Virus-Krise

Corona-Tester sind in Hamburg im Dauereinsatz

Mit Rettungssanitäter Benjamin Hogg (l.) fährt Dr. Björn Parey zu Erkrankten, um sie auf Corona zu testen.

Mit Rettungssanitäter Benjamin Hogg (l.) fährt Dr. Björn Parey zu Erkrankten, um sie auf Corona zu testen.

Foto: Roland Magunia

Hunderte Ärzte besuchen rund um die Uhr Menschen, die sich über den Arztruf gemeldet haben. Einer von ihnen ist Dr. Björn Parey.

Hamburg.  Wer hätte gedacht, dass eine Magen-Darm-Grippe mal eine willkommene Abwechslung sein würde. Björn Parey untersucht den Patienten, tastet den Bauch ab, gibt eine Spritze gegen die anhaltende Übelkeit. Doch dann geht es auch schon wieder weiter zu seiner Hauptaufgabe in diesen Tagen: Hamburger auf das Coronavirus testen. Und das heißt, einen Abstrich nach dem anderen machen. Bis zu 30-mal in einer Schicht.

Dr. Björn Parey ist Hausarzt und arbeitet in einer Gemeinschaftspraxis in Volksdorf. Zusätzlich fährt er Notfalldienste für den Arztruf der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg (KVH), über den die Hamburger 24 Stunden am Tag ärztliche Hilfe bekommen. Normalerweise übernimmt der 52-Jährige drei dieser Dienste im Monat – nach Feierabend, am Wochenende oder an einem Feiertag. In diesen Wochen, in denen der Arztruf 116 117 die wohl am meisten gewählte Nummer der Stadt ist, ist Parey täglich für den Bereitschaftsdienst unterwegs.

Teilzeitkräfte haben in Corona-Krise auf Vollzeit aufgestockt

„Ich bin derzeit gar nicht mehr in der Praxis“, sagt Parey. „Zum Glück halten dort meine Kollegen die Stellung, unsere Teilzeitkräfte haben dafür auf Vollzeit aufgestockt.“ So kann der Hausarzt jeden Tag neun Stunden gemeinsam mit einem Rettungssanitäter in Hamburg unterwegs sein, mal in Schnelsen, mal in Billstedt. Oder wie an diesem Tag in Harvestehude und Rotherbaum.

Benjamin Hogg, Pareys Kollege auf dieser Schicht, steuert die nächste Adresse­ an. Da die Einsatzfahrzeuge nicht ausreichen, sind sie mit einem Leihwagen unterwegs. Während der Fahrt telefoniert der Arzt bereits mit dem Erkrankten. Wie geht es dem Patienten, welche Symptome und eventuell Vorerkrankungen hat er, wie könnte er sich infiziert haben, wie viele Personen leben noch im Haushalt und sind sie auch schon erkrankt? All das wird vorab am Telefon besprochen – aus Sicherheitsgründen.

So wenig direkter Kontakt wie nötig

Vor Ort nimmt Björn Parey nur noch den Abstrich aus dem Rachen, an der Haustür. So viel ärztliche Fürsorge wie möglich, so wenig direkter Kontakt wie nötig. Zumal man sich mit einer FFP3-Maske vor Mund und Nase, die die höchste Schutzklasse vor Filterpartikeln bietet, ohnehin nicht wirklich gut länger unterhalten kann. Diese gehört aber natürlich zur Standardausrüstung der testenden Ärzte, ebenso wie ein Schutzkittel, Handschuhe und eine Plexiglasbrille. „Ich versuche trotzdem, so gut es geht auf jeden Patienten individuell einzugehen“, sagt Parey. „Viele sind sehr besorgt und verunsichert.“

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Und sehr dankbar, dass der Arzt zu ihnen kommt. Auch am späten Abend und mitten in der Nacht. Die meisten würden wunderbar mitarbeiten, so Parey. Dazu gehört auch, die Schutzbekleidung des Arztes bei sich zu Hause zu entsorgen. Diese muss nach jedem Patienten gewechselt werden, allein die Brille darf desinfiziert mehrfach zum Einsatz kommen. Darum sei die Ausrüstung weiterhin extrem knapp, man bemühe sich „fieberhaft um weiteren Nachschub“, hieß es am Montag von der Kassenärztlichen Vereinigung.

