Arbeiten in Corona-Zeiten

Ganz normaler Wahnsinn: Ein Protokoll aus dem Homeoffice

Zwischen Arbeit am Laptop und Kindererziehung: Juliane Lauterbach mit ihrem zweieinhalb Jahre alten Sohn im Homeoffice.

Zwischen Arbeit am Laptop und Kindererziehung: Juliane Lauterbach mit ihrem zweieinhalb Jahre alten Sohn im Homeoffice.

Foto: J. Lauterbach

Abendblatt-Redakteurin Juliane Lauterbach hat festgehalten, was zu Hause arbeiten mit einem Kleinkind bedeutet.

Hamburg. Wie Millionen anderer Menschen arbeite ich zurzeit im Homeoffice. Als ein Beispiel für viele Mütter habe ich einen „ganz normalen“ Tag lang Protokoll geführt. Die handelnden Personen: Mama (ich), Sohn (2,5 Jahre) und Papa (mit dem ich mir die Betreuung aufteile).


Erster Akt: der Morgen

6.03 Uhr, Kind: Mama.
6.04 Uhr, ich: Ja?
6.04 Uhr, Kind: eine warme Milch!

Ich tue so, als wäre ich wieder eingeschlafen ...
6.05 Uhr, Kind: haben.
6.05 Uhr, eine Milch haben!
6.30 Uhr, wir sitzen am Küchentisch, das Kind trinkt Milch, ich versuche, die Zeitung zu lesen.
6.33 Uhr, Kind: Mama?
6.34 Uhr, Ich nicke.
6.34 Uhr, Kind: Papa hat ein Glatze.
6.34 Uhr, ich: Das stimmt.
6.35 Uhr, Kind: Mama hat Haare.
6.35 Uhr, Kind: Oma auch!
6.36 Uhr, Kind: Papa nicht!
O. k,, Zeitung lesen kann ich auch später.
7 Uhr, Ich schalte das Radio an, Nachrichten hören, ein Gefühl für den Tag bekommen, welche Themen sind heute wichtig.
7 Uhr, Radio: Die Coronapandemie hat inzwischen auch ...
7 Uhr, Kind: anderen Teller!
7.01 Uhr, ich: psst!
7.01 Uhr, Kind (lauter): andern Teller haben!
7.02 Uhr, Radio: Die Zahl der Infizierten ist ...
7.03 Uhr, Kind: Da soll Mama sitzen (zeigt auf einen Stuhl)!
7.03 Uhr, ich: Mama hört jetzt erst mal Nachrichten!
7.04 Uhr, Kind: Mama Sik (Musik) angemacht?
7.04 Uhr, Radio: Das ist ein Anstieg um …
7.04 Uhr, ich: Das ist keine Musik. Das ist ein Radio.
7.04 Uhr, Kind: Mama, Sik machen!
7.04 Uhr, Radio: Für heute Nachmittag ist geplant, dass ...
7.04 Uhr, ich: Jetzt können wir schlecht Musik machen. Mama will Radio hören. Außerdem ist es noch sehr früh, alle schlafen noch. Wir müssen leise sein.
7.04 Uhr, Kind: so? (Kind flüstert)
7.04 Uhr, ich: ja, super!
7.04 Uhr, Kind: Mama?
7.04 Uhr, Mama: ja ...
7.04 Uhr, Kind: mehr Musil (Müsli).
7.04 Uhr, Radio: Und nun das Wetter!

Homeoffice-Workout mit dem SV Eidelstedt:

Homeoffice-Workout mit dem SV Eidelstedt

Ich setze mich zu meinem Sohn ins Kinderzimmer, puzzeln, Duplohaus bauen, Buch angucken ...
7.53 Uhr, Ich rechne aus, wie lange es noch bis zum Mittagsschlaf ist.
8.03 Uhr, Ich hab vergessen, die 8-Uhr-Nachrichten zu hören.
8.05 bis 9 Uhr, Papa übernimmt. Zeit zum Duschen, dabei gedanklich den Tag strukturieren: bis zum Mittag einkaufen gehen, ein paar Themen ankurbeln, Mails verschicken, in der Redaktion Bescheid geben, was ich heute schreiben kann, dann arbeiten, dann Mittagessen kochen (Spaghetti bolognese? was kommt da noch mal rein?).
9 Uhr, Wir gehen in den Supermarkt. Wer es genauer wissen möchte: Ich renne dem Kind auf dem Laufrad hinterher.
9.01 Uhr, An der Ampel klingelt das Handy. Eine Kollegin. Kannst du mir mal die Nummer von xy geben, mit dem du gestern telefoniert hast?
9.02 Uhr, Auf der anderen Straßenseite suche ich im Handy nach der Mail mit der Nummer. Finde sie nicht. Dafür zwei weitere. Der Chef. Ob ich mich später noch um zwei kleine Themen kümmern kann? Das Kind zieht an meiner Jacke und singt „O Tannenbaum“.
9.20 Uhr, Kind weint, weil ich keinen Euro für den Kindereinkaufswagen habe – was glatt gelogen ist, ich will nur nicht, dass es den Wagen anfasst.
9.21 Uhr, Am Gemüseregal klingelt das Telefon wieder. Ob ich noch ein kurzes Telefoninterview machen kann für die Rubrik „Menschlich gesehen?“ Am besten jetzt gleich anrufen.
9.22 Uhr, ich: Wir spielen jetzt „ganz schnell einkaufen.“
9.22 Uhr, Kind: hurra!
9.28 Uhr, Alle Zutaten für Bolognese zusammen, nur noch schnell die Nudeln holen.
9.29 Uhr, Nudelregal ist leer. Schmeckt das auch mit Brot?

