Pandemie

Coronakrise: Frauenhäuser in Hamburg stocken auf

Durch die Ausgangsbeschränkungen, die die Coronakrise derzeit den Menschen auferlegt, besteht die Gefahr, dass in den betroffenen Familien Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung zunehmen. (Symbolbild)

Durch die Ausgangsbeschränkungen, die die Coronakrise derzeit den Menschen auferlegt, besteht die Gefahr, dass in den betroffenen Familien Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung zunehmen. (Symbolbild)

Foto: Maurizio Gambarini / picture alliance/dpa

Kinder- und Jugendhilfe Hamburg erwartet Anstieg auch von Missbrauchsfällen. Denn zurzeit fehlen jegliche Kontrollen von außen.

Hamburg. Einen Anstieg an häuslicher Gewalt befürchtet Torsten Rebbe, Leiter der Kinder- und Jugendhilfe SOS-Kinderdorf in Hamburg. Durch die Ausgangsbeschränkungen, die die Coronakrise derzeit den Menschen auferlegt, bestehe die Gefahr, dass in den betroffenen Familien Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung zunehmen. „Mit der Enge in den Wohnungen und der fehlenden sozialen Kontrolle durch Kitas und Schulen verschärft sich die Situation in den Familien.“ So seien Kinder Gewalt schutzlos ausgeliefert.

Geschlossene Schulen, Homeoffice, Kurzarbeit und Zukunftsangst sind keine guten Voraussetzungen für ein friedliches Leben in Familien, in denen es auch zu normalen Zeiten Schwierigkeiten gibt. Rund 70 solcher Familien betreut das Team von Torsten Rebbe, begleitet die Betroffenen in ihrem Alltag. Die 20 Mitarbeiter besuchen normalerweise die Familien in den Bezirken Nord, Wandsbek und Eimsbüttel ein- bis dreimal wöchentlich in deren Wohnungen und sind somit dicht dran an den Familien.

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Familien, die ohnehin am Rand der Gesellschaft stehen, in denen Konflikte mit Gewalt gelöst werden. „Weil sie es nie anders gelernt haben und in ihrer Kindheit ebenfalls Opfer von Gewalt waren“, so Rebbe. Die Pädagogen von SOS-Kinderdorf begleiten diese Familien in Erziehungsfragen, betreuen sie bei schulischen Problemen. „Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung und manchmal auch Drogen sind die Themen, die dort anstehen“, so Rebbe.

Zurzeit fehlen jegliche Kontrollen von außen

Doch die Besuche finden derzeit nicht statt, und weil die Kitas und Schulen geschlossen sind, fehlten jegliche Kontrollen von außen. „Unsere Befürchtung ist, dass das Konfliktpotenzial weiter ansteigen wird. Umso wichtiger ist es, die Gewalt über Gespräche zu verhindern.“

Schwieriger als die offene Gewalt, die durch aufmerksame Nachbarn aufgedeckt werden könne, sei die psychische und subtile Gewalt. Sie werde nun häufig unentdeckt bleiben. Rebbe: „Das Netzwerk aus Schulen, Kitas und Vereinen fällt ja weg.“ Auch die Gewalt an Frauen werde steigen, so die Befürchtung. Das zeigten Zahlen aus China. „Oft sind Kinder dann Zuschauer dieser Gewalt. Die leben derzeit wie in einem Krisengebiet und können sich nicht verstecken, können nicht fliehen.“

Bei Verdachtsfällen sofort die Polizei informieren

Noch meldet die zuständige Sozialbehörde keine Zunahme an häuslicher Gewalt. „Aber Experten befürchten,
dass es dazu kommen wird“, sagt Martin Helfrich, Sprecher der Sozialbehörde. Die Hamburger Frauenhäuser sind darauf vorbereitet und arbeiten auch in Coronazeiten weiter. Um im Fall einer Infektion in einem der Frauenhäuser eine Isolierung garantieren zu können, hat die Behörde Ausweichflächen angemietet. In diesen Häusern mit zusätzlichen Plätzen können auch erkrankte Neuzugänge Unterschlupf finden.

Um überhaupt noch an die Pro­blem-Familien heranzukommen und die so wichtige Kommunikation aufrechtzuerhalten, verständigen sich die Pädagogen von SOS-Kinderdorf per WhatsApp, Telefon und per Videokonferenz mit den Familien. „Wir gehen mit Mutter oder Vater spazieren und sprechen über Pro­bleme“, so Torsten Rebbe.

Treffen in großen Räumen an einem Tisch, wo der Sicherheitsabstand eingehalten werden kann, seien auch denkbar. Liege aber eine Kindeswohlgefährdung vor, müsse man in die Wohnungen hinein. Noch gibt es in den Familien keine Corona­fälle. Torsten Rebbe appelliert an alle Hamburger, aufmerksamer zu sein und bei Verdachtsfällen sofort die Polizei zu informieren. „Lieber einmal zu viel anrufen als einmal zu wenig.“

Hotlines – Gewalt gegen Frauen: Tel. 0800/ 011 60 16, Sucht- und Drogenhotline: 01805/ 31 30 31, Sexueller Missbrauch: 0800/22 55 530, Telefonseelsorge: 0800/111 0 111, Kinder- und Jugendtelefon: 0800/111 0 333