Auch positive Nachrichten

Doch es gibt auch positive Nachrichten: Die Zahl der Anrufe bei der 116 117 ist vom Höchststand von täglich rund 23.000 vor einer Woche auf etwa 6000 am vergangenen Sonntag zurückgegangen. „Vielleicht“, so der KVH-Vorsitzende Walter Plassmann, „ist dies ein erstes Signal für den Erfolg des Hamburger Weges bei der Eindämmung der Pandemie.“

Vor diesem Hintergrund sei es den Ärzten und Mitarbeitern der KV am Wochenende durch einen „beispiellosen Kraftakt“ gelungen, den Stau der Hausbesuche abbauen zu können. „Wir sind nun wieder im normalen Reaktionsfenster angekommen“, sagt Plassmann. Das heißt, wer die 116 117 wählt und wirklich ärztliche Hilfe benötigt, bekommt diese binnen zwei Stunden. Laut Björn Parey liegt das auch daran, dass die Skiferien nun schon eine gute Woche her sind und viele mitgebrachte Erkältungen abgeklungen seien.

Deutlich mehr Personal

Zu bewältigen sei das Aufkommen trotzdem weiterhin nur mit deutlich mehr Personal. Statt vier bis sechs würden derzeit bis zu 19 Mitarbeiter die Anrufe aufnehmen, zudem gebe es sechs Ärzte in der telefonischen Beratung und je nach Tageszeit bis zu 25 im Hausbesuch-Einsatz, so KV-Sprecher Jochen Kriens. Also fast doppelt so viele wie sonst. Dennoch könne es beim Arztruf nach wie vor zu Wartezeiten kommen.

Coronavirus: Die Fotos zur Krise

So wie der Vorsitzende der KVH appelliert deshalb auch Björn Parey an die Hamburger: Den Arztruf sollen weiterhin wirklich nur diejenigen anrufen, die in einem Risikogebiet waren oder Kontakt zu einer mit Corona infizierten Person hatten – und die die entsprechenden Symptome zeigen. „Nur die bekommen jetzt noch einen Abstrich“, sagt Dr. Parey. „Also nicht jemand, der irgendwo im Ausland gewesen ist oder über drei Ecken Kontakt zu einem Erkrankten gehabt hat. Auch nicht aus drei Metern Entfernung.“

Nicht jeder hat Verständnis, wenn er nicht getestet wird

Der Arzt muss das so hart sagen, denn immer noch würden viele Hamburger mit den falschen Kriterien den Arztruf verstopfen. Etwa jeden Zehnten müsse er enttäuschen, so Parey, der auch Telefondienste übernimmt. „Viele sind besorgt, dass sie Corona haben könnten, aber wir können nicht jeden testen, der jetzt Husten hat.“

Coronavirus: So können Sie sich vor Ansteckung schützen

  • Niesen oder husten Sie am besten in ein Einwegtaschentuch, das Sie danach wegwerfen. Ist keins griffbereit, halten Sie die Armbeuge vor Mund und Nase. Danach: Händewaschen
  • Regelmäßig und gründlich die Hände mit Seife waschen
  • Das Gesicht nicht mit den Händen berühren, weil die Erreger des Coronavirus über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen können
  • Ein bis zwei Meter Abstand zu Menschen halten, die Infektionssymptome zeigen
  • Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind überflüssig – sie können sogar umgekehrt zu Nachlässigkeit in wichtigeren Bereichen führen

Dafür hat allerdings nicht jeder Verständnis. „Manche wollen einfach einen negativen Test als Beleg dafür, dass sie sich draußen wieder frei bewegen oder zur Arbeit dürfen“, sagt Parey. „Dabei wäre es grundsätzlich gut, wenn jeder mit Krankheitssymptomen zu Hause bleibt, damit er niemanden ansteckt – das gilt für Corona ebenso wie für Influenza, Magen-Darm und grippale Infekte.“

Testen auf Corona wird vorerst seine Hauptaufgabe bleiben

Wer Erkältungssymptome und Sorge hat, mit Corona infiziert zu sein, ohne die oben genannten Kriterien zu erfüllen, solle sich an seinen Hausarzt wenden, heißt es von der KV. Wer aber außerhalb der Sprechzeiten ärztliche Hilfe braucht, der solle selbstverständlich weiterhin den Arztruf kontaktieren – ganz unabhängig von Corona. „Wir haben ja weiterhin auch Menschen mit anderen akuten Erkrankungen“, sagt Dr. Parey. So wie die schwere Magen-Darm-Grippe.

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Trotzdem wird das Testen auf Corona vorerst seine Hauptaufgabe bleiben. Nach der Schicht holt ein Bote die Proben ab und bringt sie ins Labor im UKE. Feierabend für Björn Parey, ab hier übernimmt das Gesundheitsamt. Wenn es keine Nachtschicht war, geht der Vater zweier Söhne noch eine Runde laufen. Kraft tanken für die Test-Runde am nächsten Tag.