Covid-19

Historiker gründen ein digitales "Coronarchiv"

In dem neuen Archiiv kann jeder seine Eindrücke und Erinnerungen eingeben (Symbolbild).

In dem neuen Archiiv kann jeder seine Eindrücke und Erinnerungen eingeben (Symbolbild).

Foto: picture alliance/Sebastian Gollnow/dpa

Auf der Webseite sollen persönliche Fundstücke und Erinnerungen ab sofort gesammelt werden. Jeder kann sich daran beteiligen.

Hamburg. Normalerweise beginnen Historiker erst, sich für eine Entwicklung oder eine Epoche zu interessieren, wenn diese abgeschlossen ist. Bei Corona ist auch das anders. Vier Geschichtswissenschaftler von drei Universitäten aus Hamburg, Bochum und Gießen haben jetzt ein digitales „Coronarchiv“ gegründet, in dem persönliche Fundstücke und Erinnerungen ab sofort gesammelt werden: „Keine Stimme soll verloren gehen“, sagt Thorsten Logge von der Universität Hamburg.

Im Moment seien die Bilder, O-Töne und Videos von den Menschen überall zu finden, ob im Netz, in Zeitungen im Fernsehen. Doch: „So schnell diese Zeitzeugnisse kommen, so schnell können sie auch wieder verschwinden. Unsere Hoffnung ist, dass wir mit dem Coronarchiv die diversen Stimmen in dieser Krisenzeit langfristig dokumentieren werden“, sagt Benjamin Roers von der Universität Gießen. Christian Bunnenberg von der Ruhr-Universität in Bochum fordert die Deutschen deshalb auf, möglichst viele Beiträge zu schicken und sich an dem Archiv zu beteiligen. „Wir brauchen engagierte Mitstreiterinnen und Mitstreiter, die das alles mit uns aufbauen.“

Die Forscher wollen eine Eine Datenbasis für eine Analyse der Krise schaffen

www.coronarchiv.de basiert auf einem sogenannten Open-Source-Content-Management-System für digitale Sammlungen, das den Initiatoren aus den USA zur Verfügung gestellt wurde. Es ist für alle frei zugänglich – und das Interesse, all das, was im Moment passiert, festzuhalten, offenbar groß. „Wir haben bereits am ersten Tag sehr viele Beiträge bekommen“, sagt Logge. Auf den ersten Blick ließen sich diese drei Themenbereichen zuordnen: „Einerseits geht es um die Wahrnehmung eines Mangels, ein Gefühl, dass viele Menschen zum ersten Mal haben. Genauso neu sind Erfahrungen mit Restriktionen, insbesondere mit der Einschränkung der eigenen Freiheit. Und dann setzen sich die Beiträge mit der Frage von Nähe und Distanz auseinander.“ Etwa, wenn der 80. Geburtstag der Oma nicht mehr gemeinsam in ihrem Wohnzimmer, sondern vor geschlossenen Fenstern oder mit Hilfe von Skype gefeiert wird.

„Viele Leute laden auch einfach ihre Gedanken hoch, und es wird interessant zu sehen sein, wie man diese in zwei Wochen oder zwei Monaten bewertet“, sagt Logge. Für die Wissenschafter ist das Sammeln von Spuren während eines laufenden Prozesses, der ja jetzt schon als historisch bezeichnet wird, etwas Neues: „Wir hoffen sehr, dass wir jetzt die Grundlage dafür legen, dass andere Wissenschaftler die Krise nach deren Ende auf einer guten Datenbasis analysieren können.“