Achter Teil

Corona-Tagebuch: Altes Liedgut und gespenstische Baumärkte

Vor den Hamburger Baumäkten bilden sich zurzeit ebenfalls lange Schlangen.

Vor den Hamburger Baumäkten bilden sich zurzeit ebenfalls lange Schlangen.

Foto: MARCELO HERNANDEZ / FUNKE Foto Services

Ein Stadt sucht gemeinsam Trost – und trifft sich dabei auf den Balkonen und beim Heimwerker-Fachhandel.

Hamburg. O Freunde, nicht diese Töne! Sondern lasst uns angenehmere anstimmen, und freudenvollere. Freude!“ Kann ein Lied passender sein, als Freude Schöner Götterfunken - das Gedicht Friedrich Schillers in der majestätischen Vertonung des großen Ludwig van Beethoven? Wir sind am Sonntagabend noch etwas zaghaft und trauen uns nicht so recht zu singen, aber das wird schon. Die Stadt entdeckt in diesen Tagen nicht nur einen neuen Zusammenhalt, sondern auch das alte Liedgut.

Schaffe, Schaffe, Häusle baue. Das Corona-Virus treibt seltsame Blüten. In Bayern sind die Baumärkte längst geschlossen, in Baden-Württemberg dürfen sie noch öffnen – und erleben einen Ansturm. Auch vor den Baumärkten in der Hansestadt bilden sich lange Schlangen von Heimwerkern und Hobbygärtnern.

Ein Security-Mitarbeiter vor dem Hagebaumarkt in der Jessenstraße regelt den Einlass: „Aus gegebenem Anlass steuern und begrenzen wir die Anzahl der Kunden im Markt, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren“, warnt ein Schild. Innendrin arbeiten alle Mitarbeiter mit Mundschutz, die Gänge sind gespenstisch leer. Es wirkt seltsam, dass beim großen Einfrieren der Wirtschaft die Baumärkte ausgenommen sind. Aber es könnte die Volksseele beruhigen: Wer gärtnern, heimwerken, basteln darf, ist beschäftigt. Und kommt nicht auf dumme oder dunkle Gedanken.

Corona in Hamburg und im Norden: Die besten Fotos

Aus grauer Städte Mauern zieh’n wir durch Wald und Feld. Was wäre eigentlich gewesen, wenn das Virus nicht in den lichten Tagen des Vorfrühlings, sondern im nebligen Novembergrau hervorgekrochen wäre? Welch ein Trost ist in diesen Tagen der blaue Himmel, das Sonnengold und das Weiß und Rosa der Zierkirschen? Waren jemals so viele Jogger unterwegs wie heute? Und wie viele Umwege müssen sie laufen, weil alle den Zwei-Meter-Abstand einhalten?

The Times They Are A Changin’ Derselbe Weg, derselbe Zeitpunkt, dieselbe Perspektive, eine andere Stadt. Vor einer Woche hieß es an dieser Stelle im Tagebuch: „Einige Hundert Meter weiter stauen sich plötzlich die Fahrzeuge wieder in den Gassen von Ottensen. Wir sehen unsere kleine Welt plötzlich mit anderen Augen. Wie schön so ein Stau sein kann! Wie herrlich, der Bus vor uns hält an jeder Station! Wie wunderbar, auf der Baustelle wird gearbeitet! Alles so normal hier.“ Heute fährt kaum noch ein Auto, die Baustelle ist verwaist und der Bus hält auch nicht mehr – er ist menschenleer.

Lesen Sie auch:

„Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr es soll uns doch gelingen.“ So viel Zuversicht wie bei Martin Luther ist in diesen Tagen rar – aber aus Italien, dem Epizentrum der Krise, dringt Hoffnung über die Alpen: Der 93-jährige Soziologe Franco Ferrarotti prophezeit „eine Explosion an Lebensfreude“ und enorme Lust am Wiederaufbau“, einen Sprungfeder-Effekt. Freuen wir uns drauf.

Coronavirus: So wird in Hamburg getestet

Coronavirus: So wird in Hamburg getestet