Auf dem Rückweg zwei Telefonate, das Interview hat sich doch erledigt, und die Geschichte, um die ich mich kümmern soll, soll etwa 80 Zeilen lang sein.

Zweiter Akt: der Vormittag

9.30 Uhr, Jetzt ist die Phase eingeplant, die in der Fachliteratur beschrieben wird als „Kind beschäftigt sich selbst“.
9.36 Uhr, ich: Hier, guck mal, eine neue Kindermusik (zaubere eine neu gekaufte CD aus dem Regal).
9.37 Uhr, Kind: eine Sik?
9.37 Uhr, ich: ja, ein Geschenk für dich sozusagen.
9.38 Uhr, Kind (enttäuscht): Das ist kein Geschenk.
9.38 Uhr, ich: doch.
9.39 Uhr, Kind (lauter): nein!
9.39 Uhr, Ich wickle die CD in Geschenkpapier ein.
10 Uhr, Zwei Mails geschrieben. Läuft! Aus dem Kinderzimmer tönt „Teddybär, Teddybär, dreh dich um.“ Kind spielt zufrieden. Guter Moment für die Telefon-interviews.
10.01 Uhr, Kind: Mama auch tanzen!
10.01 Uhr, Ich leg das Handy zur Seite und mache das, was ich immer mache, wenn das Kind beschäftigt sein muss: eine kleine Badewanne mit etwas Wasser füllen und auf den Boden im Bad stellen, paar Boote rein. Klappt! Zeit für das Telefoninterview.
10.10 Uhr, Kind: Guck mal, Mama, alles Wasser weg!
10.10 Uhr, Ich beende das Gespräch etwas rascher als geplant und gehe zum Bad.
10.11 Uhr, Kind: guck mal, eine Pfütze!
10.22 Uhr, ich: Kika an!

In der nächsten halben Stunde (Hand aufs Herz: 45 Minuten Kika) beginne ich mit dem Text. Beim zweiten Interviewpartner geht keiner ran.
10.45 Uhr, Der Geschirrspüler muss ausgeräumt werden, im Bad sieht es auf wie bei der Einlaufparade des Hafengeburtstags, zwei Anrufe in Abwesenheit, etwa 25 Nachrichten im Redaktionschat verpasst.
10.46 Uhr, Kind: Spielplatz!
10.47 Uhr, ich: Der hat zu.
10.47 Uhr, Kind: Simmbad! (Schwimmbad)!
10.48 Uhr, ich: auch zu!
10.49 Uhr, Mama ein Pferd sein! (Ich soll durch die Wohnung krabbeln, das Kind sitzt dabei auf meinem Rücken).
10.55 Uhr, Ich bin ein Pferd.
10.56 Uhr, Das Handy vom Pferd klingelt. Der lang ersehnte Rückruf.
10.57 Uhr, ich: Mama muss mal kurz telefonieren.
10.58 Uhr, Kind: ich auch.
10.58 Uhr, ich: Du kannst mit der Eisenbahn spielen!
10.58 Uhr, Kind: nein, ein Eis essen!
10.59 Uhr, ich: Wenn das die Lösung ist, nichts einfacher als das. Haben wir noch im Eisfach. Aber vorm Mittagessen? Egal.
11 Uhr, Zwei Kugeln Eis stellen sich als hervorragende Länge für ein Telefongespräch heraus. Am besten gleich aufschreiben.
11.20 Uhr, ich: Mama muss kurz arbeiten.
11.20 Uhr, Kind: ich auch.
11.21 Uhr, Ich suche nach einer alten Tastatur und stelle sie neben meinen Computer.
11.30 Uhr, Es funktioniert großartig.
11.31 Uhr, Es funktioniert überhaupt nicht.
11.35 Uhr, In einer meiner Mama-Whats-
App-Gruppen gibt’s einen Link zu einem Online-Musikkursus für Kinder. Ich baue das Tablet auf, lege ein paar Rasseln davor, drücke auf Start.
11.37 Uhr, Kind: Mama, auch machen!
11.40 Uhr, Ich sitze auf dem Boden und rassel mit zwei Rasseleiern. Das Kind guckt mir zu und lacht sich kaputt. Blick auf die Uhr, noch knapp 1,5 Stunden bis Mittagsschlaf.
12 Uhr, Wer auch immer die Idee mit dem Selbstkochen hatte – sie war bescheuert.
13 Uhr, Das Kind schläft! Nun schnell schreiben! Oder doch aufräumen? Quatsch, kommt ja eh keiner zu Besuch.

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Dritter Akt: der Nachmittag

13.30 Uhr, Papa kommt nach Hause. Wir sitzen nebeneinander an unseren Computern und tippen und telefonieren, als wären wir ein Callcenter.
14 Uhr, Mamaaaaa! Kind ist wach.

Papa übernimmt und geht mit dem Kind an die frische Luft.
15 Uhr, Artikel ist fertig.
15.01 Uhr, E-Mail vom Chef: Den Artikel brauchen wir doch erst zu übermorgen. Mach dir keinen Stress!

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