Pandemie

Coronavirus in Hamburg: Wirrwarr um Fallzahlen

Senatorin Cornelia Prüfer-Storcks, Bürgermeister Peter Tschentscher

Senatorin Cornelia Prüfer-Storcks, Bürgermeister Peter Tschentscher

Foto: dpa

52-Jähriger stirbt nach Urlaub. Computerpanne führt zu verzögerter Fallzählung. Senatorin: Firmen sollen Schutzkleidung spenden.

Hamburg. In Hamburg gibt es jetzt den ersten Todesfall, der nachweislich auf das Coronavirus zurückgeht. Der 52 Jahre alte Mann hielt sich nach der Rückkehr aus einem Schweiz-Urlaub mit Symptomen in häuslicher Quarantäne auf. Er starb bereits am Sonntagabend, wie erst Dienstag bekannt wurde. Ein Sprecher der Gesundheitsbehörde bestätigte den Fall. Man werde diesen als ersten Hamburger Coronatoten an das Robert-Koch-Institut melden, so die Behörde. Bei einem vor zwölf Tagen gestorbenen Bewohner eines Hamburger Seniorenheims sei zwar eine Coronainfektion festgestellt worden.

Doch sei diese wegen umfangreicher Vorerkrankungen des Mannes nicht als eindeutige Todesursache ausgemacht worden. Die Hoffnung, dass die tägliche Zahl an Neuinfektionen mit dem Coronavirus in Hamburg schon wieder zurückgeht, hat einen empfindlichen Dämpfer erhalten. Tatsächlich gab es in den vergangenen Tagen stets etwa 150 positive Tests – und damit rund 30 bis 50 Prozent mehr, als zunächst vom Senat vermeldet worden waren.

Corona-Zahlen waren zu niedrig angesetzt

„Die Zahlen, die wir in den letzten drei Tagen genannt haben, waren etwas zu niedrig angesetzt“, sagte Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) am Dienstag im Rathaus. An dem Tag sei die Zahl der positiv getesteten Personen um 248 auf 1237 angestiegen – das wäre der mit Abstand höchste Zuwachs an einem Tag gewesen. Wie Prüfer-Stocks sagte, sei dies aber nur ein „optischer Sprung“, der auf ein Softwareproblem zurückzuführen sei.

Unter den 248 Neu-Infektionen seien viele Fälle, die den letzten Tagen hätten zugeordnet werden müssen: „Das ist ein Problem der Software, die uns das Robert-Koch-Institut zur Verfügung gestellt hat, wo wir die Fälle eingeben. Von uns ist konstant eingegeben worden, auch am Wochenende, aber das System hat nicht alle Fälle angenommen.“ Für Verwirrung sorgte die Senatorin mit zwei Aussagen in der Landespressekonferenz: „Wir haben eine hohe Zahl von Tests in dieser Stadt, mehr als 3500 täglich“, sagte Prüfer-Storcks, um kurz darauf zu erklären: „Wir haben bei diesen Tests eine positive Quote von 20 Prozent, also 80 Prozent werden negativ getestet.“

3500 Tests täglich in Hamburg

Nun sind 20 Prozent von 3500 allerdings nicht 150, sondern 700 – von solchen Zahlen ist Hamburg aber glücklicherweise weit entfernt. Auf Nachfrage, wie die Diskrepanz zu erklären sei, hieß es in der Gesundheitsbehörde, dass in Hamburg bis zu 3500 Tests täglich durchgeführt würden. Darin seien alle Verfahren enthalten, auch private Tests. Die 20 Prozent bezögen sich hingegen ausschließlich auf die Tests, die vom Arztruf 116 117 veranlasst würden.

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Da diese nur bei begründetem Verdacht auf eine Coronainfektion durchgeführt würden, sei die Quote an positiven Ergebnissen höher. Das bedeutet: Setzt man die rund 150 neuen Fälle pro Tag ins Verhältnis zu den bis zu 3500 Tests, werden nur gut vier Prozent oder jeder 25. Verdachtsfall positiv getestet. Unterdessen arbeitet die Gesundheitsbehörde weiterhin an der Einrichtung von sogenannten Testzentren. „Wir sind mit Hamburger Krankenhäusern in Verhandlungen, um zusätzliche Testzentren aufzubauen“, sagte PrüferStorcks. Ob tatsächlich sieben Zentren entstehen werden – und somit wie von ihr gewünscht eines pro Bezirk –, sei noch offen.

Labore bei der Auswertung nicht überfordern

Sie sei aber von Experten überzeugt worden, dass man weiter nur zielgerichtete Testungen durchführen und die Wege zu den Testzentren über den Arztruf 116 117 bahnen sollte. Dieser sei auch personell verstärkt worden. In den vergangenen Tagen hatte es teils widersprüchliche Angaben zu den Testzentren aus der Gesundheitsbehörde gegeben. Nach Abendblatt-Informationen war die Einrichtung und genaue Ausgestaltung auch in der Führungsebene umstritten.

Coronavirus: Bürgermeister Tschentscher dankt Hamburgern

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Als Argument gegen die Einrichtung von offenen Testzentren für alle Hamburger wurde angeführt, dass damit die Labore bei der Auswertung überfordert werden würden – zudem könnte ein großer Andrang wiederum ein weiteres Ansteckungsrisiko bergen. Die Gesundheitssenatorin stellte intern schließlich klar, dass an dem Plan der Testzentren festgehalten werden soll – jedoch offenbar nur für Menschen mit erkennbaren Krankheitssymptomen. „Wir haben acht Labore. Wenn wir jeden Hamburger jeden Tag testen wollten, dann würden die selbstverständlich nicht ausreichen“, sagte Prüfer-Storcks. „Aber für das, was wir im Moment machen und was ich für zielgerichtet halte, reicht das aus.“

Corona-Drive-in-Stationen sind in Hamburg weiterhin nicht geplant

Denkbar ist, dass die Testzentren teilweise auch in großen Zelten vor den Krankenhäusern eingerichtet werden. Sogenannte Drive-inStationen sind dagegen in Hamburg weiterhin nicht geplant. Mit Blick auf die Infizierten gilt der gleiche Satz wie seit Tagen: „Der deutliche Anstieg der Fallzahlen wird weiterhin durch einen hohen Anteil der Urlaubsrückkehrer verursacht sowie durch Personen, die Kontakt zu den erkrankten Personen hatten“, so der Senat. Nach wie vor gingen die Krankheitsverläufe „in der Regel mit leichten bis mittleren grippeähnlichen Symptomen“ einher.

Am Dienstag waren 72 Hamburger in stationärer Behandlung – 17 mehr als am Vortag. Von den 72 Patienten mussten 18 intensivmedizinisch betreut werden, vier mehr als am Montag. Die Krankenhäuser würden sich bereits „intensiv“ auf den Anstieg der Zahlen vorbereiten, sagte die Gesundheitssenatorin. Daher seien die Kliniken gehalten, „planbare Leistungen zwingend zu verschieben“. Die Zahl der Intensivbetten solle von 640 auf mehr als 1200 verdoppelt werden. Hierfür seien zusätzliche Beatmungsgeräte erforderlich, die vor allem der Bund beschaffe.

Kliniken sollen Prämien erhalten

100 neue Geräte seien bereits bestellt worden. Um finanzielle Risiken für Kliniken abzufedern, sollen diese Prämien erhalten: 560 Euro gibt es für jedes frei gehaltene Bett, 50.000 Euro für jeden zusätzlichen Intensivplatz sowie einen Aufschlag für jeden Krankenhausfall in Höhe von 50 Euro zur Anschaffung von Schutzkleidung. Diese zu beschaffen sei immer noch ein Problem, so Prüfer-Storcks. „Im stationären Bereich warten wir dringend auf weitere Lieferungen.“ Sie appellierte daher an Firmen außerhalb des Gesundheitswesens, die auch mit Schutzkleidung arbeiten, diese der Stadt zur Verfügung zu stellen.

Coronavirus: So können Sie sich vor Ansteckung schützen

  • Niesen oder husten Sie am besten in ein Einwegtaschentuch, das Sie danach wegwerfen. Ist keins griffbereit, halten Sie die Armbeuge vor Mund und Nase. Danach: Händewaschen
  • Regelmäßig und gründlich die Hände mit Seife waschen
  • Das Gesicht nicht mit den Händen berühren, weil die Erreger des Coronavirus über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen können
  • Ein bis zwei Meter Abstand zu Menschen halten, die Infektionssymptome zeigen
  • Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind überflüssig – sie können sogar umgekehrt zu Nachlässigkeit in wichtigeren Bereichen führen

Wie dramatisch die Versorgungslage ist, zeigt eine interne Erhebung vom Wochenende, bei der der Bestand von Schutzausrüstung bei Polizei, Feuerwehr, THW und Hilfsorganisationen, aber auch bei privaten Rettungsdiensten erhoben wurde. Demnach haben lediglich zwei von neun befragten Organisationen Schutzbrillen für mehr als zehn Tage im Bestand. Hochwertige Masken (Kategorie FFP3) gibt es nur bei der Feuerwehr.

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Über Masken der Kategorie FFP2 verfügen lediglich die Johanniter für mehr als zehn Tage. Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) zeigte sich zufrieden damit, wie sich die Hamburger an die Auflagen halten: „Das ist ein sehr positive Nachricht, denn wir sind darauf angewiesen, dass alle den Ernst der Lage erkennen.“ Um die Verbreitung der Viren zu verlangsamen, werde die Polizei einschreiten, wenn Verbote gebrochen würden. „Wir müssen darauf bestehen, dass sich alle daran halten“, so Tschentscher. „Denn der Gesamteffekt ergibt sich aus dem Verhalten aller Einzelnen.“