Corona-Krise

Obdachlose besonders bedroht – Versorgung ist ungewiss

In der Unterkunft Friesenstraße sind mehr als 300 Menschen in Quarantäne.

In der Unterkunft Friesenstraße sind mehr als 300 Menschen in Quarantäne.

Foto: Imago

Notquartier abgeriegelt, Lage angespannt. Behörde will Schwimmbäder zum Duschen öffnen. Auch Unterbringung in Hotels?

Hamburg. Sie haben keinen eigenen Rückzugsraum, aber oft ein erhöhtes Risiko für schwerwiegende Coronainfektionen: Die Sozialbehörde und die Wohlfahrtsorganisationen sorgen sich besonders um die etwa 2000 Obdachlosen in Hamburg – es gebe akute Mängel bei ihrer Versorgung, räumen beide Seiten ein. Die Unterkunft des Winternotprogramms an der Friesenstraße in Hammerbrook mit 329 Menschen steht seit mehr als einer Woche unter Quarantäne, die Lage vor Ort ist sehr angespannt. Über weitere Maßnahmen gibt es aber Streit zwischen Stadt und Trägern.

Die Sozialbehörde will zunächst die hygienischen Bedingungen für die Betroffenen verbessern. Nach Abendblatt-Informationen sollen etwa die Duschen von derzeit geschlossenen Sportvereinen und Schwimmbädern dafür genutzt werden, dass sich Obdachlose waschen können. Seit der vergangenen Woche hätten sich teils große Lücken in der Versorgungsstruktur aufgetan. Die Sozialbehörde macht dafür die Träger mitverantwortlich. „Es gab leider mehrere Fälle, in denen Träger, die städtische Zuwendungen beziehen, Angebote wegen der aktuellen Situation ohne vorherige Rücksprache eingestellt haben“, sagte Martin Helfrich, Sprecher der Sozialbehörde.

Notunterkunft bleibt noch bis Sonnabend abgeriegelt

Es sei bereits gelungen, diese Lücken größtenteils zu füllen. Dazu gehöre etwa die Essensversorgung über professionelle Cateringfirmen. Auf ihrer Website (www.hamburg.de/obdachlosigkeit) veröffentlicht die Sozialbehörde regelmäßig, welche Hilfsangebote derzeit noch offenstehen. Die Quarantäne im Winternotprogramm bindet aber auch auf städtischer Seite weiter Kräfte. „Es ist für alle Beteiligten sicherlich eine Extremsituation“, sagte Helfrich – diese werde aber „professionell gehandhabt“.

Bereits seit dem 14. März ist die Unterkunft an der Friesenstraße abgeriegelt. Dort war bei einem Bewohner eine Coronainfektion bestätigt worden. Eine weitere Person steckte sich in dem Notquartier offenbar an, beide bleiben weiterhin auf einer eigenen Etage isoliert. Helfrich bestätigte, dass die Mitarbeiter vor Ort an ihre körperliche und psychische Leistungsgrenze gehen müssten. Die Bewohner nutzen die Unterkunft in der Regel nur als Schlafplatz und wollten „am Tage auch wieder heraus“, so Helf­rich. „Dass es nun dort auf einem begrenzten Raum mit einer großen Anzahl von Menschen auch Spannungen gibt, war abzusehen“, sagte Helfrich.

Kontrollierter Rahmen für Süchte

Zu körperlichen Auseinandersetzungen sei es bislang aber nicht gekommen. Auch die Versorgung sei sichergestellt. Wegen der Quarantäne wurde das sonst strikte Verbot von Alkohol und Drogen in der Unterkunft aber aufgeweicht. „Ein striktes Vorgehen nach üblichen Maßstäben wäre weder aus Sicht der Sozialarbeit noch aus medizinischer Sicht angezeigt“, sagt Martin Helfrich. So könnten sogenannte Pegeltrinker im Falle eines drastischen Entzugs in eine bedrohliche gesundheitliche Verfassung geraten. „Den Betroffenen wird erlaubt, in einem kontrollierten Rahmen ihren Süchten nachzugehen“, so der Behördensprecher Helfrich. Planmäßig soll die Quarantäne am Sonnabend enden.

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Das Hamburger Straßenmagazin „Hinz & Kunzt“ fordert, in der aktuellen Krise eine Einzelunterbringung für alle Obdachlosen. Laut Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer seien Obdachlose aufgrund ihrer Lebensumstände und den oft vorhandenen Vorerkrankungen eine Risikogruppe. Nach allem, was über Corona bekannt ist, könne eine Unterbringung in Massenunterkünften mit 300 Personen nicht richtig sein. Weitere Forderung: „Hamburg braucht dringend eine staatliche Koordinierungsstelle, die einen Weg aufzeigt, wie unter Einbeziehung der vorhandenen Hilfsangebote die entstandenen Versorgungslücken geschlossen werden können“, so Hinz & Kunzt-Geschäftsführer Jörn Sturm. „Zwingend notwendig ist eine virologische Begleitung dieser Maßnahmen, um die grassierenden Ängste und Sorgen der Hilfeleistenden zu begegnen.“

Risiko der Ansteckung kleinhalten

Das Dilemma laut „Hinz & Kunzt“ sei auch, dass es zwar grundsätzlich genügend Lebensmittel gebe, die verteilt werden könnten, ebenso Menschen, die mit einer Geldspende oder persönlichem Einsatz helfen möchten, aber dass Corona derzeit die Organisation der Verteilung behindere. Es müsse dringend eine Infrastruktur für die kommenden Wochen geschaffen werden.

Auch Melanie Mücher von der Diakonie Hamburg macht sich in diesen Tagen große Sorgen. Die 36-Jährige leitet das Diakonie-Zentrum für Wohnungslose an der Bundesstraße in Eimsbüttel, zu dem etwa eine Tagesaufenthaltsstätte mit Essensausgabe und Sozialberatung gehören. Der aus ihrer Sicht im Moment wichtigste Punkt: „Die Obdachlosen müssen irgendwo sicher untergebracht werden, damit das Risiko der Ansteckung kleingehalten wird.“ Man brauche schnelle Lösungen, etwa die Unterbringung in leer stehenden Hotels und eine Verlängerung des Winternotprogramms, auch bei den Kirchengemeinden. Die Sozialbehörde lehnt dies jedoch bislang ab. „In Hotels hätten die Betroffenen zwar ein Bett, aber mutmaßlich keinerlei Betreuung“, so der Sprecher Martin Helfric­h. Es sei gerade die Stärke des Winternotprogramms, dass es nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch Hilfestellungen biete.

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Nach Angaben der Träger ist an normale Sozialarbeit aber punktuell kaum noch zu denken. Das Diakonie-Zentrum an der Bundesstraße laufe im Notbetrieb. Beratungen für Obdachlose würden telefonisch vorgenommen, statt einem warmen Mittagessen werden derzeit kalte Lunchpakete ausgegeben, die Aufenthaltsräume sind geschlossen. „Die obdachlosen Menschen machen sich Sorgen darum, wie lange dieser Zustand noch so anhält“, sagt Mücher. „Sie wissen nicht, wann sie wieder ein warmes Essen bekommen und wann sie sich wieder aufwärmen können.“ Wichtig auch: „Bei vielen sind die Deutschkenntnisse nicht so gut, und sie sind weniger gut informiert.“ Teilweise erführen die Betroffenen erst von der Diakonie, welche Regeln in der Krise derzeit gelten.