uns alleingelassen.“

So erging es auch der Ärztin Stefanie Grabs aus Winterhude: „In meinem KV-Notdienst musste auch ich erfahren, dass Schutzausrüstungen nicht ausreichend zur Verfügung standen und ich aus Sparmaßnahmen eine Ausrüstung für mehrere Patienten nutzen sollte. Was ich aus Infektionsschutzgründen aber nicht gemacht habe.“

Die KV hatte zuletzt den Eingang einer „kleineren Lieferung“ an Schutzkleidung vermeldet: Etwa 16.000 FFP-2-Schutzmasken, 3000 Kittel und 3000 Handschuhe wurden an Ärzte verteilt. Mehr sei derzeit nicht verfügbar.

„Die Bevölkerung wird ganz offensichtlich einfach belogen“

Was Ärztin Grabs und ihre Kollegen wie Meyer und Soyka eint: „Uns ist es wichtig, dass die Öffentlichkeit nicht belogen wird. Wir sind auch der Meinung, dass sich die Gesundheitsbehörde ihrer Verantwortung stellen muss.“ Der Langenhorner Mediziner Wilfried Meyer sagt, die Gesundheitsbehörde habe am Freitag verbreitet, die Ärzte hätten genügend Schutzkleidung, lediglich der Nachschub sei eine „Herausforderung“.

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„Die Bevölkerung wird ganz offensichtlich einfach belogen“, sagt Meyer. „Es werden Informationen verbreitet, die vielleicht irgendwie beruhigen sollen, aber einfach nicht den Tatsachen entsprechen.“ Auch Orthopäde Soyka fühlt sich von der Politik alleingelassen. „Wenn die Praxen ihren Betrieb herunterfahren, führt das zu Umsatzeinbußen. Für viele Praxen ist es wie bei uns: Die normalen Kasseneinnahmen decken gerade einmal die Betriebskosten. Wenn diese Situation länger besteht, wird es zu Insolvenzen und Praxisschließungen kommen.“

Diese Befürchtung teilen auch viele Zahnärzte, die ebenfalls die Stellung halten müssen. Zwar sollen Behandlungen, die nicht dringend erforderlich sind, verschoben werden. Doch es gibt weiterhin Patienten mit Schmerzen, die nicht wochenlang warten können. „Mich erreichen jeden Tag Anrufe von Kollegen, die verzweifelt sind“, sagt Konstantin von Laffert, Präsident der Hamburger Zahnärztekammer. Viele Praxen würden nicht unter den Schutzschirm des Bundes fallen, weil sie mehr als zehn Mitarbeiter haben.

Permanentes Risiko für Zahnärzte

Und auch die Hamburger Soforthilfe greife für viele nicht, da die Praxen bis Ende Mai noch keine Liquiditätslücke nachweisen könnten, da so lange noch das Geld der Krankenkassen aus den Vormonaten fließe. „Hinzu kommt, dass Zahnärzte nicht unter das Krankenhausentlastungsgesetz fallen, mit dem jetzt niedergelassene Ärzte unterstützt werden“, sagt von Laffert. „Das empfinden wir als extrem ungerecht.“

Schließlich gingen auch Zahnärzte permanent ein Risiko ein. „Auf Anweisung des Bundes sollten in Hamburg drei Zentren an Krankenhäusern eingerichtet werden, wo wir Coronapatienten mit der entsprechenden Schutzausrüstung behandeln können – doch das ist ins Stocken geraten“, sagt von Laffert. Jetzt würden einige Zahnärzte Erkrankte oder möglicherweise Infizierte freiwillig in ihren Praxen behandeln – und sich selbst in Gefahr bringen.

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