Ausnahmezustand

Ein Lob den Nachbarn – wie Hamburger einander helfen

| Lesedauer: 6 Minuten
Elisabeth Jessen
Wer seine Wohnung nicht verlassen kann oder will, ist auf Hilfe von anderen angewiesen, die die Einkäufe erledigen.

Wer seine Wohnung nicht verlassen kann oder will, ist auf Hilfe von anderen angewiesen, die die Einkäufe erledigen.

Foto: Imago

Initiativen kümmern sich darum, dass Menschen, die das Haus nicht verlassen können, versorgt werden – und Geschäfte überleben.

Hamburg.  Wenn alle Gewissheiten und Gewohnheiten den Bach runtergehen, so kann man doch in diesen Tagen eines feststellen: In dieser Notzeit stehen ganz viele Menschen zusammen und helfen denen, die dringend Hilfe brauchen. Stadtteilinitiativen bilden sich neu, von einem auf den anderen Tag tun sich Bewohner in den Vierteln zusammen, um sich für die kommenden Wochen zu wappnen und Hilfe für jene zu organisieren, die entweder aus Selbstschutz nicht mehr aus dem Haus gehen wollen oder wegen einer angeordneten häuslichen Quarantäne nicht dürfen. Es gibt kleine Initiativen, aber auch größere etwa bei Facebook, die jeden Tag wachsen und die gesamte Stadt im Blick haben.

Antonia (22), Auszubildende zur Krankenpflege, hat beispielsweise mit ihrem Freund Malte (21), einem Studenten, Zettel an der Erikastraße und ein paar Nachbarstraßen verteilt und bietet Hilfe an – beim Einkaufen und bei Botengängen. „Wir haben schon ganz liebe SMS von Leuten bekommen, die auch Hilfe anbieten“, sagt die 22-Jährige aus Lokstedt. Das analoge Angebot, also Zettel zu verteilen, sei vermutlich für ältere Menschen ideal, die nicht in den sozialen Netzwerken unterwegs seien, sagt sie.

Viele Ehrenamtliche bieten in der Corona-Krise ihre Hilfe an

Auch die Kirchengemeinde Nien-stedten setzt auf Briefe. „Wir haben 600 Briefe an Gemeindemitglieder rausgeschickt, deren Adressen wir hatten“, sagt Diakon Kay Bärmann. Das Angebot: Einkaufshilfe. Etwa 20 Ehrenamtliche hätten schon ihre Hilfe angeboten, darunter Schüler, aber auch Ältere. Diese wolle man allerdings ja unbedingt schützen, sagt Bärmann. Die Drogeriekette Budni beispielsweise legt Papiervorlagen in ihren Filialen aus, die die Kunden mitnehmen können. Die DIN-A4-Zettel können etwa in Hausfluren ausgehängt werden, und Menschen können ihre Hilfe anbieten oder eintragen, dass sie welche benötigen.

In den sozialen Medien ist eine ganze Menge neu gegründeter Gruppen aktiv. Das Internetportal nebenan.de ist schon seit Längerem ein beliebtes und hilfreiches Nachbarschaftsportal, neu ist die Facebook-Gruppe „Coronahilfe Hamburg“. Der Gründer Daniel Plötz betreibt eine Agentur für Kommunikationsberatung und hatte anfangs nur ein paar Hilfe-Anfragen aus dem privaten Bereich. „Wir haben dann geguckt, was es an Angeboten schon so gibt“, sagt Plötz, der schnell seinen Bruder und mehrere Freunde mit ins Boot holte. Seit dem 15. März ist die Facebook-Gruppe aktiv – mit inzwischen fast 7000 Mitgliedern. Man achte auf Datenschutz, versuche aber die Postleitzahlen von Helfern und Hilfesuchenden zu „matchen“, also zusammenzubringen. Inzwischen seien sie 15 Menschen, die die Gruppe „moderieren“, sagt Plötz.

Austauschplattform im Internet

Beispiel: Ein Mann, der am Schulterblatt in häuslicher Quarantäne lebt, bittet darum, dass ihm jemand Mineralwasser und ein paar Dinge aus dem Supermarkt besorgt. „Bezahlen kann ich auch per Paypal Friends“, schreibt er. Eine Frau, die in der Nähe wohnt, verspricht, am nächsten Tag für ihn einzukaufen. Die Details regeln sie dann einer persönlichen Nachricht.

Sehr aktiv ist auch die lokale Initiative „SupportYourLocalBusiness“ auf Facebook, die in Hamburg zur Unterstützung betroffener Geschäfte und kleiner Betriebe gegründet wurde – auch eine Form der Nachbarschaftshilfe. Nach Angaben des Gründers Nico Thies, grüner Bezirkspolitiker in Eimsbüttel, fungiert sie als Austauschplattform im Internet sowohl für betroffene Geschäftsleute und Selbstständige als für solidarische Kunden. „Es gibt eine Welle von Solidarität bei Menschen, die einfach helfen wollen“, sagt Thies, der von seinen Freunden René Gögge und Dominik Lorenzen unterstützt wird. Gögge sei gut vernetzt in der Kulturbranche, Lorenzen selbst Unternehmer.

Große Solidarität

„Die Idee fußt auf Solidarität: Jene Menschen, die auch weiterhin ein sicheres Einkommen haben, sollen jenen unter die Arme greifen, die es gerade besonders benötigen – indem sie Gutscheine erwerben, die sie dann später einlösen, wenn die Krise vorbei ist“, so Thies. Eine Art Mikrokredit, ausgestellt von Kunden an ihre Lieblingsrestaurants, Friseure, Fachgeschäfte, aber auch Kulturstätten oder an die Musiklehrer des eigenen Kindes. Amazon stelle massiv Leute an, das habe ihn aufgerüttelt, dem Konzern dürfe man nicht das Feld überlassen: Man müsse den Leuten klarmachen, „dass sie jetzt nicht das Geld in den Onlinehandel stecken, sondern die lokale Wirtschaft unterstützen. Wir brauchen die Kaufkraft hier vor Ort, um Arbeitsplätze, aber auch das nachbarschaftliche Zusammenleben zu sichern.“

UKE-Virologin zur Corona-Krise:

UKE-Virologin: "Können Corona-Ausbreitung nicht verhindern"
UKE-Virologin: "Können Corona-Ausbreitung nicht verhindern"

Im besten Fall werde das Netz „bald geflutet mit Beiträgen von Privatpersonen, die mitteilen, dass sie gerade Gutscheine für die nächsten Abendessen im Lieblingslokal oder Unterrichtsstunden bei der Musiklehrerin im Voraus bezahlt haben“, sagt Thies.

Lesen Sie auch:

Die derzeitige Isolation ist aber auch ein soziales Problem. Um einer möglichen Vereinsamung älterer Menschen in Zeiten von Corona entgegenzuwirken, hat der Hamburger Landesverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO) ein Telefonpatenschafts-Projekt ins Leben gerufen. „Nachdem die Seniorentreffs geschlossen hatten, sind wir auf die Kommunikation per Telefon umgestiegen“, sagt AWO-Mitarbeiterin Catherine le Mellec. Unter 0800-28 436 28 können sich von Montag bis Freitag in der Zeit von 10 Uhr bis 18 Uhr Ältere mit Gesprächsbedarf melden. Freiwillige können sich auf der Website www.awo-hamburg.de registrieren.​

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg