Telefon-Aktion

„Der Fliegeralarm war nicht so schlimm wie das Corona-Virus“

Abendblatt-Redakteur Edgar S. Hasse.

Abendblatt-Redakteur Edgar S. Hasse.

Foto: Mark Sandten

Leser des Hamburger Abendblatts schilderten unserem Redakteur Edgar Hasse ihre Sorgen und Ängste rund um die Pandemie.

Hamburg. Einsamkeit, Sorge um den Job, Angst vor Ansteckung und Krankheit – das waren die großen Themen der Abendblatt-Sonntagsaktion „Ein offenes Ohr“. Zahlreiche Leser aus der Metropolregion nutzten gestern das Angebot für ein beratendes Telefon­gespräch rund um die Corona-Epidemie und die Folgen für jeden Einzelnen.

„Es waren zu Herzen gehende, anrührende Gespräche mit Tränen, aber auch mit Heiterkeit und dem festen Willen, diese Krise zu meistern“, sagte Abendblatt-Redakteur Edgar S. Hasse, der sechs Stunden lang als Gesprächspartner zur Verfügung stand und darüber hinaus E-Mails entgegennahm. Hasse ist promovierter Theologe und außerdem ehrenamtlich als Seelsorger tätig.

Alte Konflikte verstärken sich in der Corona-Krise

Da ist die Rentnerin, die sich um ihren Minijob sorgt, weil sie ihn dringend zur Aufbesserung ihrer Rente braucht. Da ist eine alleinstehende Frau, die mit der kompletten Schließung des öffentlichen Lebens nicht fertig wird. Statt ins Theater oder in Konzerte gehen zu können und dort soziale Kontakte zu pflegen, fühlt sie sich nun einsam. Konflikte, die es im Leben ohnehin schon gibt, verstärken sich unter dem Eindruck der Corona-Krise und führen die Menschen noch mehr in die Isolation – so ein Resümee der Gespräche.

Einige Anrufer – gut 90 Prozent davon waren Frauen – haben ihre Bereitschaft erklärt, an Hilfsprojekten mitzuarbeiten. Auf dringende Hilfe angewiesen ist zum Beispiel eine Seniorin aus Wandsbek, deren Lebensmittelvorräte zur Neige gehen. „Sie reichen noch drei Tage. Spätestens dann brauche ich jemanden, der für mich einkauft“, sagt sie. Eine andere hochbetagte Dame hatte derweil die Frage, ob sie sich auch ohne Symptome einem Corona-Test unterziehen sollte. Sie fühle sich allerdings gut. Angesprochen auf ihre Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg mit dem „Feuersturm“ in Hamburg, sagte sie – man mag es kaum glauben: „Der Fliegeralarm war nicht so schlimm wie das heute mit dem Corona-Virus.“

Sorgen vor Ansteckung

Sorgen vor Ansteckung macht sich indes eine Leserin, die an einer Lungenkrankheit leidet. Sie ist auf einen Pflegedienst angewiesen. „Der trägt aber gar keinen Mundschutz, nur Handschuhe“ sagt sie – und ist fest entschlossen, den Service unter diesen Bedingungen zu stornieren. Andere Anrufer brauchen Hilfe für das Waschen und die Pflege ihrer Haare, weil die Friseure nun geschlossen haben. „Mir geht es nicht um Schönheit, sondern um einfache hygienische Maßnahmen“, sagte eine Frau, die an den Folgen eines Schlaganfalls leidet. Wer ihr nun die Haare waschen könne, wisse sie nicht.

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Aber es gab auch Heiterkeit in den intensiven Gesprächen, die teilweise bis zu 30 Minuten dauerten. Welche Aktien könne man jetzt kaufen?, wollte eine Leserin wissen und kündigte an, nach dem Telefonat mit ihrem Rollator an die Alster zu fahren. Das Leben in Corona-Zeiten.